Interview mit Frau Präsidentin Ursula Frohner (ÖGKV)

Der österreichische Gesundheits- und Krankenpflegeverband

(C) Petra Halwachs

Der ÖGKV ist die größte nationale, berufspolitische Vertretung für alle Pflegeberufe. Er vertritt die Interessen seiner Mitglieder gemeinnützig, unabhängig und interkonfessionell. Der Österreichische Gesundheits- und Krankenpflegeverband nimmt eine entscheidende Rolle im berufspolitischen und inhaltlichen Meinungsbildungsprozess der Berufsgruppe ein. Er ist im permanenten Dialog mit den verschiedenen Fachsparten der Berufsgruppe und sichert so die Entwicklung der professionellen Pflege in Österreich. Er informiert seine Mitglieder zu pflegerelevanten, berufsrechtlichen Themen.* Frau Präsidentin Ursula Frohner nahm sich die Zeit an unserer Sonderausgabe mitzuwirken, um die Pflegeberufe Österreichs entsprechend zu vertreten.

Pflege Professionell: Wo liegen die österreichischen Stärken ihrer Berufsgruppe im internationalen Vergleich?

Ursula Frohner: Die 65 % aller Gesundheitsberufe sind Gesundheits- und Krankenpflegepersonen. Durch den hohen Anteil direkter Pflegeleistungen im Rahmen der Umsetzung des Pflegeprozesses und der zunehmenden Übernahme von medizinischen Routinetätigkeiten, wie etwa Blutabnahmen, nimmt dieser Beruf zentrale Aufgaben in allen Versorgungssystemen des Gesundheitswesens ein. Durch die permanente Zunahme von chronisch erkrankten Menschen in jedem Lebensabschnitt und dadurch immer komplexeren Pflegesituationen sind gut ausgebildete Pflegepersonen eine wichtige und immer knapper werdende Ressource. Diese Entwicklungen zeichnen sich nicht nur international, sondern auch in Österreich vermehrt ab. Es ist jedoch zu beachten, dass unabhängig vom Versorgungsbedarf, die internationalen Gesundheitssysteme in wesentlichen Punkten, wie etwa der Finanzierung, nicht direkt vergleichbar sind. Die Berufsausbildung aller Qualifikationsstufen der Gesundheits- und Krankenpflege, sowie Nutzung der dadurch erworbenen Kompetenzen befindet sich derzeit durch die Novelle des Gesundheits- und Krankenpflegegesetzes in Österreich in einem enormen Umbruch. So werden künftig die Inhalte der Ausbildungen in der Pflege für Kinder- und Jugendliche, für psychiatrische Gesundheits- und Krankenpflege, sowie für die allgemeine Gesundheits- und Krankenpflege zusammengeführt. Als zusätzliche Qualifikationsstufe wird die zweijährige Ausbildung für die Pflegefachassistenten auf den Weg gebracht. Ein wichtiger Punkt dieser Reformen ist die Durchlässigkeit der Ausbildungsstufen. Von enormer Bedeutung wird die Abbildung der Pflegefachkompetenzen aller Qualifikationsstufen in allen Handlungsfeldern und Gesundheitsbereichen sein. Der Österreichische Gesundheits- und Krankenpflegeverband (ÖGKV) hat sich für diese Reformen eingesetzt und wird weiterhin seine Aufgaben im berufspolitischen Meinungsbildungsprozess aber auch bei der weiteren Entwicklung von fachlichen Inhalten.

Pflege Professionell: Was sind die österreichischen Schwächen ihrer Berufsgruppe im internationalen Vergleich?

Ursula Frohner: Angehörige der Gesundheits- und Krankenpflegeberufe stellen durch ihre hohe soziale Kompetenz die Bedürfnisse jener Menschen, die pflegerische Unterstützung oft in sehr persönlichen Bereichen brauchen, in den Mittelpunkt ihres Handelns. Dadurch vernachlässigen Pflegende die Grenzen ihrer eigenen physischen und psychischen Belastbarkeit. Die Ressourcen, sich dann auch noch zusätzlich für berufspolitische Themen zu interessieren und einzusetzen, sind oft einfach nicht vorhanden. Dabei wäre es dringend notwendig Pflegefachberufe, immerhin die größte Berufsgruppe aller gesetzlich geregelten Gesundheitsberufe, vermehrt bei gesundheitspolitischen Themen zu positionieren. Der ÖGKV, als Berufsverband für alle Gesundheits- und Krankenpflegeberufe in Österreich, nimmt diese Aufgabe war. Im Vergleich zu anderen europäischen Berufsverbänden mit einer verpflichtenden Mitgliedschaft, ist der Organisationsgrad, und somit die Akzeptanz Mitglied im Berufsverband ÖGKV zu sein, in Österreich noch weiter aufzubauen.

Pflege Professionell: Wie zufrieden ist ihre Berufsgruppe mit dem österreichischen Gesundheitswesen?

Ursula Frohner: Das momentane Gesundheitswesen ist zum überwiegenden Anteil auf rein ärztlich medizinische Themen ausgerichtet und wird von den betroffenen Patientinnen und Patienten, den verantwortlichen Entscheidungsträgern, aber auch von der breiten Öffentlichkeit weitgehend so wahrgenommen und bearbeitet. Es ist evident, dass die Versorgungsaufträge sich künftig noch komplexer gestalten werden, da sich Diagnoseverfahren, Therapiekonzepte immer mehr in den ambulanten und in den häuslichen Bereich verlagern werden. Gleichzeitig nimmt der Anteil an gut ausgebildetem Pflegepersonal ab. Durch die Reformpunkte der Novelle des Gesundheits- und Krankenpflegegesetzes, sowie durch die Einführung des Berufsregisters sind erste wichtige Schritte gesetzt.

