„Mittendrin dabei“

Pflegeausbildung im Umbruch

(C) Marco2811

Geschätzte Leserschaft – ich muss Sie gleich vorweg enttäuschen – es erwartet Sie mit dem vorliegenden Artikel keine Coming-of-Age-Geschichte á la „Mittendrin und voll dabei“(1), wobei Entstehung/Entwicklung sehr wohl das Thema sein wird – aber alles der Reihe nach.

Die Bildungslandschaft der Pflege ist seit geraumer Zeit „im Umbruch“ – aber was heißt das eigentlich ?

Ja, die Pflegeausbildung ist im Umbruch – seit 9/2015 wird auch an den Standorten des Wr. Krankenanstaltenverbundes (Wr. KAV) das Bacherlorstudium „Gesundheit“ in Kooperation mit dem Fachhochschulcampus Wien (FHCW) angeboten und nun ist es an der Zeit eine kurze Zwischenbilanz zu ziehen.

Als berufspolitisch interessierte Berufsangehörige des gehobenen Dienstes für Gesundheits- und Krankenpflege, die heuer ihr 35(!)-jähriges Diplomjubiläum feiert, habe ich Veränderungen miterlebt/mitgestaltet und erlaube mir nun jene Erfahrungen, welche sich im Zusammenhang mit den Bildungssparten „Diplomausbildung“/„Bachelorstudium Gesundheit“ ergeben, zu resümieren.

Keine Sorge ich beginne nicht bei „Adam&Eva“…. Als determinierend für die heutige Ausbildungssituation der Gesundheits- und Krankenpflege erachte ich den Termin der LandesgesundheitsreferentInnenkonferenz vom 14.5.2014.

Es wurde dabei ein Modell (siehe Abb. 1) vorgestellt, welches die abgestimmten Kompetenzprofile der verschiedenen Pflegeberufe an die Erfordernisse einer modernen Gesundheitsversorgung anzupassen in der Lage wäre.

Abb.1 Modellvorschlag der LandesgesundheitsreferentInnen vom 14.5.2014
Abb.1 Modellvorschlag der LandesgesundheitsreferentInnen vom 14.5.2014

Am 14. November 2014 wurde – nachdem auch BerufsvertreterInnen das Modell präsentiert wurde – im Rahmen der LandesgesundheitsreferentInnenkonferenz ein weiterentwickelter Vorschlag des Reformkonzeptes vorgelegt.

Auf Basis dessen und des GuK-Reformkonzeptes der Gesundheit Österreich GmbH. (GÖG) konnte ein Maßnahmenpaket vorgelegt werden, das zur Verbesserung der Einsatzmöglichkeiten des Pflegepersonals und damit zu einer verbesserten Versorgungssituation im Sinne der Zielsteuerung in den verschiedenen Settings beitragen sollte. Dieses Maßnahmenpaket (2) beinhaltet folgende (exemplarische) Maßnahmen:

  • Neues, aktualisiertes Berufsbild sowie Ablösung der in der Praxis zu Anwendungsproblemen geführten Tätigkeitsbereiche durch einen neugestalteten Kompetenzbereich des gehobenen Dienstes für Gesundheits- und Krankenpflege, der den Anforderungen der unterschiedlichen Settings Rechnung trägt und praxisorientiert gestaltet ist, sowie Ermöglichung neuer Spezialisierungen im Hinblick auf eine Weiterentwicklung des Berufs
  • Einführung der Pflegefachassistenz als weiteren Pflegeassistenzberuf, der mit einer aufbauenden vertiefenden und erweiternden Qualifikation eine weitergehende Delegationsmöglichkeit ohne verpflichtende Aufsicht eröffnet
  • Beibehaltung des Berufsbildes der Pflegehilfe als Pflegeassistenz, insbesondere im Hinblick auf die Kompatibilität mit den auf Landesebene geregelten Sozialbetreuungsberufen, einschließlich der Aktualisierung des Tätigkeitsbereichs
  • Auslaufen der speziellen Grundausbildungen in der Kinder- und Jugendlichenpflege und in der psychiatrische Gesundheits- und Krankenpflege
  • Möglichkeit der Weiterführung der Gesundheits- und Krankenpflegeschulen als Schulen für Pflegeassistenzberufe
  • Auslaufen der Ausbildungen in der allgemeinen Gesundheits- und Krankenpflege an den im Sekundarbereich angesiedelten Gesundheits- und Krankenpflegeschulen und damit Überführung der Ausbildung im gehobenen Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege in den tertiären Ausbildungssektor im Rahmen einer angemessenen Übergangsfrist

