Schloss Hartheim: Historische und aktuelle Perspektiven

Schloss Hartheim als Tötungsanstalt Quelle: Karl Schuhmann

Schloss Hartheim im Nationalsozialismus:

Schloss Hartheim in Oberösterreich war eine der sechs Euthanasieanstalten des Dritten Reiches. Zwischen 1940 und 1944 wurden hier im Rahmen der nationalsozialistischen Sozial- und Gesundheitspolitik rund 30.000 Menschen als so genanntes „lebensunwertes“ Leben ermordet. In einer ersten Phase von 1940 bis August 1941 fielen rund 18.000 geistig und körperlich behinderte, sowie psychisch kranke Personen der „Aktion T4“ zum Opfer; darunter jene rund 200 Pfleglinge, die bis Winter 1939/1940 im Schloss untergebracht waren, als dieses noch als Behinderteneinrichtung genutzt wurde.

Im gesamten Deutschen Reich wurden in diesem Zeitraum über 70.000 Menschen ermordet. Nach Auffassung der Nationalsozialisten sollte dadurch ein wesentlicher Beitrag zu einer idealen und gesunden Volksgemeinschaft geleistet werden, aus der alles „Minderwertige“ zu tilgen sei. Vor dem Hintergrund des Krieges, der am 1. September 1939 mit dem Überfall auf Polen begann, wollte das Regime auch kurzfristig Ressourcen umschichten. Nach der Ermordung der als „Ballastexistenzen“ diffamierten Menschen wurden viele der Kliniken und Einrichtungen umgehend zu Lazaretten und Umsiedlerheimen.

Mit dem Stopp der „Aktion T4“ im August 1941 kam es zur Einstellung der Tötung von Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen in den adaptierten Tötungseinrichtungen. Ihre Vernichtung wurde jedoch dezentral in den Heil- und Pflegeanstalten bis zum Ende des NS-Regimes fortgeführt. Auch die Tötungsanlagen in Hartheim blieben in Betrieb: Bis Dezember 1944 wurden im Zuge der „Sonderbehandlung 14f13“ bis zu 12.000 Häftlinge aus den Konzentrationslagern Mauthausen, Dachau und Ravensbrück sowie in einer eigenen Aktion auch ZwangsarbeiterInnen mittels Kohlenmonoxid ermordet.

Schloss Hartheim nach 1945 bis Heute:

Nach dem Ende des NS-Regimes kamen Flüchtlinge und Vertriebene im Schloss unter. 1954 wurde das Schloss für die Unterbringung von Geschädigten des schweren Donauhochwassers genutzt.  Das Schloss wurde zum Wohnhaus.

Die Zeit war geprägt von Schweigen, Vergessen und Verdrängen, aber auch von punktueller Erinnerung und Gedenken sowie der Auseinandersetzung mit der Geschichte. Betrieben nach 1945 hauptsächlich ausländische Häftlings- und Opfer-Organisationen das Gedenken in Hartheim, so wurden 1969 vom Eigentümer des Schlosses, dem Oö. Landeswohltätigkeitsverein, zwei Räume der ehemaligen Tötungsanstalt als Gedenkräume eingerichtet. Gedenktafeln für die Opfer von Hartheim wurden seit den 1950er Jahren – zumeist in Eigenregie – von den Angehörigen und von NS-Opferorganisationen in den Arkadengängen und den ersten Gedenkräumen angebracht.

Mit der Gründung des Vereins Schloss Hartheim im Jahr 1995 wurde die Basis für die ausschließliche Nutzung des Schlosses als Ort des Gedenkens und Dokumentierens gelegt. Durch die Zusage der oberösterreichischen Landesregierung, die Einrichtung eines Lern- und Gedenkorts finanziell mit zu tragen, konnte sich unter der Federführung der Kulturdirektion des Landes Oberösterreich und dem Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik der Johannes Kepler Universität Linz ein Team aus Architekten, SozialwissenschafterInnen, HistorikerInnen, AusstellungsdesignerInnen und dem oberösterreichischen Künstler Herbert Friedl an die inhaltliche und gestalterische Konzeptionierung des Ortes machen.

