Geschlechtliche Vielfalt als gesellschaftliche Form

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Rosa oder hellblau? Die Welt scheint für die meisten Menschen recht klar und eindeutig was das Thema biologisches Geschlecht betrifft. Ist sie aber nicht unbedingt. Immerhin kommt laut ISNA (Intersex Society North America) 1 von 100 (!) Neugeborenen  mit Genitalien auf die Welt, die in irgendeiner Form nicht der „Norm“ entsprechen – ohne, dass dabei jedoch von Intersex gesprochen wird.

Rund 1-2 von 1000 Neugeborenen kommen jedoch mit eindeutig intersexuellen bzw. zwischengeschlechtlichen Genitalien auf die Welt, sprich: sie sind nicht eindeutig “weiblich” oder “männlich” oder haben Anteile beider Normgeschlechter. Das ist möglich, weil alle Babys ein weibliches Ausgangsgeschlecht haben. Dadurch kann man dann debattieren, wo eine vergrößerte Klitoris aufhört und was schon die Eichel eines Micropenisses ist.

Die allermeisten intergeschlechtlichen Personen kommen jedoch erst irgendwann im Lauf ihres Lebens darauf – etwa in der Pubertät, wenn „körperfremde“ Hormone den Körper sich in eine Richtung verändern lassen, die nicht voraussehbar war. Etwa, wenn bei Mädchen ein Stimmbruch einsetzt und die Regel ausbleibt oder ihre Klitoris zu wachsen beginnt. Oder wenn bei Burschen die Brust zu wachsen beginnt oder  Bartwachstum, Stimmbruch und Penislängenwachstum ausbleiben. Manche Menschen kommen erst bei unerfülltem Kinderwunsch darauf, wenn die Medizin auf Ursachenforschung geht.

Aber wie wird Geschlecht überhaupt definiert?

Insgesamt gibt es 5 sogenannte „Marker“

  1. innere Geschlechtsorgane
  2. äußere Geschlechtsorgane,
  3. Keimdrüsen (Fortpflanzungsorgane),
  4. Hormone
  5. Chromosomen.

Medizin und Gesellschaft stellen ziemlich viele Erwartungen an  menschliche Geschlechter. Im “Ideal-Fall” hat ein “Mann” :

  • XY-Chromosomen,
  • Testosteron und Spermien produzierende Hoden in einem Hodensack unterhalb seines Penis,
  • der bei der Geburt größer als 2,5 Zentimeter ist und in dessen Eichel die Harnröhre mündet.
  • Sein Körper reagiert auf das Testosteron in der Pubertät mit Haarwuchs, Stimmbruch und Muskelwachstum.

Eine “Frau” sollte haben:

  • XX-Chromosomen,
  • Östrogene, Progesteron und Eizellen produzierende Eierstöcke,
  • eine in eine Gebärmutter mündende Scheide,
  • die unter der bei der Geburt weniger als 0,7 cm großen Klitoris liegt,
  • sowie eine unter der Klitoris liegende Harnröhre.
  • Der Körper reagiert auf die genannten Hormone mit der Produktion von Eizellen und Brustwachstum.[1]

Intersex ist ein Sammelbegriff für all jene Menschen, deren Geschlechtsmerkmale von medizinischen / gesellschaftlichen Normvorstellungen abweichen.

Auch heute noch werden Körper, die nicht in diese starren Zweigeschlechternormen passen, chirurgisch oder hormonell verändert.

Jedes Kind kommt mit seinem eigenen, individuellen Geschlecht zur Welt: “Babies are born in a perfect way”

Was/Wer nicht sein darf, wird genital verstümmelt

Obwohl diese Babys völlig gesund sind und in keiner Weise behandlungsbedürftig oder ein medizinischer Notfall werden pränatal diagnostizierte IntersexMenschen als “schwere Missbildungen” klassifiziert, die Eltern nicht zugemutet werden können und die deshalb zur Spätabtreibung freigegeben werden.[2]

