Vom Kleinen zum Großen

Österreichs erstes Kinderspital feiert sein 180 jähriges Bestehen

Als beispielgebende Einrichtung konnte sich das St. Anna Kinderspital als Vorreiter im Kampf gegen Säuglingssterblichkeit bereits in einer Zeit einen Namen machen, als Leben und Gesundheit sozial schwacher Bevölkerungsgruppen einen geringen Stellenwert hatten. Daran hat sich bis heute grundsätzlich nichts geändert, lediglich die Schwerpunkte dieses ungebrochen positiven Engagements haben sich im Verlauf der Jahrzehnte verschoben: Vom ersten österreichischen Kinderkrankenhaus, das sich erfolgreich dem Kampf gegen die damals erschreckend hohe Säuglingssterblichkeit verschrieben hatte, zu einem Zentrum für Kinder- und Jugendheilkunde, das heute modernste medizinische und pflegerische Behandlung, psychosoziale und pädagogische Betreuung anbietet.

Die Gründung ging auf die Initiative von Dr. Ludwig Mauthner, Mitglied der Wiener Medizinischen Fakultät und Doktor der Chirurgie, zurück. Mauthner wollte hilflosen und armen Kindern helfen und 1837 wurde das St. Anna Kinderspital am heutigen Standort im 9. Bezirk in Wien eröffnet.

Die Betreuung von kranken Säuglingen, Kindern- und Jugendlichen in den Spitälern war über viele Jahrzehnte ausschließlich den Pflegepersonen, damals „Säuglingsschwestern“, vorbehalten. Eltern oder Bezugspersonen war es  meist nur einmal pro Woche möglich, ihre kranken Kinder für eine kurze Zeitspanne zu besuchen. Die Pflegerin galt über viele Jahre als verlängerter Arm des Arztes und als Mutterersatz.

Pflegepersonen nehmen im Gesundungsprozess eine Schlüsselrolle ein

Mit dem verstärkten Einzug entwicklungspsychologischer, pädagogischer und pflegewissenschaftlicher Erkenntnisse in die stationäre Versorgung entwickelte sich auch das Berufsbild der Pflege weiter, die Bedeutung der Pflege wurde  zunehmend erkannt, ihr Stellenwert wichtiger, Pflege wurde vom ärztlichen Hilfsberuf zur eigenständigen Profession.

Professionelle Pflege ist ein hochkomplexes Themenfeld, umfassendes Fachwissen und ständige Weiterentwicklung sind wesentliche Entwicklungsfelder. Pflege im St. Anna Kinderspital heißt, dass evidenzbasiert und angelehnt an die Pflegemodelle von Dorothea Orem und Nancy Roper (Stammzellentransplantationsstation) gepflegt und betreut wird.

Wesentliche Fundamente der Profession Pflege sind hohes Fachwissen und soziale Kompetenz. Die Kombination beider Bereiche ist die Voraussetzung für die Umsetzung von Pflegequalität. Denn nur mit guter Ausbildung sind die Grenzen des eigenen Wissens zu erkennen und reflektiertes Handeln möglich. Information, Anleitung und Beratung der PatientInnen und deren Bezugspersonen sind zu wesentlichen  Schwerpunkten pflegerischen Handelns im St. Anna Kinderspital geworden und werden in den pflegerischen Focus gestellt.

Behandlungen, Therapie, Diagnostik und Betreuung sind traditionell stark aus der Medizin heraus geprägt und angesehen. Die medizinische Behandlung schafft Prestige. Der pflegerische Anteil wird kaum gesehen, ist zwar 24/7 vorhanden, aber kaum jemand beschreibt, dass die Pflege die einzige Berufsgruppe ist, die Tag und Nacht am Patienten ist.

Arbeitsbedingungen, die Freiräume und Innovation zulassen und  deren Umsetzung möglich machen, war für die Pflegedirektorinnen des St. Anna Kinderspitals in den letzten 30 Jahren ein wesentlicher Schwerpunkt ihrer Managementtätigkeit. So konnte sich die Berufsgruppe der Pflege als ein hochprofessioneller und eigenständiger Bereich positionieren. Die Kinder- und Jugendlichenpflege im St. Anna Kinderspital war immer von Neugierde und Gestaltungswillen geprägt. Starre Strukturen konnten aufgebrochen werden, ärztliche Anweisungen und organisatorische Strukturen wurden immer mehr hinterfragt, die dienende wurde immer mehr durch die gestaltenden Rolle der Pflege zurückgedrängt. War das Haus in den 80er Jahren noch nicht herausragend  – bald wurde es zum Vorzeigekrankenhaus. Waren die theoretischen und strukturellen Fundamente der Kinder- und Jugendlichenpflege zunächst noch nicht besonders ausgeprägt – in diesen Jahren konnten Themen besetzt, Expertise gebildet und Entwicklungen angestoßen werden, die die Pflege generell veränderten.

