Raus aus der Demenz-Falle!

Wie es gelingen kann, die Selbstheilungskräfte des Gehirns rechtzeitig zu aktivieren.

Der neue Bestseller von Gerald Hüther ist eine populärwissenschaftliche Abhandlung zum Thema Demenz. Der Autor verspricht darin, wie der Titel bereits verrät, einen Ausweg „aus der Demenz-Falle“. Er verweist auf die Fähigkeit des Gehirns zur lebenslangen Regeneration und Neubildung von Nervenverbindungen und -zellen (Neuroplastizität), für welche gesunde Lebensbedingungen ausschlaggebend sind. Entgegen der medizinischen Erklärung besteht für ihn die Ursache von demenziellen Erkrankungen in ungünstigen Lebensbedingungen und dem daraus resultierenden Verlust des neuroplastischen Potenzials. Der von Hüther versprochene Ausweg aus der Demenz findet sich in den allen Menschen eigenen Selbstheilungskräften, für deren Instandhaltung eine entsprechende Lebensgestaltung und ein lebenslanges Streben nach Kohärenz notwendig seien.

Für die Entstehung einer dementiellen Erkrankung macht für Hüther weder das Alter, noch „irgendwelche“ Ablagerungen im Gehirn verantwortlich. Stattdessen führt er die Ursache etwas wage auf ungünstige, abgelagerte Vorstellungen im Gehirn zurück. Da diese veränderbar seien, gebe es künftig Hoffnung „glücklich und ohne Demenz älter“ zu werden. Als Beleg für seine These verweist er auf die sogenannte Nonnenstudie, welche für Aufsehen in der Demenzforschung sorgte. In der Studie wurde bei Nonnen aus unterschiedlichen Klöstern in den USA standardisierte Demenztest durchgeführt. Auffallend war, dass nur wenige der bis zu ihrem Tod untersuchten Nonnen klinische Anzeichen einer demenziellen Veränderung aufwiesen. Nach dem Tod konnte jedoch bewiesen werden, dass sich bei den verstorbenen Nonnen ebenso oft demenzspezifische Abbauprozesse im Gehirn feststellen ließen, wie bei der Normalbevölkerung. Das Bahnbrechende dabei ist, dass bei einigen Nonnen trotz klassisch degenerativer Veränderungen im Gehirn keine klinischen bzw. erkennbaren Symptome einer Demenz festzustellen waren. Für Hüther der Beleg dafür, dass die im Gehirn nachweisbaren Abbauprozesse gar nicht die Ursache für die Ausbildung einer Demenz sein können, worauf er seine weiteren Überlegungen baut.

Die Ursache einer Demenz bestehe laut Hüther viel mehr im Verlust der Neuroplastizität – der Fähigkeit des Gehirns, neue Nervenverbindungen, -fortsätze und –zellen zu bilden. Die neuroplastischen Umbauprozesse würden nicht mehr in Gang kommen, wenn nicht mehr viel Neues im Leben stattfinde, es keine Anreize und Herausforderungen mehr gäbe und die Freude am eigenen Entdecken und Gestalten ausbleibe. Der Abbau von Nervenzellen und -kontakten sei die Folge.  Dieser Prozess sei grundsätzlich nichts Ungewöhnliches, und würde ständig stattfinden. Schwieriger sei jedoch der Wiederaufbau und die Regeneration von Nervenzellen- was aber nicht bedeute, dass dies nicht möglich sei. Das Gehirn besitze bis ins hohe Alter ein plastisches und regeneratives Potenzial, welches sich an die veränderten Nutzungsbedingungen anpassen könne. Abbauprozesse im Gehirn könnten demzufolge durch Neuroplastizität kompensiert werden, wie die Nonnenstudie für Hüther aufgezeigt hat. Auch wenn die Neuroplastizität bei den untersuchten Nonnen mit dementiellen Veränderungen bislang nicht in bildgebenden Verfahren nachgewiesen wurde, sei es, so Hüther, nur eine Frage der Zeit, bis sich die Untersuchungsmethoden verbessern würden und seine These bestätigt werde.

Ausschlaggebend für die Entstehung einer Demenz ist für Hüther also der Verlust der Neuroplastizität, verursacht durch ungünstige Lebensbedingungen Im Fall der Nonnen habe diese das Führen eines „gottgefälligen und sinnerfüllten Lebens“ und die Abgeschirmtheit von den Problemen der Außenwelt vor der Demenz geschützt. Hüther bedient sich für seine Argumentation bei der Theorie der Salutogenese und stellt die Frage ins Zentrum, was Menschen eigentlich krank macht bzw. gesund erhält? Nicht nur objektive Gegebenheiten seien für die Gesunderhaltung erforderlich, wesentlich seien subjektiv empfundene Gefühle. Besonders das empfundene Kohärenzgefühl sei für Gesundheit entscheidend.  Dieses Gefühl würde sich einstellen, wenn alles was geschieht den Erwartungen entspricht, es als bewältigbar erscheint, und es keine Wiedersprüche und Abspaltungen gibt.