2003 wurde schließlich der Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim (LGSH) mit der Gedenkstätte und den Räumen der Dokumentation, sowie der Ausstellung „Wert des Lebens“ eröffnet.

Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim
Quelle: Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim

Im Ergebnis ist Schloss Hartheim ein Ort geworden, der zusammen mit der Ausstellung „Wert des Lebens“ nicht nur den historischen Ort der NS-Morde bewahrt, sondern darüber hinaus Impulse für eine breite gesellschaftspolitische Diskussion gibt.

Sowohl bei der Gestaltung der Gedenkstätte als auch der Ausstellung war man bemüht, keine bestimmte, vorgegebene Sichtweise aufzudrängen, sondern eigene Reaktionen auf das Gesehene zu ermöglichen.

Im Bereich der Gedenkstätte sollten keine Inszenierung und keine Rekonstruktion stattfinden. Zeitliche Distanz und Annäherung an das historische Geschehen wird durch räumliche Distanz vermittelt: nicht der Weg der Opfer soll nachgegangen, sondern ein Erinnerungsprozess in Gang gehalten werden.[1]

Augenscheinlich wird die beschriebene räumliche Distanz am Mauerdurchschnitt durch die ehemaligen Tötungsräume. Hier können nun die ehemaligen Tötungsräume auf einem Steg durchschritten werden. Der Schnitt ist eine Dekonstruktion des vermeintlich authentischen Ortes und wird als solches zur Voraussetzung für eine Annäherung an das historische Geschehen.[2]

Steg
Bildunterschrift: Weg durch die ehemaligen Tötungsräume
Quelle: Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim

Die Ausstellung „Wert des Lebens“ wiederum schafft die notwendige Kontextualisierung für die Gedenkstätte, um die Vorgänge in der Zeit des Nationalsozialismus nicht losgelöst – ohne Vor- und Nachgeschichte – betrachten zu müssen. Ziel ist es, gesellschaftliche und individuelle Prozesse sowie angewandte Mechanismen der Zeit zu erkennen und zu vertiefen; Handlungsspielräume werden verdeutlicht und Anknüpfungspunkte zur Gegenwart geschaffen.

Seit Jänner 2004 wird der Lern- und Gedenkort vom Verein Schloss Hartheim geführt.

Bildungsarbeit am LGSH

Bildungsprozesse, wofür die Gedenkstätte die Voraussetzungen schafft, stehen im Vordergrund des pädagogischen Wirkens am Ort: Selbstständiges historisches Lernen soll stattfinden und die BesucherInnen dabei unterstützt werden.[3]

 

Dabei stellen die aufgezeigte Struktur des Ortes und das Konzept des LGSH – die Verbindung von Ausstellung und Gedenkstätte und damit die Auseinandersetzung um den historischen Ort und die aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussionen – von Anfang an eine besondere Möglichkeit und Herausforderung für die Vermittlung dar.

Nur durch die konkrete Bezugnahme auf den Ort kann der Bogen zur Lebens- und Erfahrungswelt der heutigen BesucherInnen hergestellt werden.

Es musste und muss gelingen, die Fragen an die Geschichte zu Fragen an die Gegenwart und zu Fragen der BesucherInnen werden zu lassen. Der Lernprozess setzt dabei idealerweise nicht in der Vergangenheit ein, sondern in der Gegenwart – in der persönlichen Lebens- und Erfahrungswelt der Besuchenden[4], aber auch durch das Aufgreifen „universaler Themen“ rund um die Thematik „Wert des Lebens“, die für alle Bürger Anknüpfungs- und Gegenwartsbezüge bieten.

Gottfried Kößler bringt diese Verbindung zur Gegenwart im Kontext der Vermittlung an Gedenkorten auf den Punkt, wenn er festhält: „Der Gegenwartsbezug ist also nicht etwa das Ziel pädagogischen Handelns, sondern eine seiner Bedingungen.“[5]

Dies bedeutet auch, den einzelnen Besuchenden wertschätzend gegenüber zu treten: Der „Selbstständigkeit“ kommt dabei besondere Bedeutung zu. Sowohl bei der Gestaltung der Gedenkstätte als auch der Ausstellung war man bemüht, keine bestimmte, vorgegebene Sichtweise aufzudrängen, sondern eigene Reaktionen auf das Gesehene zu ermöglichen.

