Hebammen-Betreuung im Wochenbett gibt Sicherheit

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Hebammen sind in der idealen Position, einen positiven Einfluss auf die Gesundheit und Lebensweise von Frauen und ihren Familien nehmen zu können. Hebammen sind die einzige Berufsgruppe, die so nah, niederschwellig und ganzheitlich Mutter und Kind gleichzeitig betreuen kann.

Für das Wochenbett ist im Gesamtvertrag mit der Krankenkasse geregelt, dass diese Betreuung bis zu acht Wochen nach der Geburt möglich ist. Dass jede Frau mit ihrem Neugeborenen in dieser ersten Phase nach der Geburt auch zu Hause betreut wird, ist eine große Chance, die derzeit nicht ausgeschöpft wird. Die derzeitige Situation zeigt, dass wir Hebammen uns darauf einstellen können, dass die Frauen nach der Geburt im Krankenhaus immer früher entlassen werden. War es am Beginn meiner Berufskarriere in den frühen 80ern noch etwa der fünfte, sechste Tag nach der Geburt, so ist es heute im Schnitt der vierte Tag, wobei die sehr viel höhere Kaiserschnittrate natürlich den Schnitt hebt. Wie wir wissen, werden die Frauen nach einer Spontangeburt meist am dritten, immer öfter auch am zweiten Tag entlassen. Das ist natürlich grundsätzlich sehr begrüßenswert, aber nur, wenn eine Hebammenbetreuung gewährleistet ist.

Die ersten Wochen nach der Geburt sind eine besonders prägende Zeit.
Die Hebamme ist als Expertin des Übergangs und als Begleiterin der ihr anvertrauten Frauen und Familien gefordert, damit im Sinne von Prävention und Gesundheitsförderung die Stärkung der Frau in ihrer Mutterrolle gelingen und elterliche Kompetenz wachsen kann. Die Zeit nach der Geburt ist ein Zeitfenster im Lebenslauf, in dem besondere Empfindlichkeiten zum Erwerb bestimmter Fähigkeiten aktiviert sind. Dieses Zeitfenster ist von vorübergehender Dauer. Das gilt es zu nutzen. Ein ganzes System von natürlichen Ressourcen für eine gesunde Eltern-Kind-Bindung steht bereit. Es kann jedoch nur dann optimal genutzt werden, wenn gewisse Bedingungen erfüllt sind. Dafür sollten die physiologischen und psychosozialen Prozesse im Wochenbett zwar professionell begleitet werden, aber möglichst ungestört ablaufen können. Das gelingt am besten zu Hause. Vor allem die ersten zehn Tage nach der Geburt sind geprägt von großen Schwankungen bei Mutter und Kind. Es finden wichtige Prozesse der körperlichen und emotionalen Umstellung statt. Die Weichen für einen erfolgreichen Stillverlauf werden gestellt, Wundheilung, Gebärmutterrückbildung und hormonelle Umstellung sind voll im Gang.

Acht Wochen
Der medizinischen Definition zufolge dauert das Wochenbett acht Wochen und ist nach der gesetzlichen Definition auch ein Teil des Mutterschutzes, der sich in einem achtwöchigen Arbeitsverbot nach der Geburt ausdrückt. Besonders das frühe Wochenbett in den ersten ein bis zwei Wochen ist eine Zeit enormer körperlicher, seelischer und sozialer Veränderungen. Der Begriff Wochenbett geht auf seine ursprüngliche Bedeutung zurück. Früher verbrachte die junge Mutter die erste Woche tatsächlich im Bett – oft der einzige „Urlaub“ im Leben einer Frau. Darüber hat die Hebamme auch streng gewacht. Die Frau wurde idealerweise von einer Großfamilie oder Dorfgemeinschaft versorgt. Diese Wochenbettkultur ist in unserer schnelllebigen Zeit verloren gegangen. Eine Zeit enormer körperlicher, seelischer und sozialer Veränderungen ist das Wochenbett jedoch heute genauso wie früher. Wochenbett heißt: genügend Zeit, das Bonding fördern, Ruhe, notwendige Pflege und Fürsorge gewährleisten, äußere Reize minimieren. Und wieder: Wo könnte das besser gelingen als zu Hause, mit einer Hebamme an der Seite, die regelmäßig kommt, dadurch Sicherheit gibt und diese Sicherheit an das Neugeborene weitergeben kann. Davon profitiert auch der Rest der Familie. Junge Mütter können ihre Babys nur bemuttern, wenn sie rundherum möglichst viel Fürsorge bekommen und sich immer wieder zwischen all den vielen Fragen entspannen können. Frauen sind ja in dieser Zeit nicht nur körperlich, sondern auch seelisch sehr offen, sensibel und schutzbedürftig. Das wird durch den hinzukommenden Schlafmangel noch verstärkt.