Das Gegenteil davon ist die Inkohärenz, welche sich einstellen würde, wenn ein Mensch freud- und lustlos in eingefahrenen Verhaltensmustern lebt oder sich mit einer Vielzahl von unlösbaren Konflikten konfrontiert sieht. Dann sei keine Regeneration und kein Wiederaufbau möglich. Wachstums- und Entwicklungspotenzial sei nur dann möglich, wenn die Welt, in der man lebt, subjektiv als verstehbar, gestaltbar und als sinnvoll erlebt wird. Dies sei bei Nonnen aufgrund deren Lebensumstände häufiger der Fall, weshalb diese seltener eine demenzielle Entwicklung aufweisen würden.

Außerhalb der Klostermauern, in der hektischen, digitalisierten und globalisierten Welt, sei dies viel schwieriger. Jedoch zeige die Nonnenstudie, dass eine demenzielle Entwicklung weder schicksalhaft noch unabwendbar ist. Dafür gelte es, die Bedingungen für die Regenerationskraft des Gehirns aufrecht zu erhalten bzw. zu gestalten. Immer dann, wenn es einer Person nicht gut geht, wenn sie Probleme hat, die sie nicht bewältigen kann, sich in Stress oder Notfallsituationen befindet, würden Inkohärenz und Bedingungen bestehen, welche einer Neubildung und Regeneration von Nervenzellen hinderlich seien und eine demenzielle Entwicklung begünstigen würden.

Für Hüther handelt es sich bei der Demenz um eine Zivilisationserkrankung, deren epidemische Ausbreitung zurückgehen wird, wenn wir unsere Lebensbedingungen entsprechend verändern. Er vergleicht dies mit der Pestepidemie im mittelalterlichen Europa, deren Ursache damals auch unbekannt war. Erst später fand man heraus, dass das Pestbakterium für die Verbreitung der Krankheit verantwortlich war, welches sich durch Rattenflöhe auf den Menschen übertrug. Für Hüther ein Organisationsproblem der damaligen Stadtbevölkerung: indem die Bevölkerung in den Städten die Lebensweise der Landbevölkerung weiterführte und sich noch nicht an die notwendigen Bedingungen des geballten Zusammenlebens und den damit erforderlichen hygienischen Anforderungen angepasst hatte, verbreitete sich das Ungeziefer -und damit die Pest. Dem gleich sei die Demenz Ausdruck für eine falsche Lebensweise und folgerichtig eine Zivilisationserkrankung. Durch eine grundlegende Veränderung der bisherigen Lebensweisen und Gewohnheiten unserer Zivilisation würde sich nach Hüther auch das Demenzproblem, so wie die Pest im Mittelalter, eindämmen lassen und die vielen Opfer wären ein notwendiges Erfordernis für die Anpassung an die neuen Anforderungen gewesen.

Das kurzweilige und in verständlicher Sprache verfasste Buch von Gerald Hüther führt in die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse zur Neuroplastizität ein. Versprochen wird der „Ausweg aus der Demenz-Falle“, welcher sich im Potenzial der Neuroplastizität und den dafür notwendigen Lebensbedingungen abzeichnen würde. Der Autor scheut dabei nicht davor zurück, seine These als ausschlaggebende Wende für einen Paradigmenwechsel in der Medizin zu proklamieren. Durch die Abkehr von der Reparaturmedizin, hin zu den Selbstheilungskräften einer Person, würden Krankheiten und Demenzen erst gar nicht mehr entstehen (!).

Über demenzielle Erkrankungen und die Umstände, mit denen Betroffene und deren Nahestehende umgehen müssen und welche Angebote und Perspektiven diesen geboten werden können, erfahren wir in diesem Buch nichts. Seine Heilsversprechen, gestützt auf die Nonnenstudie und die Neuroplastizität, sind gewagt und der vermeintliche Paradigmenwechsel in der Medizin aus der Sicht der Praxis utopisch. Auch hier gilt: Heilsversprechen, egal ob sie von der Pharmaindustrie oder der Neurowissenschaft stammen und nach Aufmerksamkeit schreien, gilt es mit Vorsicht zu begegnen. Dafür ist dieses Buch mehr ein Beleg als eine Ausnahme.

Autor: Gerald Hüther
Seiten: 144 Seiten
Verlag: Arkana; Auflage: 4
Sprache: Deutsch
ISBN: 78-3442342099

 

Raphael Schönborn
Über Raphael Schönborn 9 Artikel
Sozialwirtschaft und Soz. Arbeit, BA Erziehungs- und Bildungswissenschaften, DPGKP, Sonderausbildung für Lehrtätigkeit § 65b GuKG; Lehrgangsleiter Dementia Care (Kardinal König Haus, Wien), Projektleitung ABDem (BMASK, VAEB), langjährige Praxis in der Begleitung und Beratung von Menschen mit Demenz und deren Nahestehenden (raphael-schoenborn.at), Fort- und Weiterbildungstätigkeiten, Leiter der Gesprächsgruppe „Meine Frau hat Demenz.“ (Caritas, Wien)

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