 

Ausstellung „Wert des Lebens“ – Raum Industrialisierung
Quelle: Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim

Es geht bei der Vermittlung im Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim also sehr wohl um historische Faktenvermittlung und um gedenkendes Erinnern, aber ebenso um eine aus der Geschichte resultierende Wertevermittlung und um das Aufwerfen gegenwärtiger Fragestellungen und Lebensweltbezüge. Es ist ein Versuch, eine „zukunftsorientierte Reflexion der Geschichte und ihrer Nachwirkungen einem gesellschaftlichen Verantwortungsbewusstsein“[6] zuzuführen.

Besonderes Augenmerk liegt dabei darauf, einer möglichen Vereinfachung und Entdifferenzierung durch reflektierte Behandlung der Anknüpfungspunkte an die Gegenwart entgegen wirken zu können.[7]

BesucherInnen im Lern- und Gedenkort
Quelle: Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim

Zielgruppe: Pflege- und Sozialberufe

Jährlich besuchen rund 18.000 Personen den Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim; unter ihnen vermehrt Gruppen aus der Gesundheits- und Krankenpflege und anderen sozialpflegerischen Feldern. Bedingt durch den besonderen regionalen und historischen Bezug zum Ort Hartheim handelt es sich dabei verstärkt um Gruppen aus Österreich und dem bayerischen Raum.

Für die angesprochene Besuchergruppe gibt es neben den historischen, vor allem bei den sozialpolitischen und ethischen Fragen, wie sie vor Ort aufgeworfen werden, besondere Anknüpfungspunkte. Diese sollten aufgegriffen und zu einer adressatenspezifischen Ausdifferenzierung des didaktischen und methodischen Angebots im Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim genutzt werden.

Die Frage war, wie eine zielführende Zusammenführung von historisch-pädagogischer Aufarbeitung mit sozial- und gesundheitswissenschaftlichen Settings durchgeführt und eine berufsspezifische Verschränkung erreicht werden kann: Als ein Versuch, diesen Brückenschlag zu realisieren, wurde das Begleit- und Vertiefungsprogramm BerufsbildMenschenbild [8] für die angesprochene Zielgruppe entwickelt.

Weitere spezielle Angebote für Berufsgruppen, die aus ihrer Geschichte und aktuellen Praxis einen engen Bezug zu den Themen des Lern- und Gedenkorts aufweisen, werden derzeit erarbeitet bzw. befinden sich in Planung.

Fazit

Der Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim widmet sich drei großen Aufgaben und Funktionen.

Er ist „Gedächtnisort“ und als solcher ein Ort des gedenkenden Erinnerns an die Opfer des Nationalsozialismus sowie Ort der Besinnung und Trauer. Man schafft ein würdiges Erinnern an die Personen, die hier ermordet wurden.

Er ist „Dokumentationsort“ und als solcher ein Ort der „Dokumentationsstelle Hartheim des oö. Landesarchivs“, wo wissenschaftliche Arbeit zu den historischen Vorgängen im Schloss und zur NS-Euthanasie in der „Ostmark“ allgemein durchgeführt und angeleitet und relevantes Material gesammelt wird. Die Dokumentationsstelle steht als Beratungsstelle für Angehörige zur Klärung von Einzelschicksalen und Gesprächen zur Verfügung.

Er ist „Lernort“ und als solcher ein Ort der schulischen und außerschulischen pädagogischen und Bildungsarbeit mit Bezugnahme auf aktuelle und gegenwartsbezogene Auseinandersetzungen um wesentliche sozialpolitische, ethische und kulturelle Fragestellungen und Folgewirkungen der nationalsozialistischen Euthanasie und Eugenik.

Dabei hat sich gezeigt, dass die Verbindung der historischen mit der aktuellen Perspektive von Ausstellung und Gedenkstätte einen Zugang für die Vermittlungsarbeit eröffnet, der sowohl an den Erfahrungen von SchülerInnen in ihrem aktuellen Lebensumfeld anknüpft, als auch die Verbindung zu den historischen Hintergründen und Ursachen eröffnen kann.

Das Museums- und Gedenkstättenprojekt in Schloss Hartheim versteht sich als Beitrag eines Prozesses der Annäherung an ein schwieriges Kapitel der österreichischen Geschichte und gleichzeitig als Beitrag zur gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung um die Würde des Menschen, gerade des kranken, behinderten oder schwachen Menschen, der historischen und aktuellen Normierungs- und Optimierungsvorstellungen der Gesellschaft nicht entspricht bzw. entsprechen kann.


Fußnoten

[1] vgl. Herbert Friedl, Ort des Geschehens – Ort der Erinnerung. In: Wert des Lebens. Gedenken – Lernen – Begreifen. Begleitpublikation zur Ausstellung des Landes OÖ in Schloss Hartheim 2003. Hg. v. Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik an der Johannes Kepler Universität Linz – OÖ Landeskulturdirektion – OÖ Landesarchiv (Linz 2003), S. 155.

[2] vgl. Hartmut Reese – Brigitte Kepplinger, Gedenken in Hartheim: die neue Gedenkstätte. In: Wert des Lebens. Gedenken – Lernen – Begreifen. Begleitpublikation zur Ausstellung des Landes OÖ in Schloss Hartheim 2003. Hg. v. Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik an der Johannes Kepler Universität Linz – OÖ Landeskulturdirektion – OÖ Landesarchiv (Linz 2003), S. 167.

[3] vgl. Bert Pampel, „Mit eigenen Augen sehen, wozu der Mensch fähig ist“ Zur Wirkung von Gedenkstätten auf ihre Besucher (Frankfurt 2007), S. 53; vgl. Annette Eberle, Pädagogik und Gedenkkultur. Bildungsarbeit an NS-Gedenkorten zwischen Wissensvermittlung, Opfergedenken und Menschenrechtserziehung (Würzburg 2008), S. 59: „Mit dem Bildungsbegriff, der hier verwendet wird, wird die Auseinandersetzung mit den Ursachen, Tatbeständen und Folgen der NS-Verbrechen als teil eines Bildungsprozesses verstanden, der die drei unterschiedlichen Aspekte Sachbildung (fachlicher Bezug), Selbstbildung (individueller, biografischer Bezug) und Bildung in Auseinandersetzung mit anderen (sozialer, kultureller Bezug) miteinander verbindet.“

[4] Vgl. dazu auch: Noa Mkayton, Lernen aus der Geschichte (Magazin, 13. Oktober 2010), 5-9, online-Abruf: http://lernen-aus-der-geschichte.de/sites/default/files/attach/lernen_zu_ns_und_holocaust_international.pdf (letzter Zugriff am 20. Jänner 2017)

[5] vgl. Gottfried Kößler, Der Gegenwartsbezug gedenkstättenpädagogischer Arbeit. In: Verunsichernde Orte. Selbstverständnis und Weiterbildung in der Gedenkstättenpädagogik. Hg. v. Barbara Thimm – Gottfried Kößler – Susanne Ulrich (Frankfurt am Main 2010), S. 47.

[6] Eberle, Pädagogik und Gedenkkultur, S. 15.

[7] vgl. Eberle, Pädagogik und Gedenkkultur, S. 54.

[8] Vgl. den Beitrag von Michael Bossle: Aus der Geschichte lernen um die Pflege zu verstehen. In: Pflege Professionell – Das Fachmagazin, 01/2015, S. 17-21.

 

Über Irene Zauner Leitner 1 Artikel

Mag.phil., Studium der Geschichte und Theaterwissenschaft in Wien und Nijmegen (NL), freiberufliche Mitarbeit bei unterschiedlichen zeitgeschichtlichen Projekten. Seit 2004 am Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim/Schwerpunkt Pädagogik.

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