Im Dezember 2014 erfolgte dann ein richtungsweisender Impuls durch die zuständige Stadträtin für Gesundheit und Soziales, Frau Mag.a Sonja Wehsely – indem die Entscheidung getroffen wurde, dass mit Herbst 2015 an 2 Standorten (3) des Wr. Krankenanstaltenverbundes die Ausbildung im gehobenen Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege im tertiären Bereich stattfinden soll. Dazu wurde ein Pilotprojekt gemeinsam mit dem Fachhochschulcampus Wien gestartet.

https://www.wien.gv.at/rk/msg/2015/07/22013.html

Die Schul- und nun auch FH-Studienstandorte SZO und SZX übernehmen dabei das Curriculum der FH Campus Wien – die Fachhochschule ist für hochschulische Belange und die Qualitätssicherung zuständig.

In einem Akkreditierungsverfahren durch die Agentur für Qualitätssicherung und Akkreditierung Austria  (AQA) wurde geprüft, ob die FH-Studienstandorte SZO und SZX, den Qualifizierungsstandards entsprechen und die Voraussetzungen für die Kooperation mitbringen. Am 17. März 2015 wurde der Bachelorstudiengang Gesundheits- und Krankenpflege an den Standorten SMZ-Ost und SMZ-Süd von der AQ Austria akkreditiert.

https://www.aq.ac.at/de/akkreditierte-hochschulen-studien/entscheidungen_fh.php

2.9.2015 – wir starten!

Ab dem Studienjahr 2015/16 stehen jährlich je 36 Studienplätze an den FH-Studienstandorten SZO und SZX zur Verfügung – dementsprechend weniger BewerberInnen werden an beiden Standorten in der Diplomausbildung aufgenommen.

Der Studienstart ist jeweils an einem Mittwoch in der Kalenderwoche 36 – d.h. ab sofort gibt es ein neues Beginndatum für die Standorte. Wo bisher an jedem 1.3. und 15.9. Ausbildungen begannen, kommt nun ein weiterer Beginnzeitpunkt hinzu (heuer ist es z.B. der 7.9.2016).

Organisatorisches
Dieser Punkt sollte eigentlich vor dem vorangegangenen genannt sein – natürlich gab und gibt es „gaaaanz“ viel an Organisatorischem zu bedenken, umzusetzen, zu planen, zu koordinieren.

Es würde aber den Rahmen sprengen all das in diesen Artikel verpacken zu wollen – ich denke es sollte genügen zu erwähnen, dass es notwendig war, ist und auch sein wird – organisatorisch „fit“ zu sein.

Die Strukturen – sowohl der FHCW, als auch des Wr. KAV – bieten dafür optimale Voraussetzungen (Klarheit an Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten und vor allem Erfahrungen), um komplexe Vorhaben dieser Art möglich zu machen.

Es bedarf aber auch einer gehörigen Portion an Umsichtigkeit, Motivation und Gestaltungswillen (aller !), die zusätzlich zu den geforderten Qualifikationen und Kompetenzen notwendig sind.

„Veränderung ist das, was die Menschen am meisten fürchten.“  F. M. Dostojewskij

Wir freuen uns darauf, weil wir mitgestalten können! (4)

Theorie
Die Lehrveranstaltungen sind entsprechend dem Curriculum semesterweise aufgeteilt (siehe exemplarische Darstellung Abb. 2) und werden in Vorlesungen, Integrierten Lehrveranstaltungen, Seminaren und Übungen angeboten.

Um den Austausch und den Aufbau einer hochschulischen Community zu fördern, finden 15 % der theoretischen Ausbildung am Hauptstandort der FH Campus Wien statt.

In unserem Fall finden die Lehrveranstaltungen jeden Montag am FHCW für die StudentInnen statt.

Eine Unterrichtseinheit dauert 45 Minuten und wird vorzugsweise in 4er Blöcken geplant.

Das System der ECTS (European Credit Transfer and Accumulation System) ist das Europäische System zur Anrechnung, Übertragung und Akkumulierung von Studienleistungen (eines der Kernthemen im Bologna-Prozess). Es sorgt für Transparenz und Vergleichbarkeit von erbrachten Studienleistungen, wodurch deren Anrechnung erleichtert und damit die Mobilität von Studierenden gefördert wird.

Die ECTS-Punkte ergeben sich aus der geschätzten Zeit/dem geschätzten Arbeitspensum, die eine durchschnittliche Studierende/ein durchschnittlicher Studierender für die Absolvierung einzelner Lehrveranstaltungen, Module etc. braucht.

Das Arbeitspensum setzt sich aus sämtlichen Lernaktivitäten zusammen, die Teil eines Studiums sind und mittels einer Leistungskontrolle überprüft werden. Dazu zählen:

  • Teilnahme an Lehrveranstaltungen
  • Praktika
  • Selbststudium (Bibliotheksarbeit oder Arbeit zu Hause)
  • Prüfungsvorbereitung
  • Abschlussarbeiten und Abschlussprüfungen

ECTS-Punkte geben keine Auskünfte über den Lerninhalt, die Lernergebnisse oder die erworbenen Kompetenzen der Studierenden/des Studierenden.

Sowohl die theoretischen Inhalte des Studiums, als auch das Praktikum wird in ECTS angegeben.

Ein ECTS-Punkt steht für 25 Echtstunden á 60 Minuten an tatsächlichem Arbeitsaufwand für die Studierenden.

Abb. 2 Lehrveranstaltungsverteilung 1. Semester
Abb. 2 Lehrveranstaltungsverteilung 1. Semester

Praktikum
Gemäß den europäischen Richtlinien (2005/36/EU) müssen die Studierenden mindestens 2300 Praktikumsstunden absolvieren (= 92 ECTS). Ihre Praktika absolvieren sie dabei hauptsächlich im Wiener Krankenanstaltenverbund und Partnerorganisationen wie dem Dachverband Wiener Sozialeinrichtungen.

Ein erstes Praktikum wurde von den StudentInnen innerhalb des Studienjahres 2015/16 bereits absolviert und zeigte großteils sehr gute Ergebnisse, trotz verhältnismäßig frühem Praktikumsbeginn nach knapp 3 Monaten Studienstart. Mit der Lehrveranstaltung „Praktikumseinführung und Reflexion“ sind auch zusätzliche Möglichkeiten (siehe LV-Titel) integriert.

Wording/Sozialisation
Es mag wie eine Platitüde klingen, aber die Bedeutsamkeit der Sprache ist im Setting differenzierter Ausbildungsformen an einem Standort von besonderer Relevanz.

Dazu ist die Eindeutigkeit – keine Verwässerung der Bezeichnungen – besonders wichtig.

StudentInnen und SchülerInnen erlangen beide eine Berufsberechtigung im gehobenen Dienst der Gesundheits- und Krankenpflege, dennoch sind die einen StudentInnen und die anderen SchülerInnen. Das muss sowohl in den unterschiedlichen Settings (Lernform, Methodik, Didaktik, u.v.m.) Berücksichtigung finden, wie auch bei Alltagsdingen wie: der Bezeichnung und der Anrede (Namensschilder, etc.). Dafür sind auch die anderen Berufsgruppen (Sekretariat, SchulassistentInnen) am Standort zu sensibilisieren. Somit erfolgt keine Wertung, schon gar keine Diskriminierung, sondern eine Präzisierung/Klarstellung, die häufig im Berufsalltag als vermisst gilt.

Als besondere Herausforderung sehen wir in Zeiten des Umbruchs der Pflegeausbildung die Möglichkeit der heterogenen Ausbildungsformen. Durch gezielte Auseinandersetzung mit der Thematik „Erlangung der Berufsberechtigung in verschiedenen Systemen“ gelingt (hoffentlich) möglichst hohe, gegenseitige Akzeptanz, welche wir dringend im Berufsfeld benötigen, solange es noch die Parallelformen der Ausbildung im gehobenen Dienst der Gesundheits- und Krankenpflege gibt. Mit einer Entscheidung der Verantwortlichen zu einem baldigen Auslaufen der Diplomausbildung und einer Gesetzesnovellierung könnte somit zur Verdeutlichung/Klärung dieser Situation beitragen werden.

Stimmt/stimmt nicht ?
Da wären die 3 „Klassiker“:

  1. Bachelor-AbsolventInnen sind den diplomierten Pflegepersonen vorgesetzt. Stimmt nicht ! Die AbsolventInnen des Bachelorstudiums „Gesundheit“ und die AbsolventInnen der Diplomausbildung erlangen beide die Berufsberechtigung im gehobenen Dienst der Gesundheits- und Krankenpflege und beide werden (hoffentlich) nicht unmittelbar nach der Ausbildung/dem Studium in eine leitende Position befördert werden, sondern erst Berufspraxis erwerben. Denn gesetzlich ist für diese Tätigkeit lt. GuKG §17 (5) eine mind. 2-jährige Berufstätigkeit Voraussetzung.
  2. Man kann ein „Upgrade“ (BSc.) als diplomierte Pflegeperson erwerben. Stimmt ! Wobei die Begrifflichkeit „Upgrade“ zu diskutieren wäre…. Es gibt unterschiedlichste Angebote (in Zielsetzung, Umfang, Qualität,…), die es durch die/den Einzelne/n zu prüfen gilt. Wichtig wäre aber vor allem die Frage zu stellen, was mit dem Studium bezweckt wird.
  3. Die Bachelor-AbsolventInnen sind gehaltsmäßig besser gestellt/verdienen mehr. Stimmt nicht ! Es werden alle AbsolventInnen des gehobenen Dienstes der Gesundheits- und Krankenpflege im Wr. KAV nach dem Besoldungsschema der Stadt Wien gleich (in K4) eingestuft.

Ausblick
Wir befinden uns „erst“ (schon !) im 2. Semester des Studiums, somit lässt sich kein abschließendes Resümee ziehen. Vieles erfolgt trotz guter Vorbereitung, Briefings, Kooperation in Form von Learning bei Doing. Dennoch – und das sind wir unseren Studierenden schuldig – handelt es sich beim FH-Studiengang „Gesundheit“ in Kooperation mit dem FHCW um kein „Probehandeln“. Wir haben den Vorteil aus den bisherigen Erfahrungen (beruflich und persönlich) „the best of both worlds“ zu nehmen.

Damit kann ein wichtiger Schritt zur weiteren Professionalisierung des Pflegeberufes gesetzt werden.

Geplant sind zukünftig auch standortübergreifende Forschungsprojekte, die auf Erfahrungen mit dem FHCW aufbauen, wie z. B. die Begleitevaluationsstudie zum Projekt „Einrichtung eines 3. Lernorts – mit Integration von SimulationspatientInnen.“

Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, Ihnen einen Einblick in die gegenwärtige Situation zu geben und Sie für die Veränderungen zu interessieren.

Auf Umbruch folgt Aufbruchsstimmung und die ist bei uns – am FH-Studien-/Schulstandort SZO – gut!

 

Bachelor-Studiengang Gesundheits- und Krankenpflege am Sozialmedizinischen Zentrum Ost und am Sozialmedizinischen Zentrum Süd 

Studiengang „Gesundheits- und Krankenpflege“ der Fachhochschule Campus Wien in Kooperation mit dem Wiener Krankenanstaltenverbund

Abschluss: Bachelor of Science in Health Studies (BSc) + Berufsberechtigung
ECTS: 180 ECTS-Credits
Studienbeitrag:  € 363,36 + ÖH Beitrag pro Semester
Organisationsform: Vollzeit
Bewerbungszeit: noch bis 13.5.2016

 

Kontakt:
Michaela Dorfmeister, MBA
Standort-Studiengangsleiterin
FH-Studienstandort SZO
Direktorin der  Schule für allgemeine Gesundheits- und Krankenpflege
am Sozialmedizinischen Zentrum Ost der Stadt Wien
Langobardenstraße 122
1220 Wien
Å 01/28802/5301
Email: michaela.dorfmeister@wienkav.at
http://www.wienkav.at/kav/ausbildung/allgemein/smzo/

Fußnoten
(1) Der Film (im Original Skipped Parts) schildert die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter mit ausschweifendem Lebensstil und das Heranwachsen ihres Sohnes.

(2) aus den Erläuterungen (Arbeitsfassung) zur GuK-Novelle 2015

(3) Schule für allgemeine Gesundheits- und Krankenpflege am Sozialmedizinischen Zentrum Ost (SZO) und Schule für allgemeine Gesundheits- und Krankenpflege am Sozialmedizinischen Zentrum Süd (SZX)

(4) Ich möchte an dieser Stelle die Gelegenheit dazu nützen, um mich bei meinem Team am Standort SZO zu bedanken, für das engagierte, kompetente und zukunftsorientierte Herangehen – Stichwort „unermüdlicher Pioniergeist“ !

 

Der Artikel wurde zuerst in der Ausgabe Pflege Professionell 4/2016 publiziert.

Über Michaela Dorfmeister 1 Artikel

Akadem. Health Care Managerin (WU Wien), Schuldirektorin und Standortstudiengangsleitung des Bachelorstudiengangs „Gesundheits- und Krankenpflege“ in Kooperation mit der FH Campus Wien am Standort SMZ-Ost, Diplom der allgemeinen Gesundheits- und Krankenpflege, Sonderausbildung für Intensivpflege & Nierenersatztherapie, Sonderausbildung für Lehrer/innen der Gesundheits- und Krankenpflege, Lehrbeauftragte in Bildungs- & Gesundheitsinstitutionen, Buchautorin.

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