Pflegeheime in Deutschland eine Geschäft für Anleger

(C) Eyetronic

Wer glaubt, dass in Deutschland die alten und pflegebedürftigen Menschen in den Pflegeheimen gut versorgt werden, der unterliegt leider einem Irrtum. Es gibt zwar Heime die sich bemühen, den Bewohnern eine gute Pflege und ein menschenwürdiges Altwerden zu ermöglichen, die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel und der von den Pflegekassen angesetzte Personalschlüssel lassen dies aber nur bedingt zu. Der Kostendruck zwingt die Heime auf Kosten der Pflegebedürftigen an allen Ecken und Enden zu Einsparungen.

Angesichts dieser Tatsache ist es um so verwunderlicher, dass große Träger und Pflegeheimketten als börsennotierte Unternehmen im Portfolio großer internationaler Investmentfonds, wie zum Beispiel der niederländischen Waterland oder der englischen hg-capital, auftauchen. Renditen von 6 % und mehr sind da keine Seltenheit. Hier stellt sich nun die Frage wie dies möglich ist. Schließlich wird trägerübergreifend kundgetan, dass eben zu wenig Geld für die Pflege zur Verfügung steht. Diese Aussage, die leider auch einen unbestrittene Tatsache ist, steht doch im krassen Widerspruch zu den Gewinnen börsennotierter Pflegeketten. Zu wenig Geld und doch Gewinne, die den Gang an die Börse ermöglichen, das geht doch nicht, möchte man meinen. Es geht! Die Pflegebranche in Deutschland macht Gewinne und zwar nicht zu knapp.

Während in den meisten Wirtschaftszweigen nur mit guten Produkten ein höherer Absatz und somit höhere Gewinne erzielt werden, ist in der Pflegebranche leider das Gegenteil der Fall. Gute Pflege wenig oder kein Gewinn, schlechte Pflege viel Gewinn. Alle Heime haben je nach Pflegestufe einen bestimmten Tagessatz, welcher anteilig von den Pflegekassen und von den Bewohnern bzw. deren Betreuer bezahlt wird. Es gibt Heime die etwas teurer sind und andere, die geringere Tagessätze haben. Die hohen Gewinnmaximierungen werden aber viel mehr durch Einsparungen erzielt. Bei großen Ketten mit 15.000 Betten rentiert es sich schon bei Kleinigkeiten zu sparen. Das Essen wird von einem Cateringservice gebracht. Einen Nachschlag gibt es dann nicht. Entweder das Essen reicht aus oder der Bewohner hat eben Pech. Einen Kaffee am Nachmittag oder eine Zwischenmahlzeit fällt einfach weg. Bei 15.000 Bewohnern ist dies eine enorme Einsparung. Das ein solches Fertigessen schmeckt kann wohl bezweifelt werden. Darum geht es aber solchen Trägern auch nicht.

Das größte Einsparpotential ist jedoch beim Personaleinsatz möglich. Per Gesetz ist ein Personalschlüssel vorgeschrieben, welcher von jedem Heim einzuhalten ist. Eine personelle Mindestbesetzung gibt es aber nur für das Pflegepersonal. Für die Hauswirtschaft schreibt das Gesetz nur vor, dass eine solche vorgehalten werden muss. In den Pflegegesetzen wird nicht vorgeschrieben, dass das Pflegepersonal nur pflegerische Tätigkeiten ausführen darf. Seltsamerweise ist gesetzlich genau geregelt, wie hoch ein Waschbecken zu hängen hat und wie viele Zentimeter es von der Wand entfernt sein muss. Die Vorgaben zum Personal sind aber so lax, dass dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet sind. Und diese Gesetzeslücke wird dann teilweise in menschenverachtender Weise ausgenutzt.

So gibt es Heime, die so gut wie kein Hauswirtschaftspersonal angestellt haben. Die meisten hauswirtschaftlichen Tätigkeiten wie Waschen, Putzen oder die Zubereitung von Essen sind outgesourct und an Fremdfirmen vergeben. Diese Fremdfirmen sind aber in den meisten Fällen dann auch noch irgendwelche Tochterfirmen, die dann nur zeitlich begrenzt anwesend sind.

In solchen Heimen muss das Pflegepersonal dann morgens das Frühstück zubereiten und bei Bedarf auch noch Putzen und Waschen. Die ohnehin schon zu knapp bemessene Zeit für pflegerische Tätigkeiten wird dann durch diese Einsparmaßnahmen nochmals verkürzt. Der Pflegebedürftige zahlt die Zeche.

So ist es nicht verwunderlich, dass in derartigen Heimen die Bewohner oftmals mittels Psychopharmaka ruhig gestellt werden. Weil die Zeit für Toilettengänge fehlt, werden bettlägerige Bewohner in 3-Literwindeln verpackt und müssen stundenlang in den eigenen Ausscheidungen ausharren. In der Nacht ist eine Pflegekraft für 60 – 80 Bewohner, verteilt auf mehrere Stationen, alleine zuständig. Das ist gefährliche Pflege.  Die Pflege am Menschen verkommt zu Akkordarbeit. Dies führt wiederum dazu, dass Pflegekräfte am Limit arbeiten und ausgepowert sind.  Burnouts sind vorprogrammiert.

Und solche Praktiken lässt der Deutsche Gesetzgeber zu. Dies ist die Folge des allgegenwärtigen Lobbyismus, welcher entsprechenden Einfluss auf unsere Politiker hat. Bestes Beispiel ist der frühere Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr. Er war zuerst im Beirat der ERGO-direkt Versicherung, war dann Gesundheitsminister und wurde nach seinem Ausscheiden aus der Politik mit einer führenden Position bei der Allianz-Versicherung belohnt. Für wen solche Politiker sich engagieren liegt ja wohl auf der Hand.

Die Gier nach Gewinn und Geld lässt manche großen Träger nicht davor zurückschrecken, auf Kosten hilfloser pflegebedürftiger alter Menschen, Gewinne zu machen. Menschen, die nach dem Krieg Deutschland dahin gebracht haben, dass es uns heute so gut geht. Nur um einmal die Dimensionen darzustellen: In meinem Heim mit 33 Bewohnern könnte ich durch solche menschenunwürdige Pflege jährlich zwischen 50.000,00 und 60.000,00 Euro mehr Gewinn machen. Das lässt erahnen, wie hoch die Gewinne bei Trägern mit 15.000 Betten sind. Der eigentliche Skandal ist aber, dass dies jeder in der Branche und auch in der Politik weiß. Unsere Politiker dulden oder soll man sagen fördern diese menschenunwürdigen Praktiken.  Schließlich muss ein Politiker daran denken, was nach einem evtl. Ausscheiden aus der Politik aus ihm wird.

Über Armin Rieger 2 Artikel

Heimbetreiber und Geschäftsführer Pflegeheim Haus Marie, Pflegekritiker und Heimrebell

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen