„Triage“ in der Notaufnahme

Risikomanagement mit einem strukturierten Einschätzungsinstrument

(C) Krey

Risiken gibt es in vielen Bereichen der Gesundheitsversorgung, in kaum einem anderen Versorgungsbereich im Krankenhaus ist das Risiko dabei so hoch, wie in der Notaufnahme. Unbestreitbar bestehen auf den Intensivstationen, dem Kreißsaal und dem OP bei kritisch kranken Patienten Risiken, in der Notaufnahme aber kommt ein Mix aus Stress, geringer Personalausstattung und ständig schwankenden Patientenzahlen und Krankheitsbilder hinzu. Die Situation in den nächsten 0 Minuten ist kaum vorhersagbar, der nächste Patient mag vital bedroht sein – oder aber eigentlich seit langem schon in die Betreuung durch den Hausarzt gehört haben. Dies macht die Arbeit zur Belastung und erhöht das Risiko, den kritisch Erkrankten nicht zeitnah zu erkennen. Die besondere Kompetenz der dort Tätigen liegt also in der Fähigkeit mit dem Unerwarteten umzugehen. Die in diesem Artikel dargestellte Ersteinschätzung ist eine strukturierte Beschreibung dieser Fachkompetenz und stellt sie allen Mitarbeitern der Notaufnahme zur Verfügung. Damit sollen alle Anwender des Systems gleichermaßen in die Lage versetzt werden, den gefährdeten Patienten zeitnah zu identifizieren und der ärztlichen Behandlung zuzuführen.

Notaufnahmen stehen unabhängig von ihrer Organisationsform als zentrale interdisziplinäre oder dezentrale disziplinäre Strukturen unter zunehmendem Druck. In der Vergangenheit wurden Notfallstrukturen meist als Anhängsel der Abteilungen gesehen und waren daher dem Wohlwollen der Abteilungsleitungen entsprechend personell und räumlich ausgestattet. Im ersten Jahrzehnt des Jahrtausends wurden in vielen Krankenhäusern die Notaufnahmen in ihrer Bedeutung für das Haus und sein Image stärker wahrgenommen (und in der Folge besser ausgestattet). Der Notwendigkeit zu sparen begegneten die Krankenhäuser dadurch, dass die dezentralen Notfallstrukturen zu Zentralen Notaufnahmen zusammengefasst wurden und meist besser ausgestattet wurden. Durch den zunehmenden Spardruck im Gesundheitswesen kippt dieser Effekt nun in den letzten Jahren wieder. Der Rotstift wird angesetzt, obwohl die Notaufnahmen eigentlich sogar eine personelle Verstärkung bräuchten, sehen sie sich doch stetig steigenden Durchgangszahlen gegenüber. Durch die Probleme der Finanzierung und Besetzung der Arztpraxen im Bereich der Kassenärzte steigen seit einigen Jahren die Wartezeiten der Patienten auf bestimmte Arzttermine und Untersuchungen, Hausärzte weisen deshalb ihre Patienten häufiger den Krankenhäusern zu. Dies führt dazu, dass die Notaufnahmen in erheblichem Maße von Patienten in Anspruch genommen werden, die eigentlich nicht in die Notaufnahme gehören [1]. Die Berichte aus den Notaufnahmen zeigen einen jährlichen Anstieg von 5-10%, in Einzelfällen berichten Häuser sogar von Steigerungen um 20-40%.

Die in den Notaufnahmen tätigen Pflegenden (und Ärzte) stehen also drei Problemen gegenüber:
1. Multi- bzw. Interdisziplinäre Fälle, die eine hohe Fachkompetenz verlangen
2. Wahrnehmbar steigende Patientenzahlen
3. Umfangreicher Gefährdungsmix vom Hausarztfall bis zur vitalen Bedrohung

Wartezeiten sind unter diesen Rahmenbedingungen also ein Faktor, mit dem in ungeplanten Umgebungen wie der Notaufnahme immer gerechnet werden muss. Wenn Wartezeiten ein grundsätzlich vorhandenes Phänomen sind, bedarf es ihrer Gestaltung in einer Form, dass sie für den Patienten und seine Angehörigen annehmbar sind und dass durch sie kein medizinischer Schaden verursacht wird. Dies bedeutet, dass bei jedem Patienten unmittelbar bei Eintreffen eine Einschätzung der Behandlungsdringlichkeit durchzuführen ist. Aufgrund des Ergebnisses muss der Patient dann in eine Reihenfolge der nächsten Behandlungen eingereiht werden. Zweierlei ist dabei wichtig: Das Vorgehen und Ergebnis muss dem Patient und, bei Kindern besonders wichtig, den Angehörigen/Eltern verständlich gemacht werden. Der schweigende Rückzug auf Expertenwissen ist hierbei kontraproduktiv. Außerdem ist zu beachten, dass dieses Einschätzungsergebnis eine Momentaufnahme der Situation des Patienten darstellt und daher regelmäßiger Überprüfung bedarf.