1994 wurde die Stabstelle Pflegequalitätssicherung installiert, Aufgaben wie Praxisanleitung, Leitbildentwicklung, Erarbeitung von Standards, Fortbildungen usw. wurden somit einer strukturierten Bearbeitung zugeführt. Zu dieser Zeit gab es  nur in fünf Krankenhäusern in Österreich ähnliche Stabstellen.

Dass korrekte, nachvollziehbare Pflege nur mit institutionell verankerten Vorgaben durchgeführt werden kann, wurde von den Pflegepersonen erkannt und so wurde schon ab 1988 mit strukturierten Formularen das pflegerische Erstgespräch, die Pflegeplanung und der Pflegebericht durchgeführt – in einer Zeit, wo in vielen Ausbildungsstätten noch kaum Inhalte zum Pflegeprozess vermittelt wurden.

Pflegende, die ihr Tun ins Zentrum stellen, sich als proaktive PartnerInnen für Kinder und Ihre Bezugspersonen präsentieren, die Bedürfnisse der PatientInnen und Familien wahrnehmen und berücksichtigen und sich durch kompetente Zusammenarbeit im multiprofessionellem Team auszeichnen, stehen für die Pflege im St. Anna Kinderspital!

Motor der Entwicklung des Pflegebereichs des St. Anna Kinderspitals waren stets die Pflegedirektorinnen, die sich zum Ziel gesetzt hatten, dass „der Pflegebereich genauso berühmt wird wie der medizinische, onkologische Bereich.“

Gemeint war nicht nur die direkte Pflege an den PatientInnen, sondern „Alles“ – Prinzipien, Haltungen, Systeme und Methoden. Und tatsächlich schafften sowohl die Pflege im St. Anna Kinderspital als auch die Kinder- und Jugendlichenpflege insgesamt diesen großen Sprung und nahmen in diesen Jahren eine gigantische Entwicklung. War das Kinderspital in den 80er Jahren noch nicht herausragend – bald wurde es zum Vorzeigekrankenhaus. Waren die theoretischen und strukturellen Fundamente der Kinder- und Jugendlichenpflege zunächst noch nicht besonders ausgeprägt – in diesen Jahren konnten Themen besetzt, Expertise gebildet und Entwicklungen angestoßen werden, die die Pflege generell veränderten.

Familienorientierte Pflege als zentrales Element

Die Schwerpunkte der medizinischen Versorgung der letzten 130 Jahre wandelten sich von einem Kampf um das Leben erkrankter Kinder hin zur Schaffung von Strukturen, die eine hohe Lebensqualität kranker Kinder zulässt und hervorbringt.

Familienorientierte Pflege gilt als partnerschaftliche Kooperation von Bezugspersonen und professioneller Pflege – im St. Anna Kinderspital agieren seit vielen Jahren Pflegepersonen im multiprofessionellen Team nach diesen Grundsätzen.

Pionierrolle

Als erstes österreichisches Kinderspital wird 2008 gemeinsam mit der  Universitätsklinik für Kinder- und Jugendliche am Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Wien, das sogenannte „Manchester Triage System“ eingeführt. Dabei ermöglicht ein System, dass die Ersteinschätzung eines erkrankten Kindes in der Notfallambulanz durch kompetente Pflegepersonen stattfindet. Es heißt also nicht mehr „warten bis der Arzt kommt“, sondern erfahrene Pflegepersonen beurteilen die Dringlichkeit und leiten im Ernstfall sofort an eine Ärztin weiter.

Eine ganz andere Premiere, gab es im Jahr 1982 – wieder einmal wird eine starre Struktur in der Kinder- und Jugendlichenpflege in Österreich aufgebrochen: Der erste männliche Kinder- und Jugendlichenpfleger Österreichs fängt im  St. Anna zu arbeiten an. 

Ausblick

Entstanden aus einer Privatinitiative und als Kampf gegen das Elend und die hohe Kindersterblichkeit Anfang des 19. Jahrhundert, hat das St. Anna Kinderspital turbulente Zeiten durchlebt: Zwei Weltkriege, Kaiser, Kanzler, Diktatoren und die junge Republik. Oft galt der Einsatz nicht nur dem Überleben der jungen PatientInnen, sondern auch dem Überleben des Spitals. Doch niemals wurde dabei die Vision des Gründers Ludwig Wilhelm Mauthner aus den Augen verloren, Medizin  und Pflege voran zu bringen und Erkenntnisse unmittelbar zum Wohle der Kinder umzusetzen. Damit nahm das St. Anna Kinderspital stets eine Sonderrolle ein, die es auch heute noch hat: Als städtisches Krankenhaus mit Kernkompetenzen auf universitärem Niveau und einer stark ausgeprägten Familienorientierung, in dem immer wieder Meilensteine in der Entwicklung gesetzt wurden.

 

 

 

 

Über Barbara Hahn 1 Artikel
Diplom für Gesundheits- und Krankenpflege und Kinder- und Jugendlichenpflege, Studium Advanced Nursing Practice, Pflegedirektorin und Geschäftsführerin St. Anna Kinderspital GmbH

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen