Inkontinenz – typisch im Wechsel?

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Die Wechseljahre der Frau werden umgangssprachlich als Der Wechsel bezeichnet, auch Klimakterium oder Menopause sind bekannte Begriffe. Manche Frauen leiden in dieser Zeit unter vielfältigen Symptomen, eines davon ist Inkontinenz, auch Blasen-und/oder Darmschwäche genannt. Scham und Scheu lässt Frauen schweigen und nimmt ihnen dadurch die Chance, gesund und glücklich durch die Wechseljahre zu kommen.

An den Wechseljahren führt kein Weg vorbei, alle Frauen müssen da durch und das mit gutem Grund. Ist die Pubertät der Eintritt in die Gebärfähigkeit, so sind die Wechseljahre der Austritt aus der Gebärfähigkeit. Der monatliche hormonelle Regelkreis der im Normalfall für eine mögliche Schwangerschaft sorgt, fordert viel Kraft und noch mehr, wenn eine Schwangerschaft eintritt. Durch den Alterungsprozess kommt es physiologisch bedingt zu Veränderungen im Organismus, mit Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit und die Regenerationsfähigkeit der Zellen und des Körpers. Damit in reifen Jahren die Lebenskraft nicht rapide abnimmt, gibt es zum Schutz die Wechseljahre.

Wechsel macht weise
In manchen Kulturen gehören Frauen mit dem Ende der Gebärfähigkeit zum Kreis der weisen Frauen und genießen höchste Anerkennung und Respekt. In der Traditionell Chinesischen Medizin (TCM) wird davon gesprochen, dass mit Ende der Menstruation und dem damit verbundenen Energieverlust, diese nun gewonnene Energie „aufsteigt“ und es dadurch zu Klugheit und Weisheit kommt. In unserem Kulturkreis wird dies der Lebenserfahrung zugesprochen.

Viel Stress und Leid wird verursacht, wenn Frau versucht einem Bild zu entsprechen, das nicht ihrer individuellen Person entspricht, basierend auf ihren Talenten, Erfahrungen und Entwicklungen, sondern einem gesellschaftlich-medial verbreitetem Bild nacheifert, das irrigerweise den Traum ewiger Jugend propagiert.

Die Wechseljahre sind keine Krankheit, sondern ein notwendiger Entwicklungsprozess zwischen 40. und 60. Lebensjahr, der bedauerlicherweise für etwa ein Drittel der betroffenen Frauen mit massiven physischen, psychischen, mentalen aber auch sozialen Problemen einhergehen kann. Wechsel-Beschwerden werden von Frauen unterschiedlich stark wahrgenommen.

Wechsel macht Probleme
Die häufigsten Wechseljahre-Symptome sind:
Hitzewallungen, Schweißausbrüche, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Gewichtszunahme, Gelenkschmerzen, Herzstolpern, Haut-Schleimhauttrockenheit, Libidomangel, Verdauungsprobleme und Inkontinenz. Jedes Symptom für sich stellt eine Belastung dar, das eine mehr, das andere weniger. Inkontinenz wird dabei meist zu wenig beachtet.

Wechsel macht inkontinent
Besonders belastend, weil oftmals vehement verschwiegen ist das Auftreten von Inkontinenz, der unfreiwillige Verlust von Harn und / oder der unwillkürliche Abgang von Stuhl.

Zwei Themen – der Wechsel und die Inkontinenz – über die Frau nicht zu sprechen wagt, weil die Gefahr besteht, dass in den Köpfen der Mitmenschen klischeehafte Bilder entstehen könnten. Bilder von alt, verbraucht, nicht mehr funktionstüchtig und unattraktiv. Hinzu kommt, dass es für viele Frauen, aber auch Männer normal zu sein scheint, ab einem gewissen Alter unter gewissen Umständen, bei gewissen Tätigkeiten unfreiwillig Harn zu verlieren. Die unangebrachte Scham über die eigene Inkontinenz mit dem Arzt / der Ärztin des Vertrauens zu besprechen, lässt viele Frauen darüber schweigen. Hier kann der Besuch bei einer gut ausgebildeten Wechseljahre-Beraterin eine große Hilfe sein, einerseits schafft ein Beratungsgespräch zu den Veränderungen während der Wechseljahre Klarheit, gleichzeitig werden alltagstaugliche Tipps im Umgang mit Inkontinenz gegeben und Frauen werden auch dahingehend unterstützt, mit ihrem Arzt / ihrer Ärztin das Problem der Blasen-Darm-Schwäche zu besprechen.