Instrumente zur Einschätzung
Unter der Bezeichnung Triage stehen international verschiedene validierte Instrumente zur Abschätzung der Behandlungsdringlichkeit im klinischen Bereich zur Verfügung. Untersuchungen zur Verlässlichkeit (validity) und Nachvollziehbarkeit (reliability) belegen, dass fünfstufige Systeme grundsätzlich eine bessere Qualität liefern [2]. Aufgrund ihrer Verbreitung und wissenschaftlichen Validierung kommen nur vier Systeme in Frage: das australische ATS [3], das kanadische CTAS [4] (mit einer pädiatrischen Variante CPTAS), der US-amerikanische ESI [5] und das britische MTS [6]. Die Systeme unterscheiden sich in Funktionsweise und Aufbau. Die Entscheidung, welches System für den deutschsprachigen Raum geeignet ist, fällt zugunsten des britischen Systems.

Dies hat folgende Gründe:
• 5 Stufen
• Dringlichkeit basiert auf Symptomen
• Aufbau als Diagramm nach Beschwerdebildern ermöglicht schnelle Anwendung
• Gute Validierung
• Weite Verbreitung in Europa
• Gute Anwendbarkeit für die Krankenpflege in Deutschland und Österreich

Hinzu kommt, dass einzig beim MTS eine koordinierte internationale Zusammenarbeit und Weiterentwicklung in einer Internationalen Referenzgruppe IRG stattfindet, alle anderen Systeme werden in nationalen Varianten weiterentwickelt. Damit sind nur beim MTS die Studienergebnisse international vergleichbar. Für Deutschland hat die Ärztekammer Hamburg 2005 die Durchführung der Ersteinschätzung durch Pflegende mittels dem MTS als zulässig bestätigt.

Abgrenzungen
Der oben aufgeführte Begriff der Triage ist für das deutsche Gesundheitswesen ein Begriff, der außerhalb des Katastrophenschutz und der Militärmedizin (und teilweise selbst dort) schwer zu ertragen ist. Tatsächlich besteht auch ein gravierender Unterschied zwischen der Situation im Massenanfall (hier müssen Patienten aufgrund fehlender Behandlungskapazitäten für einen Zeitraum von der Behandlung ausgeschlossen werden) und der in der Notaufnahme, wo es gilt, die Patienten in die richtige dringlichkeitsgerechte Reihenfolge der Behandlung zu bringen. Aus diesem Grund wurde für die deutsche Implementierung des MTS der Begriff Ersteinschätzung gewählt, der sich in der Folge auch in Österreich etabliert hat. Dieser Begriff hat sich mittlerweile soweit durchgesetzt, dass auch vereinzelte Anwendungen anderer Systeme denselben Begriff benutzen.

Die Ersteinschätzung nach dem MTS soll keine Diagnostik ersetzen, keinen Patienten von der Behandlung ausschließen (zum Hausarzt schicken) oder eine Reduktion von Mitarbeitern oder deren Qualifikation ermöglichen. Ersteinschätzung ist ein Instrument um die bestehenden Prozesse zu strukturieren und über die Strukturierung den fachlichen Austausch zu erleichtern, die Dokumentation zu ermöglichen und zu vermeiden, dass Dringlichkeiten übersehen werden.

Was Ersteinschätzung nicht erreicht, ist eine Reduktion der Summe aller Wartezeiten, hängt diese doch von den bereits erwähnten Ressourcenengpässen ab. Allerdings kann sich der Patient sicher sein, dass seine Dringlichkeit korrekt eingeschätzt und er (außer in Ausnahmesituationen) rechtzeitig der notwendigen Behandlung zugeführt wird. Die Erfahrung zeigt, dass sowohl in „normalen“ Notaufnahmen wie in pädiatrischen Notaufnahmen dieses Vorgehen eine grundsätzliche Akzeptanz durch die Patienten (bzw. Eltern) erfährt und sich die Situation des Wartens deutlich entspannt: schwerer Erkrankte kommen zügig in Behandlung, der leichter Erkrankte kann mit seiner längeren Wartezeit deutlich besser umgehen.

Was Ersteinschätzung primär ebenfalls nicht macht, ist die Zuweisung eines Patienten zu einer Fachabteilung. Es kann allerdings in einem Krankenhaus vereinbart werden, dass ein bestimmter Dringlichkeitsindikator in einem bestimmten Präsentationsdiagramm bestimmte diagnostische Maßnahmen initiiert oder eben zur Zuweisung zu einer bestimmten Fachabteilung führt. Dieser Ansatz wird mittlerweile von vielen anwendenden Krankenhäusern verfolgt und zeigt gute Ergebnisse.

Ersteinschätzung mit dem Manchester Triage System
Aufbau des Systems
1. Präsentationsdiagramme: Das Manchester Triage System arbeitet mit Beschwerdebildern in Form von sogenannten Präsentationsdiagrammen. Aus dem Hauptbeschwerdebild des Patienten ergibt sich, welches von 50 Diagrammen das Krankheitsbild am besten beschreibt.

2. Indikatoren: Die im Manchester Triage System eingesetzten Indikatoren beschreiben die Symptome des Patienten, die bestimmte Dringlichkeiten ausdrücken können. Dabei gibt es Symptome, die unabhängig vom Hauptbeschwerdebild immer zutreffen können, die sogenannten „Generellen Indikatoren“. Die besonderen Symptome der einzelnen Beschwerdebilder werden durch die „Speziellen Indikatoren“ abgedeckt. Diese beziehen sich auf das geäußerte Beschwerdebild und beschreiben die besonderen Situationen und Gefahren der beschwerdebildspezifischen Symptome. Die speziellen Indikatoren nur dann abgefragt, wenn sie für dieses Beschwerdebild Relevanz haben. Dies ist der entscheidende Grund für die Schnelligkeit der Anwendung des Manchester Triage Systems.

3. Die Zuordnung der Indikatoren zu den jeweiligen Dringlichkeitsstufen erfolgt dabei nach dem Grundsatz, dass Symptome, bei denen eine Gefährdung des Patienten bestehen kann, höher eingruppiert sind. Bei der Abfrage der Indikatoren geht das System von der Stufe der höchsten Dringlichkeit aus und schließt die Risiken dann mit abnehmender Dringlichkeit aus. Dies heißt, dass jeder Patient erstmal als potentiell vital bedroht angesehen wird.

4. Den Dringlichkeitsstufen sind zeitliche Rahmen zugeordnet, die beschreiben, wie schnell der Patient einem Arzt vorgestellt werden sollte. Dabei nimmt die Einordnung an, dass nach den beim Eintreffen geäußerten Beschwerden ist nicht mit weiteren Schäden / Verschlechterungen zu rechnen, wenn der Patient bis zu einer bestimmten Zeit auf den ersten Arztkontakt (nicht der kompletten Behandlung!) warten muss. Der ursprüngliche Zeitrahmen, der die Vorgaben des britischen Gesundheitssystems abbildete, ist für die Anwendung in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien modifiziert worden (siehe Abbildung 2). Solange der Arztkontakt nicht erfolgen konnte, bleibt der Patient in Beobachtung der Ersteinschätzungskraft.

zeitrahmen

Prozess der Ersteinschätzung
Die folgende Darstellung beschreibt den Prozess der Ersteinschätzung. Die einzelnen Schritte der Beschreibung verschmelzen mit steigender Anwendungserfahrung. Dadurch nähert sich die Ersteinschätzung mit dem Manchester Triage System dann auch der Zielzeit von 60-120 Sekunden an.

  1. Begrüßung des Patienten – bereits die Umstände des Eintreffens des Patienten geben der Pflegekraft wichtige Informationen. Dies ist zum einen die Zuführungsart (Rettungswagen, zu Fuß, …), aber auch der erste Eindruck, den der Patient vermittelt: Hat er offensichtliche Atemprobleme, stärkste Schmerzen, eine auffällige Blässe oder weist er andere offensichtliche Symptome auf. So wird beispielsweise bei einem Patienten mit einem anhaltenden Krampfanfall der Patient schon bei der ersten Betrachtung in die höchste Dringlichkeitsstufe einzuordnen sein – die Ersteinschätzung ist abgeschlossen.
  2. Vorgeschichte des Patienten – die kurze Befragung des Patienten zu seinen aktuellen Beschwerden bereitet den Übergang zum nächsten Schritt vor. Die entscheidende Herausforderung besteht bei manchen Patienten darin, eine Kurzfassung der Situation zu erhalten. Hier kommt es auf das Geschick an, einen zu umfassenden Erzählfluss zu bremsen, ohne wichtige Auskünfte zu unterdrücken.
  3. Die Hauptbeschwerde – aus der Zusammenfassung der Auskünfte des Patienten ergibt sich seine Hauptbeschwerde. Nach dieser wird das geeignete Präsentationsdiagramm ausgewählt.
  4. Eingrenzende Fragen – dem ausgewählten Präsentationsdiagramm folgend, werden nun die einzelnen Indikatoren abgefragt. Diese Indikatoren bilden die Symptome des Beschwerdebildes die Symptome des Beschwerdebildes ab, die eine Dringlichkeit ausmachen können. Die Abfrage erfolgt mit abnehmender Dringlichkeit, so dass der Patient mit der höheren Behandlungsdringlichkeit auch zeitnah erkannt wird. Der erste zutreffende Indikator beendet dann den Prozess, die Dringlichkeitsstufe ist zugewiesen.
  5. Körperliche Untersuchung und Bestimmung von Parametern – für den Ausschluss oder die Bestätigung einzelner Indikatoren ist die Bestimmung einzelner Vitalparameter (bspw. Puls, Temperatur, pO2) sowie die Inspektion einer eventuell vorhandenen Wunde erforderlich. Die häufig in Notaufnahmen geforderten Standardmaßnahmen (RR, EKG, Labor) können hier in den Prozess der Ersteinschätzung integriert werden, diese Integration darf allerdings nicht dazu führen, dass die Ersteinschätzung anderer Patienten verzögert wird. Außerdem darf der zusätzliche Zeitbedarf nicht der Ersteinschätzung zugerechnet werden.
  6. Schmerzeinschätzung – kein anderes System legt einen solchen Wert auf die Einschätzung des vom Patienten empfundenen Schmerzes. Zwar führt in den anderen großen Systemen auch der stärkste Schmerz zu einer hohen Einstufung des Patienten, beim MTS aber ist die Schmerzeinschätzung integraler Bestandteil, auf allen Stufen wird das Schmerzempfinden des Patienten berücksichtigt. Dabei wird grundsätzlich die Eigeneinstufung des Patienten als Maß des Schmerzes akzeptiert, bei offensichtlichen Abweichungen von einer professionellen Einschätzung wird versucht, den Grund der Abweichung zu finden. Das bleibende Restrisiko, dass der Schmerz missbräuchlich zu hoch angegeben wird, wird in Anbetracht der Bedeutung des Schmerzes für die Dringlichkeit in Kauf genommen.
  7. Zuweisung der Dringlichkeitsstufe – aus den vorliegenden Ergebnissen bestimmt sich nun die für diesen Patienten zutreffende Dringlichkeitsstufe.
  8. Dokumentation – alle erfassten Informationen werden dokumentiert. Es gibt hierzu eine standardisierte Vorlage des Deutschen Netzwerkes Ersteinschätzung, die in die hauseigene Dokumentation integriert werden kann und darf. Wenn im Rahmen der Ersteinschätzung Allergien oder Angaben zur Medikation des Patienten ermittelt wurden, so sollten diese zur Erleichterung der weiteren Behandlung gleichfalls dokumentiert werden. Dasselbe gilt für eventuelle erste Versorgungsmaßnahmen wie z.B. Verbände, Lagerungen oder Kühlungen.
  9. Kontrolleinschätzung – die Ersteinschätzung ist ein dynamischer Prozess, der Zustand des Patienten unterliegt Veränderungen. Solange der Patient warten muss (und sich damit in der Zuständigkeit der Ersteinschätzung befindet) wird er von der einschätzenden Pflegekraft zu „überwachen“ sein. Überwachung zieht nicht ein permanentes Monitoring nach sich, allerdings sollte der Patient in Sichtweite bleiben und spätestens bei Überschreiten der mit der zugewiesenen Stufe zugestandenen maximalen Wartezeit einer Neueinschätzung unterzogen werden. Gleiches gilt, wenn sich der Patient (bei der Inaugenscheinnahme aus Distanz) sichtbar verschlechtert oder aber wenn er eine Medikation (z.B. gegen Schmerzen) erhalten hat.