Pflege Professionell: Was müsste sich ändern, damit die Zufriedenheit steigt?

Ursula Frohner: Um auch künftig qualitativ hochwertige Gesundheitsleistungen in allen Bereichen zur Verfügung stellen zu können, ist die vermehrte sichtbare Verankerung von pflegerischen Leistungen, sowie der Übernahme von medizinischen Routinetätigkeiten, wie etwa Blutabnahmen, dringend notwendig. Ein weiterer Punkt ist die Primärversorgung im niedergelassenen Bereich. Hier haben Gesundheits- und Krankenpflegepersonen jene wichtigen Kompetenzen, die es beispielsweise für die Versorgung chronisch kranker Menschen braucht – international ist das längst umgesetzt. Allerdings müssen gleichzeitig die Honorierungssysteme reformiert werden, da dotierte Leistungskataloge für freiberuflich tätige Gesundheits- und Krankenpflegepersonen längst ausständig sind. Im Sinne des Abbaus von Bürokratie, bei gleichzeitiger Nutzung der pflegerischen Fachkompetenz ist die Verordnung von Medizinprodukten durch den gehobenen Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege, die zur Umsetzung des Pflegeprozesses nötig sind, sowie eine Reform am Sektor des Medikamentenregimes, vorzunehmen. All diese Maßnahmen würden den Behandlungskomfort und die Patientenzufriedenheit, sowie die -sicherheit erheblich fördern.

Pflege Professionell: Wie gut funktioniert die Vernetzung zwischen ihrer Berufsgruppe und anderen Disziplinen des Gesundheitswesens?

Ursula Frohner: Die interdisziplinäre und multiprofessionelle Zusammenarbeit aller Gesundheitsberufe ist das Fundament einer qualitativ hochwertigen Gesundheitsversorgung. Die Einhaltung von Kommunikationsregeln, das gemeinsame Erarbeiten und die Einhaltung von Prozessen, die Akzeptanz der jeweiligen Kompetenzen sind in den Settings unterschiedlich ausgeprägt und spiegeln sehr auch die Situation auf der Ebene des Managements. Multiprofessionelle Fortbildungsprogramme und Projekte sind jedenfalls unterstützend.

Pflege Professionell: Erhält ihre Berufsgruppe eine entsprechende Unterstützung der Politik? Und wenn „Ja“ wie sieht diese aus, wenn „Nein“ warum nicht?

Ursula Frohner: Eine wichtige Voraussetzung für politische Arbeit ist das Wissen um die jeweiligen Handlungsebenen, sowie die Aufgabenstellung der politischen Entscheidungsträger und Interessensvertretungen. Der ÖGKV hat in den letzten Jahren, seiner Aufgabenstellung entsprechend, zu verschiedenen Sachthemen, wie etwa der Einbindung des gehobenen Dienstes für Gesundheits- und Krankenpflege bei der Erstellung von Gutachten zum Pflegegeld, einen Meinungsbildungsprozess eingeleitet, die Themen der Berufsgruppe positioniert und seine Expertise zur Verfügung gestellt. Die Zusammenführung, die Nutzung und die Abbildung von praktischer und theoretischer Pflegeexpertise sind für die nachhaltige Umsetzung gesetzlicher Vorhaben notwendig.

Pflege Professionell: Wie sehen Sie die derzeitige Zukunft ihrer Berufsgruppe?

Ursula Frohner: Der Versorgungsauftrag für Gesundheits- und Krankenpflegepersonen wird sich in den kommenden Jahren dramatisch ändern. Gleichzeitig stehen immer weniger gut ausgebildete Pflegepersonen im Erwerbsleben und die Diskussion rund um die Finanzierung des Gesundheitswesens wird immer lauter. Daher sind die Möglichkeiten sich zu qualifizieren unbedingt zu nutzen um sich am Arbeitsmarkt Gesundheit gut zu positionieren. Darüber hinaus gilt es die Möglichkeiten des Gesundheits- und Krankenpflegegesetzes voll für die Pflegepraxis auszuschöpfen.

Pflege Professionell: Welche Visionen haben Sie?

Ursula Frohner: Das umfassende Aufgabenspektrum der Gesundheits- und Krankenpflegepersonen sowie seine enormen soziologischen und ökonomischen Auswirkungen muss den Menschen und den Entscheidungsträgern auf allen Ebenen viel bewusster werden. Darüber hinaus müssen Ausbildungen und Rahmenbedingungen an diese Aufgaben und Herausforderungen angepasst werden.

Pflege Professionell: Was würden Sie gerne den anderen Berufsgruppen des Gesundheitswesens abschließend mit auf den Weg geben?

Ursula Frohner: Gesundheits- und Krankenpflegepersonen haben eine zentrale Rolle in allen Settings der Gesundheitsversorgung. Darüber hinaus hat dieser Gesundheitsberuf einen direkten Einblick auf die soziale Situation all jener Menschen, die pflegerische Leistung und medizinische Routineversorgung in Anspruch nehmen. Dieser enormen Bedeutung müssen sich alle Gesundheits- und Krankenpflegepersonen permanent bewusst sein und sich daher einerseits für das Wohl der ihnen Anvertrauten, aber auch für ihre eigenen Interessen einsetzen.

 

Über Markus Golla 1783 Artikel
Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Lehrer und Vortragender im Bereich Gesundheit- und Krankenpflege - Kommunikation & Projektmanagement, Pflegewissenschaft BScN (Absolvent UMIT/Wien), Kommunikationstrainer & Incentives-Experte, Masterstudent Pflegewissenschaft (Universität Wien)

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