Wann wird man je verstehn? Annäherungen an das Erleben von Demenz

„Am wichtigsten im Umgang mit demenzbetroffenen KlientInnen sind Verständnis und Empathie.“ Diese Aussage höre ich als Bildungsmanagerin Demenz im Kardinal König Haus oft von SeminarteilnehmerInnen mit kleinen Variationen. Nicht zuletzt die Validation gibt uns vor, dass wir „in die Schuhe“ der Betroffenen schlüpfen sollen, sie verstehen und über das Verstehen mit ihnen fühlen. Wenn die Menschen unsere Denkweise nicht mehr verstehen, sich nicht mehr an uns anpassen können, dann müssen wir ihnen entgegenkommen. Als Forderung, als hehres Ziel, als Kalenderspruch ist das alles fein.

Aber wie stellen wir uns den Weg zu diesem Verstehen eigentlich vor? Ist damit nur Geduld gemeint und der Gedanke „Muss ja schlimm sein…“? Reicht die Erinnerung daran, wie es ist, den Hausschlüssel zu vergessen? Oder die Sammlung von Dingen, „die ich nie vergessen will“? Alle Annäherungen an dieses Verstehen, das ist schnell klar, bleiben holzschnittartig, grob, unscharf. Aber versuchen müssen wir es, mit allen Sinnen und immer neuen Zugängen – und jedenfalls über Selbsterfahrung. Ohne den Um(?)weg über das eigene Erleben ist hier kein Erkenntniszuwachs – weil ja eigentlich Erfühl-Zuwachs – möglich.

Eine Möglichkeit geht also über den Körper. Marina Kojer, Sabine Baumbach und andere lassen unsere Teilnehmenden ganz unmittelbar und unvergesslich erleben, wie es ist, nur die weiße Decke oder sich zu sehen. Einen Waschlappen unvermittelt ins Gesicht zu bekommen. Von hinten mit dem Stuhl verrückt zu werden. Was so erlebt wurde, prägt sich ein. Aber wie die kognitiven Verluste nachempfinden?

Das demenz balance Modell, entwickelt von Barbara Klee-Reiter, verspricht einen Zugang zu dieser Erfahrung. Nach einigen positiven Rückmeldungen konnte ich Raphael Schönborn, Leiter unseres Dementia Care Lehrgangs, motivieren, sich in dieser Methode ausbilden zu lassen. Seine erste Anwendung der Methode gestaltete er als „Pilotdurchgang“ mit einer sehr heterogenen Zielgruppe. Da musste ich jedenfalls dabei sein, um mir selbst ein Bild zu machen.

„Steuern Sie selbst, wie tief Sie eintauchen!“ Klar, das kommt bei Selbsterfahrung am Anfang, das muss ich noch nicht besonders ernst nehmen. Da ahne ich noch nicht, dass mir zwanzig Minuten später Tränen übers Gesicht rinnen. Wie kam das? Das Hilfsmittel, das Klee-Reiter für ihre Methode entwickelt hat,  kommt putzig daher. Eine Silhouette wie von einem Spielkegel. Auf Anweisung des Moderators trägt man wichtige Eigenschaften, Errungenschaften des eigenen Lebens ein und beurteilt die Kraft zur Bewältigung von Schwierigkeiten. Und dann, wenig überraschend, die Verluste. Die eben notierten Antworten verschwinden, lassen weiße Flecken übrig. „Was fühlen Sie jetzt, wenn das weg ist?“ Die Stunde der Wahrheit…

„Eigentlich steht bei mir überall traurig,“ stellt meine Nachbarin erstaunt fest. „Scham, Wut,“ notiert eine andere. Sehr unterschiedlich fallen die Antworten aus – und ich bin erschüttert. Mir geht jeglicher Kontakt nach außen in dieser simulierten Situation verloren. Ganz auf mich zurückgeworfen, tut sich vor mir ein großer schwarzer Abgrund auf. Jetzt wäre es gut, mich einzubremsen. Aber Gott sei Dank geht es weiter. „Was könnte Ihnen helfen zu kompensieren?“, fragt Raphael Schönborn. Nichts und niemand, denke ich, alles verloren. Aber er wiederholt die Frage und langsam tun sich doch Möglichkeiten auf. Wenn ich Menschen finde, die mir Hilfestellungen geben, Bruchstücke meines Ich wieder herstellen, mir zeigen, was ich kann, dann will ich vielleicht doch wieder…

Unser kurzer Probedurchlauf ist viel zu schnell vorbei, so viel gäbe es jetzt zu sagen. Für mich bleibt ein ganz neuer Blick darauf, was ich von anderen brauchen würde, wenn… Nicht Bespaßung, nicht Ablenkung, nicht Mitleid(en), sondern Gelegenheiten, mich zu zeigen, mich zu beweisen. Ich brauche ein Gegenüber, das mich wahrnimmt mit meiner ganzen Geschichte. Das nicht einen Biografiebogen ausfüllt, um zu verstehen, welche Lieder ich singen will, sondern um zu hören, wie es für mich war, Musik zu machen. Ich brauche eine Bastelrunde, nicht um hässliche Kastanienmännchen zu basteln, sondern um die Erfahrung zu machen, dass  ich etwas fertig bringe, dass ich noch etwas herstellen kann, egal was es ist.

Demenz ist individuell, für jeden verschieden. In unserer kleinen Runde hat sich das ganz eindrücklich gezeigt: Schon der Versuch des Eintauchens bringt völlig verschiedene Gefühle, Reaktionen, Bedürfnisse und Bewältigungsmuster zum Vorschein. So verschieden wollen wir wohl eines Tages auch behandelt werden. Und so verschieden sind auch die Menschen, die uns morgen wieder in Betreuung und Pfl ege begegnen werden. Nicht „die Dementen“ – sondern Personen, die mit Demenz leben, so individuell und unterschiedlich, wie sie auch ohne Demenz gelebt haben. Das demenz balance Modell hat mir geholfen, das nicht nur zu verstehen, sondern zu erleben.

Ich freue mich, dass wir diese Möglichkeit nun durch Raphael Schönborn in unseren Lehrgängen fi x anbieten können. (Demenzbegleitung, Dementia Care, Dementia Leadership).

Über Petra Rösler 1 Artikel

Freiberufliche Bildungsmanagerin u.a. für Forum Palliative Praxis Geriatrie am Kardinal König Haus für das Netzwerk „Gut leben im 13. – inklusive Demenz“ und den Verein Freiwilligenmessen. Schwerpunkte: Demenz, Freiwilligenarbeit und Nachhaltigkeit.

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