Pflegehistorische Lehr- und Lerninhalte in der Ausbildung zum/zur PflegefachhelferIn in Bayern

In der Ausbildung in der Pflegefachhilfe in Bayern haben historische Lehr- und Lerninhalte nur einen untergeordneten Stellenwert.

(C) Lisa Müller und Helena Sippel

Im Rahmen meines Pflegepädagogikstudiums an der TH Deggendorf beschäftigte ich mich im Besonderen mit historischen Zusammenhängen und entdeckte meinen eigenen Wissensbedarf in diesem Bereich. Ferner wollte ich in meiner Bachelorarbeit Erkenntnisse aus meinem Studium und Erfahrungen in der beruflichen Lehrerpraxis verbinden. Ich konnte in meiner Tätigkeit in den PflegehelferInnenklassen bei den Lernenden ein großes Interesse, aber auch zugleich viele Lernhindernisse entdecken. So entwickelte sich ein pflegehistorisches Projekt für diese Auszubildenden, für Menschen denen nachgesagt wird, dass sie sehr schnell im Arbeiten mit komplexen Zusammenhängen überfordert und den schulischen Anforderungen häufig nicht gewachsen sind.

In der Literatur entdeckte ich, dass der Helferberuf in der Pflege in Deutschland zeitweise als Gefahr und als eine Entwicklung hin zu einer „minderwertigen“ Pflege angesehen wurde (Hackmann, 1991). Mittlerweile wird wieder ein Ausbau dieses Assistenzberufes im Pflegebereich im Zusammenhang mit Skills- und Grademix verstärkt diskutiert. Ich stellte mir die Frage, ob und in welchem Umfang in dieser Assistenzausbildung neben dem Erlernen praktischer Tätigkeiten auch pflegehistorische Lehrund Lerninhalte Raum einnehmen sollten. Wichtig war es für mich auch, in einem konkreten Projekt mit den Auszubildenden forschend diese Thematik zu bearbeiten.

In einem ersten Schritt holte ich Expertenmeinungen mittels Mailanschreiben (Hartmut Remmes, Margaret Mc Allister, Mathilde Hackmann) ein und führte Befragungen von Elisabeth Linseisen, Anja Peters, Andrea Thiekötter, Anne Kellner und praktizierenden Schulleitungen in der Pflegefachhilfe Ulrike Hanke, sowie Christine Kräher durch.

In einem zweiten Schritt entwickelte ich ein Geschichtsprojekt „Pflege – Gestern – Heute – Morgen“ und arbeite mit 19 Auszubildenden an dem Berufsbildungszentrum Ingolstadt. Die gewonnenen Ergebnisse aus der zurückliegenden Recherchearbeit wurden in einem Themenpool zusammengefasst und die Auszubildenden der PflegefachhelferInnenklasse konnten entsprechend ihren Interessen auswählen. Es folgte in einer Einzelarbeit eine Textreduktion der vorgegebenen historischen (Quellen-)texte. In einem Zweierteam, die entsprechend der Themenauswahl gebildet wurden war in einem Schutzraum Platz für einen persönlichen Austausch der Lernenden und die Möglichkeit, Verständnisfragen auch mit der Lehrkraft zu besprechen. Anschließend wurde ein gemeinsames Flipchart erstellt (s. Bild gestaltet nach Text aus „Quellen zur Geschichte der Pflege“ – Sylvelyn Hähner Rombach). Die Partner entwickelten in einem „szenischen Spiel“ (Bossle, 2007) ihre Kernaussagen und präsentierten ihre Ergebnisse vor der Klasse. Diese Darstellungen wurden gefilmt und am Tag der offenen Tür öffentlich gezeigt. Passend zu den von den Lernenden ausgewählten Themen wurden Lehr- und Lerninhalte zu aktuellen gesellschaftlichen Fragen in Kurzvorträgen durch die Lehrkraft vorgestellt. Es wurden folgende anspruchsvolle, wissenschaftliche Texte strukturiert und auf die Zielgruppe abgestimmt bearbeitet: „Doppelte Professionalisierung“ (Ulrich Oevermann), „Normenfalle & Selbstsorge“ (Anne Kellner), „Pflegekompetenz“ (Christa Olbrich „Professionalisierung“ (Sabine Bartholomeyczik), „Fragmentierung der Pflege“ (Susanne Kreutzer), „Heimatverlust der Pflege“ (Dirk Axmacher) und „Professionelle Beziehungsgestaltung“ (Hartmut Remmers). Diese für die Lernenden herausfordernden Inhalte wurden visualisiert und jedes Thema reduziert auf einer Powerpointfolie vorgestellt und in der Gruppe diskutiert. Auf einem DIN A 4 Blatt haben die SchülerInnen jeweils 2-3 Wörter oder einen Satz aufgeschrieben, das, was sie sich in diesem Zusammenhang merken wollten. Am Ende des Projekts evaluierten die SchülerInnen ihren inhaltlichen und methodischen Lernerfolg selbständig mit Hilfe von Fragebögen, sowie gemeinsam mit der Lehrkraft. Fotomaterial aus der Projektphase unterstützte diese Reflexionsarbeit. Ein vorher transparent gemachter Bewertungsbogen war die Grundlage im abschließenden Gespräch von Lehrenden und Lernenden.