Fallbeispiel
Das folgende Fallbeispiel soll exemplarisch den Prozess der Ersteinschätzung mit dem Manchester Triage System darstellen:

Ein 33jähriger Mann kommt zu Fuß in die Notaufnahme und klagt über Schwierigkeiten beim Atmen. Der erste Eindruck beim Eintreffen des Patienten gibt keinen Hinweis auf einen der Indikatoren der höchsten Dringlichkeitsstufe „ROT“. Nach seinen ersten Äußerungen könnte eines der Präsentationsdiagramme „Atemnot beim Erwachsenen“, „Asthma“, „Thoraxschmerz“ (siehe Abbildung 3) oder vielleicht „Körperstammverletzung“ in Frage zu kommen.

Im Rahmen der ersten Fragen verneint der Patient einen Unfall und gibt an, dass sich das Problem innerhalb der letzten zwei Tage entwickelt habe.
Ein Asthmaleiden ist bei ihm auch nicht bekannt. Damit können die Diagramme „Asthma“ und „Körperstammverletzung“ ausgeschlossen werden. Die Entscheidung zur Wahl des Diagramms „Atemnot“ oder „Thoraxschmerz“ hängt davon ab, welche Beschwerden sich bei der Präsentation des Patienten vordergründig darstellen. Beide Diagramme werden in der Folge aber zum selben Ergebnis führen.

Der Patient zeigt keine Zeichen eines gefährdeten Atemwegs oder einer unzureichenden Atmung, keinen Stridor, keinen Speichelfluss (wie bei Quincke-Ödem), kein Anzeichen für einen Schock. Damit kann die Dringlichkeitsstufe „ROT“ ausgeschlossen werden, die Indikatoren für die nächste Dringlichkeitsstufe werden abgefragt. Der Patient ist voll orientiert und kann in ganzen Sätzen sprechen. Er verneint einen „Kardialen Schmerz“, hat keine Verletzung erlitten, es gibt keine auffällige respiratorische Anamnese (bekannte akut verlaufende Erkrankungen der Atemwege in der Vorgeschichte). Sein Puls ist mit 100/min im akzeptablen Rahmen, die Sauerstoffsättigung beträgt 94% unter Raumluft. Seine Schmerzen beschreibt er auch nicht als stärkste Schmerzen, er wirkt nicht erschöpft.

Damit sind alle Indikatoren der Dringlichkeitsstufe „ORANGE“ ausgeschlossen. Hierzu ist die Bestimmung der Vitalparameter Puls, Sauerstoffsättigung und ggf. Blutdruck für den Schockausschluss vorzunehmen. Der Patient gibt an, dass sich der Schmerz bei tiefem Luftholen oder bei Husten verstärkt. Der Indikator „Pleuraschmerz“ in der Dringlichkeitsstufe „GELB“ ist durch die Atemabhängigkeit des Schmerzes definiert. Damit kann dem Patienten diese Stufe zugewiesen werden. Er sollte seinen ersten Kontakt mit dem Arzt der Notaufnahme binnen 30 Minuten haben, gelingt die nicht, so ist er nach spätestens 30 Minuten von der zuständigen Pflegekraft erneut einzuschätzen.

Zusammenfassung für die Dokumentation:
Diagramm: Atemnot beim Erwachsenen
Indikator: Pleuraschmerz
Dringlichkeitsstufe: GELB (30 min)

Die Vielzahl der innerhalb kürzester Zeit zu tätigenden Abschätzungen zeigen, warum seitens der Manchester Triage Group die Durchführung der Ersteinschätzung durch eine erfahrene Krankenpflegekraft mit einer guten Gabe zur Krankenbeobachtung angeraten wird. Nur unter diesen Voraussetzungen wird sich die Qualität bei der geforderten Geschwindigkeit erzielen lassen. Allerdings ist es auch erfahrenen Arzthelferinnen oder Rettungsassistenten möglich, diese Ersteinschätzung korrekt durchzuführen.