Gerade diese Offenheit ist aber wichtig, damit die Frau sich ganz ungestört auf den neuen Menschen einstellen, ihn kennenlernen und seine „Sprache“ verstehen lernen kann. Oft erlebe ich allerdings sehr beschäftigte Eltern, die Arztbesuche und Amtswege denken erledigen zu müssen, auswärtige Gewichtskontrolle und Nahtentfernung nach Kaiserschnitt stehen am Programm. Oft sind die Eltern viel unterwegs und dadurch gestresst. Dabei kann all das auch die Hebamme übernehmen, bei ihren Hausbesuchen. In meiner täglichen Praxis treffe ich oft auf Mütter und Eltern, die viele Unsicherheiten haben. Das große Abenteuer Geburt verstellt in der Schwangerschaft oft den Blick auf die Zeit danach. Umso überraschender tauchen dann die Fragen auf. Nach dem Glückstaumel, dem Hormoncocktail der ersten Tage landen die Frauen in der Realität, in ihrem häuslichen Umfeld und sind oft voller Unsicherheiten und Fragen: Warum tut das Stillen so weh? – Und eine kleine Korrektur bei der Anlegetechnik bringt schon Entspannung. Warum schreit mein Baby auch noch, wenn ich es schon gestillt habe? Hat es Blähungen? Bekommt es genug Milch? Was bedeutet der rote Fleck auf meiner Brust? Wenn ich regelmäßig Mutter und Kind besuche, vor allem während der ersten Tage, bis das Stillen gut etabliert ist und die Gewichtszunahme des Kindes gut verläuft, dann ist die Wahrscheinlichkeit von Still- und Fütterungsproblemen um vieles geringer.

Was macht eine Hebamme im Wochenbett?
Hausbesuche durch die Hebamme ermöglichen der Frau, das frühe Wochenbett möglichst liegend zu verbringen. Die Hebamme achtet darauf, dass sich die Frau von der Geburt gut erholt und die körperlichen Rückbildungsprozesse gut verlaufen. Die Hebamme hört zu. In den ersten Tagen nach dem großen Abenteuer ist das Erzählen von der Geburt ein wichtiger Faktor, damit die Frau das Geschehen immer besser in ihre Lebensgeschichte einordnen kann. Die Hebamme kontrolliert die regelrechte Gebärmutterrückbildung, berät bei Geburtsverletzungen und nach Kaiserschnitt und zeigt Rückbildungsübungen für den Beckenboden. Sie schaut darauf, dass sich das Neugeborene gut entwickelt und gibt den Eltern Sicherheit bei seiner Pflege, im Speziellen auch bei der Nabelpflege. Sie beobachtet den Gewichtsverlauf des Neugeborenen, nimmt Blut für das Neugeborenenscreening (PKU) ab und kontrolliert den Verlauf der Neugeborenengelbsucht (Bilirubin). Großen Raum bei den Wochenbettbesuchen nimmt die Ernährung des Babys ein. Die Hebamme berät und unterstützt dabei, besonders beim Stillen, beim korrekten Anlegen, um das Wundwerden der Brustwarzen zu verhindern. Sie zeigt verschiedene Stillpositionen, gibt Informationen, um Brustentzündungen vorzubeugen und vieles mehr.

Der Schlüssel der Hebammenbetreuung ist Prävention
Wir Hebammen haben mit kontinuierlichen Hausbesuchen die Möglichkeit, direkt im sozialen Umfeld der Frau rechtzeitig Regelwidrigkeiten zu erkennen und diesen fachgerecht zu begegnen. Ich kann erkennen, ob eine Frau gefährdet ist, eventuell in eine Depression zu rutschen und entsprechend reagieren. Jede sechste Frau ist in irgendeiner Weise von einer Form der sogenannten Wochenbettdepression betroffen. Meist zeigt sich diese erst nach vielen Wochen als Erschöpfungsdepression. Jede Frau erhält von mir beim Abschlussgespräch entsprechende Informationen und weiß, an wen sie sich wenden kann, idealerweise im ersten Schritt an ihre Hebamme. Hebammenarbeit ist auch eine große Chance der Gewaltprävention, Möglichkeiten der Kindesvernachlässigung frühzeitig wahrzunehmen, posttraumatische Belastungsstörungen und postpartale Depressionen rechtzeitig zu erkennen, fachgerecht zu reagieren und sorgsam weiterzuleiten. Dabei ist bei Bedarf die Vermittlung an die „Frühen Hilfen“ eine wichtige Möglichkeit der Unterstützung. Durch kontinuierliche Hausbesuche können Hebammen den Frauen frühzeitig Sicherheit geben, also nicht erst dann, wenn die Not schon besonders groß ist. Teenagermütter, Frauen in schwierigen sozialen Verhältnissen, geflüchtete Frauen, Migrantinnen, Frauen nach Totgeburten, Frauen nach Kaiserschnitt, Frauen mit Mehrlingen benötigen besonders viel Unterstützung. Der umsichtig begleitete Anfang des Lebens ist eine große Chance. Es gibt keinen besseren Zeitpunkt für gute Investitionen in die Zukunft. Davon bin ich überzeugt.

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