Pensionsvorbereitung statt Pensionsschock

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Jetzt steht sie vor der Tür: Die Pension. Eine neue Lebensphase beginnt. Nach langen Jahren Erwerbsarbeit wird sie sehnsüchtig erwartet, gleichzeitig machen sich mulmige Gefühl im Bauch bemerkbar. Wie wird das werden, so ganz ohne Arbeit? Was wird sich verändern im Leben? Der nachfolgende Artikel beschreibt die Auswirkungen des Pensionsantritts auf das Leben und gibt Impulse für eine mögliche Vorbereitung auf die Lebensphase Ruhestand.

Pension, Ruhestand- das klingt für viele Menschen immer noch nach Freiheit, einem Leben ohne Wecker und Zeitdruck, nach Ausruhen, eben nach Ruhestand.

Dabei sind die Bilder in unserem Kopf zum Thema Pension längst überholt, denn sie stammen aus einer anderen Zeit. 1970 hatte ein 65jähriger Mann eine weitere Lebenserwartung von maximal 15 Jahren. Nach dem Pensionsantritt lebten viele Menschen also nicht mehr lange und sie waren, aufgrund schlechter Arbeitsbedingungen, meistens schon körperlich angeschlagen oder gar krank. Im Mittelpunkt des „wohlverdienten Ruhestandes“ war daher früher tatsächlich das Ausruhen.

Heute dagegen ist die durchschnittliche Lebenserwartung nach dem 65. Lebensjahr auf 22 weitere Jahre gestiegen und sie steigt weiter, Jahr für Jahr bekommen wir Lebenszeit dazu.  Immer mehr Menschen werden neunzig oder gar hundert Jahre alt. Heute gehen außerdem die meisten Menschen gesund und fit in die Pension, sie sind körperlich jünger als frühere Generationen und sie haben so viel weitere Lebensjahre vor sich, wie keine Generation vor ihnen. Wer mit 65 Jahren in Pension geht, betritt also eine lange Lebensphase, die zwischen 25, 30 oder gar mehr Jahren dauern kann.  Früher teilte man das Leben ein in Ausbildung, Beruf und Ruhestand, heute spricht man davon, dass zwischen dem Ende der Arbeit und der Phase des tatsächlichen Ausruhens eine eigene Lebensphase liegt. Eine Lebensphase, die Chancen birgt, auf die man sich aber auch vorbereiten sollte, um sie gut für sich zu nützen.

Der Übergang in den Ruhestand als Phase der Umorientierung

In der Soziologie wird der Übergang in den Ruhestand als Rollenübergang betrachtet. Angehende PensionistInnen müssen sich aus vertrauten Rollen lösen und neue Rollen, sowie Aufgaben finden.

Es kommt zum Loslösen von…. Es benötigt Neuorientierung für…. 
 

·         dem Status des Erwerbstätigen

·         dem Arbeitgeber/ der Firma

·         dem sozialen Umfeld der Arbeit

·         der vorgegebenen Zeitstruktur

 

 

·         zukünftige Rollen und Aufgaben

·         soziale Kontakte und Freundschaften

·         den Umgang mit der Zeit

·         die Partnerschaft

 

Wie komplex diese Loslösung und Neuorientierung auf die Rolle des Ruheständlers sein kann, zeigt schon die kleine Frage nach der künftigen Vorstellung beim Kennenlernen neuer Menschen. Üblicherweise fällt in dieser Situation irgendwann die Frage „Was machst Du“. Wir antworten mit unserem Beruf: „Ich bin Intensivschwester. Ich bin Stationspfleger. Ich arbeite in der Altenpflege.“ Die Zugehörigkeit zu einem Beruf, ist ein wesentliches Merkmal unserer Identität. Auf Grabinschriften steht nicht umsonst manchmal immer noch „Hier ruht H.H., Bäckermeister in Rente“ und erst kürzlich war in einer Traueranzeige zu lesen: „M.M., langjährige Stationsleitung im Krankenhaus XY, verstarb im 87. Lebensjahr nach langer Krankheit“. Unser Beruf ist wesentlicher Bestandteil unserer Identität und ihn zu verlassen, stellt einiges auf den Kopf. Wer sind wir, wenn wir nicht mehr Intensivschwester, Oberschwester oder Altenpfleger sind? Wie stellt sich jemand im Ruhestand vor? Hallo, ich bin Pensionist und genieße mein Leben? Darf ich mich vorstellen, ich bin in der nachberuflichen Lebensphase angekommen?

Eine weitere große Veränderung, die der Pensionsantritt mitbringt, ist der Verlust eines sozialen Umfeldes. Plötzlich sind wir nicht mehr eingebettet in ein Team und auch den fast selbstverständlichen Austausch mit KollegInnen gibt es nicht mehr. Vielleicht wird aus der ehemaligen Lieblingskollegin eine Freundin. Meistens aber gehen berufliche Kontakte nach und nach verloren. Besonders betroffen sind hier jene Menschen, deren soziales Leben vor allem über die Arbeit stattfand. Sie laufen Gefahr in der Pension Einsamkeit zu erleben.