So werden die meisten Betroffenen auch heute noch als Notfall behandelt – und frühzeitig medizinisch einem der beiden Normgeschlechter “angepasst”: d.h. man designt Babygenitalien, schneidet unwiederbringlich alles weg, was scheinbar nicht zum Körper gehört – und das sind oft gesunde, hormonproduzierende Keimdrüsen, was den Verlust der Fortpflanzungsfähigkeit sowie die Einnahme körperfremder Hormone ab Beginn zur Folge hat. “Vergrößerte” Klitoriden werden amputiert, Neovaginen angelegt (hier werden Kinder ab Babyalter mit Scheidenkonen penetriert), Harnröhren verlegt, im Bauchraum liegende Hoden entfernt (Argument: “könnten Krebsrisiko in sich tragen” – engmaschige Kontrolle wäre hier eigentlich angesagt!) etc.

Diese körperlichen Traumata sowie die extreme Tabuisierung und Angst, entdeckt und geoutet zu werden, machen es vielen Betroffenen unmöglich, ein Leben ohne Schmerzen und Scham , ein Leben in Würde zu führen. Intimität ist für viele derart betroffene Inter*Personen nicht lebbar, Selbstmordversuche und –Gedanken prägen das Leben vieler.

Und wozu? Um eine scheinbare Zweigeschlechtlichkeit, eine binäre Geschlechterstruktur aufrecht zu erhalten, die schlicht nicht existiert! Es herrscht eine enorme geschlechtliche Bandbreite zwischen dem, was eingangs erwähnt von “Mann” und “Frau” erwartet wird. Doch das Wissen hierum ist nicht vorhanden. Die meisten Menschen gehen immer noch ganz selbstverständlich davon aus, dass es nur Mann und Frau gibt und geben darf. Intersexualität ist in unserer Gesellschaft extrem tabuisiert. Intersexualität bringt unser Weltbild ins Wanken. Und es verunsichert Eltern zutiefst, da sie meist noch nie etwas darüber gehört haben.[3]

Weshalb darf nicht sein, was ist?

Das Personenstandsgesetz

Derzeit muss in Österreich innerhalb von 2 Wochen nach der Geburt angegeben werden, ob ein Kind Bub oder Mädchen ist. Dieser Eintrag erfolgt dann im sog. Personenstandsregister. Da wir nur diese beiden Optionen haben, müssen auch IntersexKinder zugeordnet werden – sie müssen dazu jedoch nicht operativ “angeglichen” worden sein! Dies erleichtert es ihnen später immens, sich selber zu entscheiden.

2013 ist in Deutschland ein neues Gesetz bezüglich des Personenstandseintrages in Kraft getreten: Wenn nein Kind mit “uneindeutigen” Geschlechtsmerkmalen geboren wird, MUSS der Geschlechtseintrag offenbleiben. Das birgt die große Gefahr, dass Eltern diesem “Zwangsouting” entgehen möchten und ihre Kinder nun noch schneller medizinisch anpassen lassen, um eine Eindeutigkeit herzustellen.

Länder wie Nepal oder Australien bieten erwachsenen Menschen die Möglichkeit, neben männlich und weiblich auch noch ein “drittes Geschlecht”, “others” im Personenstand anzugeben.

Wir alle kennen IntersexMenschen – nicht erst seit den Sportler*innen Erik(a) Schinegger oder Caster Semenya.

Gehen Sie ruhig davon aus, eine IntersexPerson zu kennen, ohne es zu wissen. Darüber wird nicht gesprochen!

“Jedes Kind weiss, dass Schnecken Zwitter sind. Jedes Kind sollte wissen, dass auch Menschen Zwitter sein können[4]”, sagt Alex Jürgen, österreichischer IntersexAktivist und meint damit, dass die Thematik etwa auch in die Lehre von pädagogischen, beratenden, medizinischen und therapeutischen Berufen Einzug halten muss. Und zwar nicht als Attraktion oder pathologische und deshalb behandlungswürdige “Störung”[5], sondern als Geschlechtsvariation.

Die Thematik Zwischengeschlecht muss enttabuisiert und auch entdramatisiert werden.