Hormongesteuert?
In den Wechseljahren kommt es durch die hormonellen Veränderungen zu einer Reduktion des Östrogens mit nachteiligen Auswirkungen auf den Urogenitaltrakt. Die Schleimhäute werden dünner, durchlässiger und trockener, dies verursacht nicht nur Schmerzen beim Koitus (Geschlechtsverkehr), sondern begünstigt auch das Eindringen von Keimen. Harnwegsinfekte, vaginale Infektionen und eine Reizblase können vermehrt auftreten. Doch selbst wenn kein nachweisbarer Infekt vorliegt, geben Frauen zu Protokoll, dass sie häufigen Harndrang verspüren und Brennen beim Urinieren. Das Leid dieser Frauen ist besonders groß, wenn nicht die entsprechende Therapie erfolgt, häufig werden erfolglos Antibiotika verschrieben, Frauen erhalten für das lang anhaltende Blasenproblem sogar Psychopharmaka, was das Problem aber meist noch verschlechtert.

Zu beachten ist in den Wechseljahren im Zusammenhang mit Blasen-Darmschwäche, dass es zu einem Verlust von Kraft und Elastizität der Beckenbodenmuskulatur kommt. Besonders betroffen sind Frauen nach mehreren Schwangerschaften und Geburten, aber auch nach operativen Eingriffen im Beckenraum wie etwa nach einer Gebärmutterentfernung (Hysterektomie). Doch unter unfreiwilligem Harnverlust leiden auch kinderfreie Frauen in den Wechseljahren, sowie Frauen vor den Wechseljahren wie nach den Wechseljahren.

Wechsel macht Stress
Stressinkontinenz tritt auf, wenn Frau hustet, niest oder herzhaft lacht, wenn sie dem Bus nachläuft, Tanzen geht oder zur sportlichen Ertüchtigung Tennis spielen oder Joggen geht. Dabei reicht der unwillkürliche Harnabgang von ein paar Tropfen Harnverlust bis zum stamperlweisen Harnverlust (50 – 100 ml). Der intra-abdominale Druck (Druck im Inneren der Bauchhöhle) erhöht sich, der Verschlussdruck der Harnröhre sinkt unter dem Blasendruck, der Sphinkter (Schließmuskel) der Harnröhre ist überlastet und infolge öffnet er sich.

Faktoren, die zu Stressinkontinenz führen, sind:
– Schwache Beckenbodenmuskulatur
– Bindegewebsschwäche
– dünner werdendes Gewebe (Atrophie) im Urogenitalbereich aufgrund eines Östrogenmangels
– Nervenschäden, verursacht durch Geburten, operative Eingriffe im Becken, Strahlentherapie.

Wenn es sich um eine Dranginkontinenz handelt, tritt plötzlicher Harndrang auf und Frau schafft es nicht mehr rechtzeitig auf die Toilette. Ein Alltagsbeispiel: kaum steckt Frau den Schlüssel in die Wohnungstür, verspürt sie auch schon einen plötzlichen Harndrang und hat das Gefühl, es nicht mehr rechtzeitig auf die Toilette zu schaffen.