Eine oftmals völlig unterschätze Veränderung durch die Pensionierung ist der Verlust der vorgegebenen Zeitstruktur. Worauf sich im Vorfeld des Pensionsantritts die meisten Menschen besonders freuen, keinen Wecker mehr stellen zu müssen oder nicht mehr fremdbestimmt zu sein in der Gestaltung des Lebens, ist in Wirklichkeit eine der größten Herausforderungen.

Plötzlich Zeit. Unendlich viel Zeit. Jeden Tag 24 Stunden. 7 Tage die Woche, 30 Tage im Monat und 12 Monate lang. Jahr um Jahr um Jahr. Fühlt sich das dann noch an wie lebenslanger Urlaub? Befinden sich RuheständlerInnen tatsächlich in jahrelanger Feiertagslaune? Oder war vielmehr zur Zeit der Erwerbstätigkeit der Urlaub nur deshalb so wunderbar, weil es vorher und nachher zu arbeiten galt? War das Wochenende nur deshalb so herbeiersehnt, weil es vorher den Freitag und nachher den Montag gab?  Wie schaut so ein Tag als Pensionistin aus, wenn alle weiteren Tage des Lebens ebenso freie Tage sein werden?

Häufig nicht bedacht werden auch die Auswirkungen der Pensionierung auf die Partnerschaft. Plötzlich sitzen sich zwei Menschen Tag für Tag gegenüber, die in den letzten vierzig oder fünfundvierzig Jahren nur Abende, Wochenenden und Urlaube miteinander verbracht haben. Worüber reden mit der Partnerin, wenn sie plötzlich täglich anwesend ist?  Was miteinander unternehmen die nächsten Tage, Wochen, Monate und Jahre? Dass der Pensionsantritt von Paaren ernst genommen werden sollte, darauf verweisen die erhöhten Scheidungszahlen rund um das Lebensereignis Pensionsantritt.

Pensionierung und Partnerschaft – ein Gespräch muss her!

Der Übergang in den Ruhestand ist für Partnerschaften noch einmal eine krisenhafte Zeit. Häufig wurden die gegenseitigen Erwartungen an die Lebensphase Ruhestand nicht abgeklärt und viele Partner reden auch nicht über ihre Bedenken bezüglich der vor ihnen liegenden Zeit. Dabei gibt es da eine Reihe subtiler Ängste, sind offene Fragen an die Zukunft absolut berechtigt.

 „Muss ich jetzt zu Hause im Haushalt den Kochlöffel und Staubsauger schwingen? Oder ist der Haushalt ihr Revier?“ Erwin S., 65 Jahre, kurz vor seinem Pensionsantritt.

„Wird mein Mann mit sich etwas anzufangen wissen oder sitzt er zu Hause auf dem Sofa rum und wartet darauf, dass ich etwas mit ihm unternehme?“ Anita G., 63 Jahre, vor dem Pensionsantritt ihres Mannes.

 „Meine Frau ist total eifersüchtig. Kann ich jetzt überhaupt noch irgendetwas alleine machen?“ Günther R., 62 Jahre, ein Jahr vor dem Eintritt in den Ruhestand.

Es gilt ein Stück abzuklären, welche Vorstellungen jeder vom Leben hat. Um als Paar in Kontakt zu bleiben, um am täglichen Esstisch weiterhin ins Gespräch zu kommen, braucht es beides – gemeinsame Aktivitäten UND ein eigenes Leben, Erlebnisse mit Freunden oder auch alleine. Daher müssen sich Paare etwa fragen, welche Hobbies jeder Partner alleine ausüben will und welche Leidenschaften das Paar teilt. Auch bei Freundschaften braucht es eine Waage zwischen eigenen und gemeinsamen Freunden, damit keine Enge in der Beziehung entsteht. Es geht um die gemeinsame Lebensreise, um die letzte gemeinsame Etappe im Leben.  Erwartungen abzuklären und gemeinsam diesen Lebensabschnitt zu planen, kann spannend sein und erhöht die Chancen, es auch miteinander ins höhere Alter zu schaffen.

Pensionsvorbereitung statt Pensionsschock

Nicht jeder Mensch, der das Erwerbsleben in Richtung Pension verlässt, erlebt diese Zeit als Krise oder leidet an den Veränderungen.  Der Pensionsantritt ist ein sehr individueller Prozess und abhängig von den jeweiligen Lebensumständen des Menschen.

War der Beruf das Wichtigste im Leben, brachte die Arbeit Erfüllung, Anerkennung oder Prestige, dann kann der Verlust der Arbeit äußerst schmerzhaft sein und eine Lücke reißen. Ist der Beruf allerdings schon jahrelang Belastung gewesen, körperlich oder psychisch, dann wird die Pensionierung als Befreiung erlebt werden.

Hat jemand außerhalb der Arbeit einen großen Freundeskreis, viele Hobbies und arbeitet auch noch ehrenamtlich, dann wird dieser Mensch ganz selbstverständlich in einen erfüllten neuen Lebensabschnitt treten. Gab es da aber nie Freundschaften außerhalb der Arbeit, wurde der Feierabend schon immer in erster Linie vor dem Fernseher verbracht, dann bringt der Pensionsantritt die Gefahr großer Leere im Leben. Die Fernsehzeit wird anwachsen, die Langeweile zunehmen. Aus der gerontologischen Forschung ist bekannt, dass Nichtstun und Langeweile das Risiko von Krankheiten erhöht.  So ein Leben am Sofa mag daher entspannend sein, möglicherweise dauert es aber nicht allzu lange.

Sich auf die Pension vorzubereiten, braucht also einen ehrlichen Blick auf das eigene Leben, auf die Potentiale, aber auch auf die Stolpersteine. Es steht eine Art Standortbestimmung an. Hier einige Fragen, über die es sich lohnt nachzudenken:

  • Welche Rolle spielte die Arbeit in meinem Leben?
  • Was verliere ich mit dem Austritt aus dem Erwerbsleben?
  • Was gewinne ich mit dem Eintritt in die Pension?
  • Wie verändert sich meine finanzielle Situation?
  • Welche Kontakte pflege ich außerhalb der Arbeit?
  • Wieviel Struktur brauche ich im Leben? Wieviel Freiheit?
  • Wie werde ich „normale“ Tage von besonderen Tagen unterscheiden?
  • Wo werde ich in Zukunft Herausforderungen finden, Bestätigung und Anerkennung?

Den Pensionsantritt ohne jegliche Vorbereitungen auf sich zukommen zu lassen ist, als würde jemand eine Weltreise antreten ohne Planungen. Es geht dabei nicht darum jede Reisestation schon im Detail zu kennen, eine Liste von Sightseeing-Objekten zu erstellen und diese dann abzuhaken. Für derlei detaillierte Vorbereitungen ist das Leben ohnehin viel zu unberechenbar. Aber es ist nützlich Grundlegendes zu überlegen, etwa wo die erste Etappe der Reise hingeht, nach Afrika oder Amerika, wieviel Geld zur Verfügung steht, ob die Reise alleine oder mit anderen Menschen gemacht wird und auch wer die Wohnung hütet, während man weg ist.

Mit dem Pensionsantritt verhält es sich ähnlich, wie mit einer Reise. Es empfiehlt sich den Ausstieg aus der Arbeit gut vorzubereiten und für die ersten Wochen schon Pläne zu haben. So kann der Zeitpunkt des Pensionsantritts meist selbst ausgewählt werden und es könnte ein guter Start ins Pensionsleben sein, dafür die persönliche Lieblingsjahreszeit zu wählen. Eine Zeit, in der sich sowieso viele Aktivitäten und die Stimmung gut ist.

Die Art und Weise wie Abschied genommen wird vom Arbeitsleben, hat wesentliche Auswirkungen auf das Ankommen in der Pension. Was muss alles noch erledigt, übergeben, sortiert und ausgemistet werden, damit am letzten Arbeitstag der Schritt hinaus in den neuen Lebensabschnitt leichtfällt? Auch der Abschied vom Team und den KollegInnen will nicht dem Zufall überlassen werden. Großes Abschiedsfest oder nur ein Rundgang mit Händeschütteln am letzten Arbeitstag?

Dann die ersten Tage, Wochen und Monate. Strukturierte und aktive Menschen werden sich sehr schnell in ein aktives Leben begeben. Unstrukturierte Menschen haben es hier aber ungleich schwerer. Es kann helfen, wenn zum Einstieg in den neuen Lebensabschnitt schon ein paar Vorhaben geplant sind. Eine erste Reise, das Haus neu streichen, eine Weiterbildung machen, einen Hund zulegen oder sich einfach nur über ehrenamtliches Engagement zu informieren.

Die Vorbereitung auf den Ruhestand sichert einfach gute Startbedingungen für den letzten großen Lebensabschnitt. Es geht dabei nicht darum, einen strammen Terminplan zu erstellen, es geht nur um erste Schritte, um eine Art Leiter ins neue Leben, darum ein Netz zu spannen, welches die erste Zeit in der Pension trägt.

Weiterführende Literatur:

Heck, H. (2008): Beugen Sie dem „Pensionsschock“ vor!“ In: Informationen für Ihre Gesundheit. Freie Krankenkasse. Ausgabe 04.

Stieger, L. (2016): Pension. Lust oder Frust?  Wien. Edition Va Bene.

Wahl, H.-W. (2013): Aktiv in den Ruhestand. Planen, gestalten, genießen. Techniker Krankenkasse. Hamburg.

Über Sonja Schiff 3 Artikel

MA (Gerontologie), diplomierte psychiatrische Pflegefachkraft. Gerontologische Beraterin und Trainerin, Altenpflegeexpertin, Bloggerin und Autorin.

Ihr aktuelles Buch: „10 Dinge, die ich von alten Menschen über das Leben lernte. Einsichten einer Altenpflegerin“

Kontakt: Webseite

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