Alle Menschen haben ein Recht auf körperliche Unversehrtheit

Seit Jahrzehnten plädieren Inter*essensgemeinschaften dafür, Kinder so aufwachsen zu lassen, wie sie sind. Inter*Menschen sollen selbstbestimmt, voll aufgeklärt (auch über ihre Potentiale und Fähigkeiten, über die Möglichkeit, dass ein Leben “zwischen den Geschlechtern” lebenswert sein kann) und erwachsen darüber entscheiden können, ob sie etwas an ihren Körpern verändern möchten oder nicht.

Alles andere verletzt Menschenrechte, etwa das Recht auf körperliche Unversehrtheit, auf sexuelle Selbstbestimmung oder auch das Recht auf eine “offene Zukunft”.

Malta hat hier mit dem gesetzlichen Verbot der normierenden Geschlechtsanpassungen an Kindern vor kurzem ein Exempel statuiert, dem hoffentlich bald viele Länder folgen.

Laut einer Studie der Europäischen Grundrechte Agentur FRA aus 2015 werden noch in über 20 europäischen Mitgliedsstaaten geschlechtsverändernde Eingriffe an Neugeborenen vorgenommen.[6]

Be informed:

Seit der Gründung des Vereins Intersexuelle Menschen Österreich 2013 ist es InterPersonen in Österreich möglich, in den Austausch zu gehen, Selbsthilfegruppen zu besuchen und sich Empowerment zu holen: www.vimoe.at

Gleichzeitig wurde die Plattform Intersex Österreich PIÖ gegründet, in der Wissenschafter*innen und Aktionist*innen gebündeltes Wissen zur Verfügung stellen, Tagungen Seminare organisieren, vernetzen etc. www.plattform-intersex.at

Buchempfehlungen:

Mein intersexuelles Kind. Männlich, weiblich, fließend: Clara Morgen

Leben zwischen den Geschlechtern: Ulla Fröhling

Lila – oder was ist Intersexualität? zu beziehen unter www.intersexuelle-menschen.net (Kinderbuch)

Jill ist anders. Ein Kinderbuch zur Intersexualität: Ursula Rosen

BEGRIFFLICHKEITEN: Der Terminus Intersexualität wird oft abgelehnt, weil das Wort Sexualität im deutschen Sprachgebrauch oft mit „Begehren“ gleichgesetzt wird (homo-/hetero-/bisexuell) – bei Intersex handelt es sich jedoch nicht um eine sexuelle Orientierung, sondern um die sexuelle Identität. Inter*Personen können sich wahrnehmen als weiblich / männlich / „dazwischen“ / weder noch / etwas ganz Anderes….

Der Stern* (Asterisk) soll Raum für all jene Personen in der Schriftsprache öffnen, die sich dem Zweigeschlechtersystem nicht zuordnen können oder wollen.

[1] entnommen: www.vimoe.at

[2] mehr Informationen hierzu: www.zwischengeschlecht.info

[3] Leider, denn in Geburtsvorbereitungskursen wird es ihnen ja auch selbstverständlich zugemutet, sich mit der Frage nach Nackenfaltenmessungen auseinander zu setzen. Sie erhalten jedoch keine Info, dass es sein könnte, ein völlig gesundes Kind zur Welt zu bringen, das nicht ins Zweigeschlechtersystem passt.

[4] Der Begriff Zwitter sollte von Nicht-Intersex-Personen nicht (mehr) verwendet werden

[5] der derzeit in der Medizin verwendete Begriff DSD – Disorders of sexual Development – Störung in der Geschlechtsentwicklung wird von vielen Interessensgemeinschaften strikt abgelehnt.

[6] http://fra.europa.eu/de/press-release/2015/die-rechte-intersexueller-werden-allzu-haufig-nicht-zur-kenntnis-genommen

Über Gabriele Rothuber 1 Artikel

Mag.a Gabriele Rothuber: Intersex-Beauftragte der HOSI Salzburg, Dipl. Sexualpädagogin, Sexualberaterin, System. Traumapädagogin und -Beraterin, Kontakt: intersex@hosi.or.at, Seminare für Pflegekräfte, Hebammen, Kinder- und Säuglingspflege, Pädagog*innen, Beratende, Therapeutisch Tätige

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