Unterstützend für mich in meiner Arbeit waren Erkenntnisse und Erfahrung durch einen Besuch an der Gedenkstätte in Schloss Hartheim/Linz und den Geschichtswelten 2013 in Dresden. Sowohl aus der „Who cares? – Ausstellung“ (Atzl, 2011) in Ingolstadt 2014, in der PflegefachschülerInnen aus dem BBZ Ingolstadt durch eine initiierte Zusammenarbeit mit der Medizinhistorikerin Marion Ruisinger Führungen gestalteten, als auch durch einen Zwischenbericht dieser Bachelorarbeit an der vierten Pflegehistorischen Fachtagung der historischen Sektion der DGPW im Februar 2014 in Münster konnte ich Erfahrungen sammeln und für diese Arbeit nutzen.

Die Lernenden äußerten nach dieser Projekterfahrung, dass sie durch Teamarbeit eine Motivationssteigerung feststellen konnten. Große Freude erlebten sie darin, dass auf Ihre Interessen eingegangen worden ist und sie eigene Ideen einbringen durften. Eine hilfreiche Unterstützung haben sie darin gesehen, dass ihnen interessante Quellen und Visualisierungen zur Verfügung gestellt worden sind (so z.B. viele Bilder aus der Gedenkstätte in Hartheim/Linz). Für die Zukunft haben sie es besonders wichtig gesehen, öfter etwas vorzutragen um freier Sprechen zu können. Auch sei ihnen wichtig geworden, sich für Patienten einzusetzen, wenn diese Handicaps hätten oder in irgendeiner Weise benachteiligt wären.

Ein weiterer Wissensbedarf wurde vor allem für den Themenbereich der Pflege zur Zeit des Nationalsozialismus geäußert. Als Lehrkraft konnte ich die Begeisterungsfähigkeit und die Bereitschaft sich auch mit herausfordernden Lehr- und Lerninhalten bei den Auszubildenden in der Pflegefachhilfe feststellen. Dieses Projekt zeigte, dass mit pädagogischer Begleitung auch Lernenden mit eher negativen Schulerfahrungen sich an komplexe Inhalte heranwagen und Selbstbestätigung erfahren können. Die durchwegs positiven Evaluationsergebnisse der SchülerInnen weisen auf eine Ernsthaftigkeit und Zufriedenheit im Lernprozess hin.

Anfang 2015 hat unser Studiengangsleiter Michael Bossle darauf hingewiesen, dass ein dringender Handlungsbedarf bestehen würde, „einen Diskurs zur Identitätsarbeit in Pflegebildungssettings anzustoßen“ (Bossle, 2015, S.112). Die Gruppe der Pflegefachhelfer darf meiner Meinung nach hier keinesfalls übergangen werden. Eine gemeinsame Ausgestaltung der Unterrichtsinhalte mit den Lernenden motivierte und bestärkte die angehenden PflegefachhelferInnen sich mit ihrer Berufsgruppe zu identifizieren und Stellung zu beziehen, womöglich auch einem persönlichen Wunsch zu folgen, sich als Fachkraft zu qualifizieren. In diesem pflegehistorischen Geschichtsprojekt wurde ich von den Lernenden in ihrer Begeisterungsfähigkeit und Freude an Teamarbeit sehr beeindruckt und schließe mit einem Zitat von Ernst Cassirer: „Das Werk wird zum Vermittler zwischen Ich und Du, nicht indem es einen fertigen Gehalt von dem einen auf das andere überträgt, sondern indem sich an der Tätigkeit des einen die des anderen entzündet“ (Cassirer, 1994, S.111).

Autor: Elisabeth Bauermann, BA
Titel: Pflegehistorische Lehr- und Lerninhalte in der Ausbildung zum/zur PflegefachhelferIn in Bayern
Ausgabe: Pflege Professionell 02/2015
Link: Zur kompletten Ausgabe

Literatur
Atzl, I., & Weidert, J. (2011). Who cares? In I. Atzl, Who cares? (S. 77-83). Frankfurt: Mabuse.

Axmacher, D. (1991). Pro Person: Dienstleistungsberufe in Krankenpflege, Altenpflege und Kindererziehung. Ausbildung Tätigkeitsfelder Professionalisierung. Ergebnisse und Materialien (Kritische Texte). In U. Rabe-Kleberg, U. Krüger, M. Karsten, & T. (Bals, Pflegewissenschaft – Heimatverlust der Krankenpflege? (S. 120-138). Bielefeld: Böllert KT Verlag.

Bartholomeyczik, S. (2010). Professionelle Pflege heute. Einige Thesen. In S. Kreutzer, Transformationen pflegerischen Handelns (S. 133-154). Göttingen: V & R unipress.

Hackmann, M. (1991). Krankenpflege in den fünfziger Jahren. Zur Geschichte der Krankenpflege. Die Schwester / Der Pfleger / 4 / Bibliomed Verlag Melsungen. S.301-311.

Hähner-Rombach, S. (2011). Quellen zur Geschichte der Krankenpflege. Frankfurt: Mabuse.

Kellner, A. (2011). Von Selbstlosigkeit zur Selbstsorge. Eine Genealogie der Pflege. Münster: Litverlag.

Kreutzer, S. (2010). Fragmentierung der Pflege. Umbrüche pflegerischen Handelns in den 1960er Jahren. In: Kreutzer,S. Transformationen pflegerischen Handelns. S. 109-130.. Göttingen: V & R unipress.

McAllister, M. (2013). History holds the key to resilient nurses. http://www.cqu.edu.au/cquninews/stories/ general-category/2013/history-holds-the-key-to-resilient-nurses. abgerufen am 02.05.2014.

Oevermann, U. (1996). Theoretische Skizze einer revidierten Theorie professionalisierten Handelns. In W. Helsper, & A. Combe, Pädagogische Professionalität. S. 70-182. Frankfurt: Suhrkamp.

Olbrich, C. (2010). Pflegekompetenz. Bern: Huber.

Witsch, M. (2008). Kultur und Bildung. Ein Beitrag zu einer kulturwissenschaftlichen Grundlegung von Bildung im Anschluss an Georg Simmel, Ernst Cassirer und Richard Hönigswald. Königshausen und Neumann.

Über Elisabeth Bauermann 1 Artikel
Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin, Lehrerin für Gesundheit- und Krankenpflege

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