Bei Detrusorhyperreflexie (Blasenmuskel-Überaktivität) werden durch den Füllungsreiz Blasenkontraktionen ausgelöst, sodass der Druck in der Blase ansteigt und als Drang empfunden wird. Angst kann ebenfalls die Aktivität der Detrusors (Blasenmuskel) steigern. Ursachen können auch eine Reizung der Blasenwand durch chronische Entzündungen, Tumore, Strahlenschäden, Kaffee, Alkohol oder Medikamente sein. Von einer idiopathischen Dranginkontinenz, auch als Reizblase bekannt, wird gesprochen, wenn Frau häufig unter zwingendem Harndrang leidet und im Abstand von weniger als 2 Stunden weniger als 200ml entleert ohne Erleichterung, wobei es auch häufig zu einem Brennen oder zu Schmerzen beim Urinieren kommt, jedoch keine Entzündungszeichen durch Keime nachweisbar sind. Die Blasenkapazität und Reizschwelle sind herabgesetzt (vgl. Grond 1997, S.65)

Diagnostik bei Inkontinenz
Unbedingt muss das Gespräch mit dem Arzt / der Ärztin gesucht werden um das Problem der Inkontinenz auch medizinisch abzuklären, beispielsweise mittels Urodynamik. Unterstützung findet Frau auch bei einer gut ausgebildeten Wechseljahreberaterin, in einer Kontinenzberatungsstelle, in interdisziplinären Beckenbodenzentren, in Frauengesundheitszentren und bei einer Physiotherapeutin / einem Physiotherapeuten.

10-30 Prozent aller Frauen leiden im Alter von 15 bis 64 Jahren manchmal unter einer Harninkontinenz und leider nimmt das Problem mit steigendem Alter zu (vgl. Northrup, S.262). Doch Alter allein führt nicht zwangsläufig zum Funktionsverlust. Wenn Frauen sich schämen dieses Thema mit Ihrem Arzt / ihrer Ärztin oder anderen fachlich geschulten Vertrauenspersonen zu besprechen, nehmen sie sich die Chance auf Besserung oder auch Heilung und gehen jahrelang einen Leidensweg, der nicht nur sie persönlich betrifft sondern auch Menschen ihrer Umgebung. Partnerschaften, Liebesbeziehungen können zerbrechen, weil Frau auf Abstand geht, aus Angst ihre Blasenschwäche könnte bemerkt werden. Oft werden auch wahllos Menstruationsbinden verwendet, aus Mangel besseren Wissens, ein übertriebener Reinlichkeitszwang kann auftreten, aus Sorge, es könnte jemand etwas riechen. Nicht selten kommt es so zu Isolation und in weiterer Folge zu Depression. Leider kommt es auch vor, dass Frau beim Arzt / bei der Ärztin das Thema anspricht und dann zu hören bekommt: das ist in ihrem Alter normal.

Das Auftreten von Blasenschwäche in einem bestimmten Alter mag vielleicht normal sein, es aber darauf beruhen zu lassen und die Vielfalt an Möglichkeiten einer Verbesserung oder Heilung nicht zu nützen, kann nicht als normal angesehen werden. Aufmerksame MedizinierInnen fragen ihre Patientinnen, ob sie unter einer Blasenschwäche leiden, dies erleichtert es Frauen zu sagen: ja, ich habe das Problem unfreiwillig Harn zu verlieren.

Frauen müssen nicht still und heimlich leiden!

Therapie bei Inkontinenz
Für den Rest des Lebens aufsaugende Inkontinenzprodukte zu tragen ist keine Lösung, solange es noch Alternativen gibt. Die Auflistung folgender Alternativen erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit:

Beckenboden-Gymnastik: unter fachkundiger Anleitung wird mit Wahrnehmungsübungen begonnen um in weiterer Folge Kraft und Elastizität der Beckenbodenmuskulatur aufzubauen und zu trainieren. Regelmäßiges, konsequentes Training ist für den Erfolg maßgeblich. Beckenboden-Gymnastik verbessert nicht nur die Blasenkontrolle, sondern auch das Sexualleben.

Verhaltenstraining, unterstützt durch Biofeedback.

Miktionsprotokoll, macht tabellarisch die eigene Inkontinenz sichtbar. Dokumentiert wird hauptsächlich die Flüssigkeitsaufnahme und wann, unter welchen Umständen, wo, wie viel Ausscheidung stattfindet.

Elektrostimulation, vaginal / anal platzierte Elektroden senden elektrische Impulse und „trainieren“ u.a. die Beckenbodenmuskulatur

Vaginalkonen, Liebeskugeln, spezielle Pessare, Urethral plugs (Harnröhrenstöpsel)

Medikamente, die Einfluss nehmen auf die Hyperaktivität des Detrusors (Blasenmuskels) oder eine lokale Östrogentherapie in Form von Vaginal-Zäpfchen und Salben mit Estriolgehalt. Östrogengaben in Tablettenform haben keinen Einfluss auf Blasenschwäche.

Operative Methoden: eine Gebärmuttersenkung macht nicht unbedingt eine operative Entfernung nötig, verbreitet sind eher minimal-invasive Eingriffe, wo mittels Bändern oder Netzen für die richtige Position von Harnröhre, Harnblase, Gebärmutter gesorgt wird.

Noch mehr Alternativen: Akupunktur, Luna-Yoga, Hormon-Yoga, Bauchtanz, Heilkräutertees mit entzündungshemmenden und krampflösenden Eigenschaften, Kieselsäure bei Bindegewebsschwäche, Schüsslersalze, Ernährungsumstellung.
Alltagstaugliche Tipps bei Blasenschwäche

Auf keinen Fall soll weniger getrunken werden! Im Gegenteil, mehr zu trinken als gewohnt hat therapeutischen Nutzen. Flüssigkeitsmangel kann zu Kreislaufproblemen, Müdigkeit, Konzentrationsschwäche bis zu Verwirrtheitszuständen und Blasenentzündungen führen.

Positiv bewährt haben sich Preiselbeerprodukte, als Saft, Kapseln oder Lutschtabletten. Probiotische Drinks können ebenfalls positive Auswirkungen auf die Ausscheidungsorgane haben. Wenn der Konsum koffeinhaltiger Getränke reduziert wird, reduziert dies auch häufig das Reizblasensyndrom. Die Nieren- und Blasengegend sollte warm gehalten werden. Auf die Körperhaltung beim Gehen, Sitzen, Stehen und Liegen achten, um die Becken-Bodenmuskulatur in ihrer Funktion zu unterstützen und nicht über Gebühr zu strapazieren.

Wechsel macht glücklich
Wir Frauen sitzen alle im selben Boot. Durch die Wechseljahre müssen wir durch, doch wir müssen nicht leiden, weder an den Wechseljahre-Beschwerden noch an der Inkontinenz. Es gibt viele Mittel und Wege um gesund und glücklich durch die Wechseljahre zu kommen. Wie in vielen Bereichen, wenn es um die Gesundheit und das Wohlbefinden des Menschen geht, hat sich eine interdisziplinäre Zusammenarbeit als sehr erfolgversprechend erwiesen. Im Falle von Inkontinenz in den Wechseljahren ist die Kombination MedizinerInnen – Kontinenz-und StomaberaterInnen, PhysiotherapeutInnen und Wechseljahre-Beraterinnen optimal.
Lebensqualität und Wohlbefinden sind in jeder Lebensphase erreichbare Ziele!

Autor: Karin Grössing
Titel: Inkontinenz – typisch im Wechsel?
Ausgabe: Pflege Professionell 02/2015
Link: Zur kompletten Ausgabe

Literatur:
Northrup, Ch.(2003): Wechseljahre – Selbstheilung, Veränderung und Neuanfang in der zweiten Lebenshälfte. München: Zabert Sandmann

Grond, E. (1997): Pflege Inkontinenter – Arbeitsbuch für Unterrichtende in der Kranken-und Altenpflege und für Kontinenzberater. Hagen: Brigitte Kunz

Über Karin Grössing 6 Artikel
Diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester, Wechseljahreberaterin, Kontinenz- und Stomaberaterin
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