Stürze im Kinderkrankenhaus

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Ausgangslage

2011 wurde im St. Anna Kinderspital, einem Wiener Kinderspital mit hämato-onkologischem Schwerpunkt, damit begonnen, Risken, Beinahe-Zwischenfälle und Zwischenfälle systematisch zu erfassen, zu analysieren und für die Verbesserung der PatientInnen- und MitarbeiterInnensicherheit zu nützen. Auch Sturzereignisse wurden damit erfasst und ausgewertet. Bald zeigte sich, dass die Zahl der gemeldeten Stürze von PatientInnen (Kindern) sehr hoch war. Das war nicht nur irritierend – ist es bei uns so gefährlich? – es bedeutete auch einen hohen Arbeitsaufwand für die MitarbeiterInnen, die die Meldepflicht als Zusatzbelastung empfanden, da sie den Sinn der Erfassung nicht sehen konnten.

Sind Stürze im Kinderspital relevante PatientInnensicherheitsindikatoren?

Wir befanden uns in einer ambivalenten Situation: Einerseits sind Sturzereignisse ein wichtiger Indikator für PatientInnensicherheit im Krankenhaus, andererseits stürzen Kinder ganz anders als Erwachsene. Ist ein Kind, das auf einen Kindersessel klettern will und runterfällt, „gestürzt“? Ist ein Kind, das auf dem Boden mit vielen Spielsachen spielt, über ein Auto stolpert und hinfällt, „gestürzt“?

Auch gehen unsere hausinternen Regeln für Zwischenfallsmeldungen nicht vom eingetretenen „Schaden“ aus, sondern vom unerwünschten Ereignis an sich. Ist aber  ein kindlicher Sturz, bei dem „nichts passiert“ ist (Tränen und eine Rötung auf der Stirn …) die Mühe einer ausführlichen Meldung wert?

Wir stellten uns also die Frage, ob die üblichen Kriterien für die Sturzerfassung und das verfügbare ExpertInnenwissen zur Sturzprophylaxe für ein Kinderspital anwendbar und praktikabel sind. [1]

Genauere Recherche

Zunächst nahmen wir unsere Wahrnehmung und Erfassung von Sturzereignissen unter die Lupe. Die MitarbeiterInnen wurden aufgefordert und motiviert, für einen begrenzten Zeitraum wirklich alle Sturzereignisse zu melden. 68 Sturzmeldungen – gemeldet zwischen 7/2012 und 7/2014 – standen  uns dann zur Auswertung zur Verfügung.

  • 76% der Stürze passierten im internen Bereich – 24% im onkologischen.
  • Es stürzten 65% männliche und 35% weibliche PatientInnen.
  • 1-3jährige stürzten am häufigsten (50%), gefolgt von 6-10jährigen (16%).
  • Die meisten Stürze geschahen zwischen 16 und 20 Uhr (32%).
  • 65% der Stürze passierten im PatientInnenzimmer, die anderen auf dem Gang oder im Spielzimmer, nur 2 im Bad bzw. WC.
  • In keinem einzigen Fall war die PatientIn allein und unbeaufsichtigt, in 91% der Fälle war eine Bezugsperson des Kindes dabei, ansonsten eine Pflegeperson, TherapeutIn oder ÄrztIn.
  • 71% der Stürze waren mit keinerlei Beeinträchtigung der PatientIn in Verbindung zu bringen. Bei 9% könnten Mobilitätseinschränkungen, bei 12% Schläfrigkeit oder die Wirkung von Medikamenten, bei 6% unsicheres Schuhwerk, bei 2% eine besondere Aufregung zum Sturz beigetragen haben.
  • In 36% der Fälle waren die Stürze unvermeidbare Ereignisse im Aktivitäts- und Bewegungsrahmen der Kinder. 40% wären durch verstärkte Aufmerksamkeit und Benützung von Sicherheitsvorkehrungen zu vermeiden gewesen (Stürze vom Mutterbett, aus dem ohne Gitter benützten Kinderbett, etc.). In einigen Fällen gab ein rutschiger Boden, ein zum Klettern einladendes aber nicht geeignetes Möbelstück, ein Hindernis (Infusionsständer) etc. den Ausschlag.
  • 33% der gestürzten PatientInnen hatten keinerlei Verletzung, 8 % wiesen eine Hautabschürfung, Quetschung oder Platzwunde auf, 24% hatten ein Hämatom, 13% eine Schwellung, 4% eine Rötung. In wenigen Fällen kam es zu Nasenbluten, einmal zu einer Zahnverletzung.13% gaben an, Schmerzen zu haben.

Was bedeuten diese Ergebnisse? Was haben wir damit gemacht?

Praktische Verbesserungen

Auf Hinweise zu räumlichen und strukturellen Bedingungen haben wir mit konkreten Maßnahmen reagiert: Möbel mit Kantenschutz versehen, die Bodenreinigung (nasse Böden) überprüft, Betten erneuert (praktischere Gitter), eine Rampe mit einem rutschsicheren Belag versehen, etc.

Konzentration auf das Wesentliche

Wir fokussieren seither unser Meldewesen bezüglich Stürzen auf kritische Ereignisse, die für unsere Strukturen und Abläufe ein Lernpotential bereitstellen. Dazu haben wir einen Algorithmus erstellt, der klare Kriterien nennt, nach denen ein Unfall bzw. Sturz einer PatientIn als Zwischenfall gemeldet werden muss. Der Algorithmus steht den MitarbeiterInen als Arbeitsanweisung (im Intranet abrufbar) zur Verfügung und enthält die Elemente:

  • Dokumentation: Jedes Sturz-/Unfallereignis wird von der für die PatientIn zuständigen Pflegeperson im Pflegebericht dokumentiert – unabhängig davon ob die MitarbeiterIn selbst anwesend war, oder nur davon erzählt bekommen hat.
  • Die Einschätzung, eine ÄrztIn dazu zu holen, obliegt der Pflegeperson; im Fall einer ärztlichen Maßnahme wird diese selbstverständlich dokumentiert.
  • Als Zwischenfall gemeldet werden müssen nur Stürze/Unfälle,
    • wenn die PatientIn noch keine 3 Monate alt ist;
    • wenn eine Transferierung oder ein stationärer Aufenthalt nötig wird;
    • wenn eine ernste Verletzung passiert ist, d.h.
      • es ist mehr als Kühlung und Beobachtung nötig, oder
      • es besteht Grund zur Sorge, vor allem bei onkologischen PatientInnen, oder
      • es wird eine Verschlechterung beobachtet;
    • wenn äußere Bedingungen beteiligt waren (Geräte, Möbel, Böden, …);
    • wenn es einen krankheitsbedingten Grund gibt (Schwäche, Medikamente, Krampfgeschehen, …)
    • wenn keine Aufsichtsperson anwesend war.

Der Erfolg

In den 25 Monaten vor Einführung des Algorithmus wurden 68 Stürze von PatientInnen gemeldet, in den 25 Monaten seither 14. In den ersten Monaten haben die MitarbeiterInnen durch ihre Rückmeldungen aus der Praxis noch zur Schärfung des Algorithmus beigetragen. Er ist mittlerweile leicht verständlich, praktikabel und sehr gut etabliert. Die MitarbeiterInnen sind von als sinnlos empfundenem „Papierkram“ entlastet, sie sind motiviert, alles Relevante sorgfältig zu melden, und die Stabstellen für Qualitätsentwicklung und Qualitätsmanagement erhalten konstruktive und gut bearbeitbare Berichte.

Stürze im Kinderspital sind nicht mit Stürzen in anderen Betreuungsstrukturen vergleichbar. Uns ist es gelungen, einen maßgeschneiderten Ansatz zu entwickeln und umzusetzen.

Am Projekt beteiligt waren die Stabstellen für Qualität und Entwicklung in der Pflege, für Ärztliche Qualitätsentwicklung und für Interdisziplinäres Qualitätsmanagement.

[1] ExpertInnenstandard Sturzprophylaxe in der Pflege 2013 (DNQP):  Ein Sturz ist ein Ereignis, bei dem die/der Betroffene unbeabsichtigt auf dem Boden oder einer anderen tieferen Ebene aufkommt.

Über Ursula Wagner 1 Artikel
Mag. Ursula Wagner, MAS, Qualitätsmanagerin des St. Anna Kinderspitals

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