Ersteinschätzung – und dann?
Wie bereits oben ausgeführt, ändert die Einführung der Ersteinschätzung zunächst nichts an der Summe aller Wartezeiten, sie erlaubt zunächst nur die individuell „zumutbare“ Zuordnung der patienteneigenen Wartezeit. Bei geschickter Nutzung des Ersteinschätzungsergebnisses lassen sich dann aber doch Entlastungen für die Notaufnahme und damit Beschleunigungen der Behandlungsprozesse erreichen. Dies wird dann in der Folge doch zu einer Reduktion der Wartezeiten führen [7]. Folgende Maßnahmen sind möglich:

Steuerung der Patientenströme
Das Ergebnis der Ersteinschätzung kann dazu benutzt werden, dass Patienten identifiziert werden, die dem Notfalldienst der niedergelassenen Kassenärzte (in Deutschland: Notfallpraxis der KV) – sofern am Krankenhaus vorhanden – zugewiesen werden können. Damit wird die Notaufnahme zu den Dienstzeiten der KV-Praxis von den bereits erwähnten Patienten entlastet, die eigentlich sowieso nicht in die Notaufnahme gehören.
Passend zu allen Diagramm-Indikator-Kombinationen kann in Absprache mit den Fachabteilungen des Hauses eine primäre fachliche Zuständigkeit vereinbart werden. Damit kann die Übergabe an den Facharzt beschleunigt werden.

Integration von Behandlungsstandards
Passend zu allen Diagramm-Indikator-Kombinationen können durch Fachabteilungen des Hauses Behandlungsstandards beschrieben werden. Damit kann auch beim Notfallpatient noch vor dem Facharztkontakt der Facharztstandard sichergestellt werden. Diese Strukturierung führt durch die Konzentration auf das fachlich notwendige nachweislich zu einer Beschleunigung der Behandlung [8]. Passend zu den Diagramm-Indikator-Kombinationen können in Absprache mit den Fachabteilungen des Hauses Laborprofile festgelegt werden. Bei einhergehender zunehmender Verbreitung von Labordiagnostik am Point of Care können so genau definierte Laborprofile sofort bestimmt werden und die Laborkosten durch die Vermeidung unnötiger Untersuchungen drastisch gesenkt werden (Rationalisierung statt Rationierung) [9]. Die frei werdenden Mittel können der Notaufnahme an anderer Stelle zu Gute kommen. Dem Arzt steht dann beim Kontakt mit dem Patienten bereits das Ergebnis zur Verfügung, was zu einer Beschleunigung der Behandlung führt.

Optimierung der Raumnutzung
Sehr oft liegen mehrere Sprechstunden und Elektivambulanzen in unmittelbarer Nähe der Notaufnahme, nicht selten haben sich diese in vorher zur Notaufnahme gehörenden Räumen etabliert, bzw. in diese erweitert. Die Räume stehen diesen Ambulanzen exklusiv zur Verfügung, die Nutzung durch die Notaufnahme ist nicht vorgesehen und gewünscht. Dabei werden diese Räume antizyklisch genutzt – wenn in der Notaufnahme das eher entspannte Geschäft des frühen Vormittags betrieben wird, herrscht in den Sprechstunden ein buntes Treiben, kehrt nach Ende der Sprechzeit in Letzteren die Ruhe ein, beginnt das Leben und Warten in der Notaufnahme.

Hieraus ist der Schluss zu ziehen: Notaufnahmen und Sprechstunden gehören in unmittelbare räumliche Nähe in einer Art und Weise, die es erlaubt mit kurzen Wegen die gerade leerstehenden Kapazitäten bei Bedarf gegenseitig zu nutzen. Damit hat die Notaufnahme für Spitzenzeiten einen Raumpuffer zur Verfügung, der es ihr erlaubt, Patienten unterzubringen, die zum Beispiel nur einen Ruheplatz benötigen. Das Haupthindernis einer solchen abteilungsübergreifenden Nutzung findet sich im Egoismus der Abteilungen, diesen gilt es im Gesamtinteresse des Krankenhauses zu bekämpfen. Diese Zusammenarbeit ist unabdingbar, da der betroffene Besucher (unabhängig ob Patient oder Angehöriger) nicht zwischen den Abteilungen unterscheiden wird, sondern seinen Unmut auf das gesamte Krankenhaus, zumindest auf den gesamten Bereich (z.B. Pädiatrie) ohne Unterscheidung der Spezialität bezieht. Bei anstehenden Baumaßnahmen sollte zusätzlich auf eine Optimierung der Raumpositionierung und –größen geachtet werden, lange Wegstrecken und unnötig große Flächen binden zusätzliches Personal.

Zusammenfassung
Wartezeiten sind aufgrund der unplanbaren Natur des Notfallgeschäftes nur unter nicht tragbarem Aufwand gänzlich auszuschließen. In den vorhandenen Prozessen und Strategien der Notaufnahmen stecken aber erhebliche Potentiale zur Reduktion oder zumindest Reorganisation der Wartezeiten. Die Hebung dieser Potentiale liegt im Interesse aller Beteiligten, angefangen beim Patienten und seinen Angehörigen, über das diensttuende Personal aus ärztlichem und pflegerischem Dienst bis hin zur Leitung der Abteilung und des Krankenhauses. Die Implementierung einer pflegerischen Ersteinschätzung (klinische Triage) sichert dabei die medizinisch korrekte Identifizierung der Behandlungsdringlichkeit und stellt sicher, dass der nicht wartefähige Patient auch umgehend behandelt wird. Die Reorganisation der Behandlungsprozesse und Raumnutzung ermöglicht eine konzentrierte und damit zügigere Behandlung, wodurch die Wartezeiten der nachfolgenden Patienten abnehmen (können).

Literatur
[1]Haji Loueian, E.; Lange, D.R.; Borde, T.; David, M.; Babtisch, B.: Werden klinische Notfallambulanzen angemessen genutzt? Ergebnisse einer kombinierten Patientenbefragung und Erste-Hilfe-Schein-Analyse in Berlin. Notfall+ Rettungsmedizin 2012;15(8):683-689.
[2] Zimmermann, P.G.: The Case for a Universal, Valid, Reliable 5-Tier Triage Acuity Scale For US Emergency Departments. Journal of Emergency Nursing, Elsevier, New York, 27.Jg. (2001), H.3, S.246-254.
[3] www.health.gov.au/internet/main/publishing.nsf/Content/casemix-ED-Triage+Review+Fact+Sheet+Documents (Stand 30.04.2015)
[4] www.caep.ca/resources/ctas (Stand 30.04.2015)
[5] Gilboy N, Tanabe T, Travers D, Rosenau AM. Emergency Severity Index (ESI): A Triage Tool for Emergency Department Care, Version 4. Implementation Handbook 2012 Edition. AHRQ Publication No.12-0014. Rockville, MD. Agency for Healthcare Research and Quality, 2011.
[6] Mackway-Jones, K.; Marsden, J.; Windle, J. (Ed): Emergency Triage. Second Edition. 6. unveränderter Nachdruck, BMJ, Oxford, 2011. Deutsche Ausgabe: Mackway-Jones, K.; Marsden, J.; Windle, J.; deutsch von Krey, J.; Moecke, Hp. (Hrsg): Ersteinschätzung in der Notaufnahme. Das Manchester-Triage-System. 3. Überarbeitete und ergänzte Auflage, Huber, Bern, 2011.
[7] Schaaf, M.: Modellierung und Evaluation einer Simulation der Pflegeprozesse in der Zentralen Notaufnahme des Universitätsklinikums Leipzig AöR. Unveröff. Diplomarbeit, Institut für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie (IMISE), April 2011.
[8] Gräff, I.; Wittmann, M.; Dahmen, A.; Goldschmidt, B.; Tenzer, D.; Glien, P.; Drehsen, L.; Link, N.; Hoeft, A.; Baumgarten, G.: Prozessoptimierung im interdisziplinären Notfallzentrum. Notfall + Rettungsmedizin 2011;14(3):202-210
[9] Schellein, O.; Ludwig-Pistor, F.; Bremerich, D.H.: „Manchester Triage System“: Prozessoptimierung in der interdisziplinären Notaufnahme. Anaesthesist 2009, 58:163–170.

Über Jörg Krey 1 Artikel

Dipl. Kfm., Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger,
Dozent für Ersteinschätzung, Berater für Notaufnahmen.
Seit 13 Jahren Leiter der deutsche MTS-Referenzgruppe und
Kursleiter für Ersteinschätzung, Übersetzer der deutschen Ausgabe
des Buches „Emergency Triage. Manchester Triage Group“

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen