Lebensbegleitendes Lernen im Alter

Eine Rede im Bundesrat des österreichischen Parlaments...

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Die letzten Jahre haben das Thema Alter immer mehr in den Mittelpunkt gerückt. Das hat seine guten Seiten ebenso wie seine nicht so guten Seiten. So lange Alter grundsätzlich für viele von uns auch ganz persönlich als Zeit des Abbaus und Verlustes erlebt werden, scheint es etwas absurd, gerade dann lernen zu sollen, können und zu wollen. Immer vor dem Hintergrund, zahlt sich denn das eigentlich noch aus? Kann ich da überhaupt noch mithalten?

So kommt die Empfehlung des „Lebensbegleitenden Lernens 2020“ zum richtigen Zeitpunkt. Schon allein deshalb, weil es ein lebensnahes, differenziertes Konzept ist. In einer Zeit, in der die Zivilgesellschaft sich neu orientieren muss, müssen auch Lernprozesse von ihrer Tradition Abschied nehmen. Heute geht es nicht nur um den klassischen Bindungserwerb der vorwiegend in der mittleren Schicht und dem Bildungsbürgertum beheimatet ist. Heute geht es darum, Alter sinnstiftend und partizipativ zu gestalten. Leicht dahin gesagt, was aber ist das eigentlich?

Elderly education – Altersbildung – muss sich an dem Leben von älterwerdenden Menschen orientieren. Wer in seinen gesamten Lebensverlauf keine oder wenig Chancen hatte, sich über die Schulbildung hinaus zu bilden, immer wieder zu lernen, wird sich sehr schwertun, im Alter plötzlich bildungshungrig zu werden. Wenn Menschen immer noch daran glauben, dass die Erde eine Scheibe ist und der Garten die Grenze des eigenen Lebens darstellt, nützen die besten Bildungsangebote nur wenig. Was also braucht es, um Menschen im Alter neue Chancen zu bieten, um etwas zu lernen?

Die vier großen Prinzipien des lebensbegleitenden Lernens heißen Community Education – gemeinwesenorientierte Bildung – , Chancengerechtigkeit und soziale Mobilität, Qualität und Nachhaltigkeit, Leistungsfähigkeit und Innovation.

Vier zentrale Themen mit der immer gleichen Frage, was sie in Realität umgesetzt heißen und wie sie umzusetzen sind. Dabei geht es nicht nur um Konzepte, dabei geht es nicht nur um Programme, die Alter als Alleinstellungsmerkmal sehen

. Es geht auch vielmehr darum, den so unterschiedlichen Generationen auf die Spur zu kommen. Ist heute die Generation der Baby Boomer auf dem Weg ins Alter, ist es die Nachkriegsgeneration die zur Wohlstandsgeselllschaft geworden ist, oder ist es die Generation der Hochaltrigen, die durch Kriege und ihre entsetzlichen Folgen geprägt worden sind.

Abgesehen von den unterschiedlichen Generationen hat jeder dieser Generationen und sozialen Gruppen auch unterschiedliche Lernerfahrungen gemacht. Ohne Rücksicht darauf sind neue Konzepte der Community Education leicht auf verlorenem Posten.
Wer heute heute alt wird, wer sich heute mit den Konzepten zum lebensbegleitenden Lernen beschäftigt, muss Pionierarbeit leisten.

In keinem der vorangegangenen Jahrhunderte wurden zugleich so viele Menschen sehr alt. Die Lebensjahre, die nach dem Arbeitsleben verblieben sind, waren relativ kurz und konnten oft nur mehr wenig genutzt werden, um neue Erfahrungen zu machen.

Heute heißt Lernen den Alltag bewältigen zu können der sich rasch verändert. Heute heißt es soziale Teilhabe nicht zu verlieren und zu lernen: was braucht eine Gesellschaft von mir was brauche ich von ihr. Heute heißt Lebensbegleitendes Lernen nicht den einseitigen Wissenstransfer von alt zu jung, sondern einen permanenten lebhaften Austausch und Diskurs und das vor dem Hintergrund einer Lebenswelt, in der dringende Lebensprobleme wie Arbeitsbesitz, Kampf gegen Armut, nicht vorhandene Umverteilung eine so wichtige Rolle spielen.

Die Weisheit des Alters rettet niemand davor, sich mit Herausforderungen herumzuschlagen, die bei der eigenen Haustüre beginnen und unser gesamtes Lebensumfeld betreffen. Heute heißt Lebensbegleitendes Lernen mit dem Leben im Alter umgehen zu lernen.

Heute heißt Lebensbegleitendes Lernen zum Beispiel auch, Health literacy – Gesundheitskompetenz – auch für das eigene Alter zu fördern. Altersgesundheit muss gendergerecht sein, so wie sich Gesundheit und das Gesundheitswesen längst schon damit auseinandersetzen müssen, dass der alleinige Maßstab nicht der 35-jährige Mann ist und dass Alter sehr viel mit lange davor erworbener Gesundheitskompetenz zu tun hat.

Und heute heißt Lebensbegleitendes Lernen auch, erworbene Fähigkeiten und Fertigkeiten weiterhin ausüben zu können. Auch das in einer Gesellschaft, in der um Arbeitsplätze gerungen wird.

Weil wir als ältere Menschen lernen müssen, dass das Leben erst mit dem Tod aufhört und wir bis dahin in einem permanenten Lernprozess stehen. Wir müssen lernen, mit dieser neuen Freiheit der vielen Jahre nach einem Erwerbsleben umzugehen die heute 20,30 und viele Jahre dauern kann. Wir müssen neue Lebenskonzepte machen, um nicht mit dem Gefühl des Ausgegrenztseins zu leben. Wir müssen uns mit Traditionen und Grenzen, die bisher gültig waren, auseinandersetzen und neue Qualitäten entwickeln. Wir müssen die Träume des Lebens, „wenn ich im Pension bin dann…dem Realitätscheck unterziehen. Kreuzworträtsel und Sudoku sind gut um das Gehirn zu bewegen aber sich mit Technologien, mit gesellschaftlichen Entwicklungen und Umbrüchen außenauseinander zu setzen ist Teil des Lebensbegleitenden Lernen.

Was Fit to work für junge Menschen ist, muss für alte Menschen Open Work sein. Raum und Möglichkeiten, das, was man immer gut gekonnt hat, gerne weitertun würde aber keine Infrastruktur mehr dafür hat, zu eröffnen. Ein simples Beispiel: meine 93jährige Freundin, die ihr Leben lang als ausgezeichnete Schneiderin und Modemacherin gearbeitet hat, wünscht sich so dringend Möglichkeiten, mit ihren Händen das tun zu können, was möglich ist. Ein älterer Freund, der handwerklich höchst begabt ist und Direktor einer Druckerei war, braucht am dringendsten eine Werkstatt, in der er arbeiten kann. Und damit Neues lernt, denn auch die Werkstätten haben sich weiterentwickelt. Und so mancher ältere Mensch würde auch ganz andere Chancen suchen, um mit dem Gefühl zu leben, dass das Leben sinnvoll ist und die eigene Kraft, das eigene Talent endlich blühen und gedeihen darf.

An allen Ecken und Enden in entstehen kreative und innovative Projekte, die das Alter nicht als Prozess des Verlustes sehen sondern den möglichen Verlusten Kompensation entgegensetzen.

Sie zu sammeln, sie zu fördern, sie in die Grätzel und Gemeinden hineinzutragen, sie gemeinsam mit älteren Menschen zu gestalten, ist eine Herausforderung. Bewegungen, wie aktuell auch die Zufluchtsuchenden Menschen zu begleiten, sind nicht nur von jungen Menschen aufgebaut worden. Erst vor einigen Tagen haben mir eine ältere Frau erzählt, daß sie ihre Zeit, ihre Kenntnisse zur Verfügung stellt – und zugleich selbst lernt, wie sie mit Menschen in dieser Extremsituation umgehen kann.

Aber auch die zahlreichen Treffpunkte, Messen und ähnliches für ältere und alte Menschen müssen lernen. Lernen, daß es nicht reicht, Menschen mit Kaffee und Kuchen zu bewirten und hin und wieder Bingo zu spielen. Daß es nie zu spät ist, noch einen Lernimpuls zu setzen.
Modelle wie es die Gartentherapie ist, die weit über das so genannte Garteln hinaus geht, die Ökologie, Umweltwissen bis hin zu gesunder Ernährung bietet, die Fähigkeiten und Fertigkeiten zusammenführt, sind ein Teil des Lebensbegleitenden Lernens.

Die entstehenden Kulturvermittlungs-Projekte wie im Belvedere Wien, die Menschen mit dementer Erkrankung gemeinsam mit ihren pflegenden Angehörigen und Zugehörigen durch Museen und Kultureinrichtungen führen, setzen dort an, wo wir alle lernen, daß auch eine demente Erkrankung über oft längere Zeit nicht das Ende des Lebens ist. Wo Angehörige, KulturvermittlerInnen und die Betroffenen Menschen die Chance haben, voneinander und miteinander zu lernen.

Lebensbegleitendes Lernen hat ein ganz großes Ziel, es soll jedem Menschen, unabhängig von seiner bisherigen Bildung Chancen eröffnen, lernend, gestaltend und gemeinsam mit allen anderen Generationen durch das Alter zu gehen. Denn die Erde ist keine Scheibe und der Gartenzaun ist nicht die Grenze.

Über Birgit Meinhard-Schiebel 6 Artikel

Schauspielerin, Erwachsenenbildnerin, Werbekonsulentin, Sozialmanagerin, seit 2016 Präsidentin der Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger, seit 2015 Gemeinderätin/Landtagsabgeordnete Wien

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