From Picks to Bricks to Nix

Der Weg zur Ko-Kompetenz

(C) Martin Debus

In den 1950er-Jahren veröffentlicht der französische Wirtschaftswissenschaftler Jean Fourastié mit der Publikation „Die große Hoffnung des 20. Jahrhunderts“ seine Theorie von den Sektoren. Darin prognostiziert er dramatische Veränderung in den Wirtschaftsbereichen. Waren vor der industriellen Revolution noch mehr als 70 % der Menschen im Rohstoff gewinnenden Sektor (Land- und Forstwirtschaft) tätig, 20 % in der Rohstoff-Verarbeitung (Handwerk und Industrie) und lediglich 10 % Dienstleister, stellt Fourastié eine Umkehr dieser Verhältnisse in Aussicht. Bis zum Jahr 2100 sollen demnach 70 % der Menschen als Dienstleister arbeiten. Der einzige Irrtum dem Fourastié unterlag war die zeitliche Einschätzung. Denn bereits Anfang des 21. Jahrhunderts hat sich seine Voraussage erfüllt.

Interessant ist der Blick auf die Produktionsfaktoren des jeweiligen Sektors. Wird für die Rohstoffgewinnung Grund- und Boden sowie der Menschen Arbeit benötigt, so sind es bei der Rohstoffverarbeitung Maschinen und Arbeitskraft. Im Dienstleistungssektor aber ist es einzig und allein das Wissen und seine Verknüpfung. Die Veränderung von der Landwirtschaftlichen Gesellschaft, über die Industriegesellschaft hin zu einer Wissensgesellschaft, wird pointiert auch „from picks to bricks to clicks“ bezeichnet. Also von der Spitzhacke, über den aus Ziegelstein errichteten Industriebau hin zum Mausklick.

Wenn wir einen kritischen Blick auf die Produkte dieser Sektoren werfen, dann wird ein Phänomen besonders deutlich: Dominieren bei den ersten beiden Sektoren noch die so genannten „tangiblen Güter“, also angreifbare (berührbare) Produkte so wird der Dienstleistungssektor von „intangiblen Gütern“ (Beratung, Betreuung, Unterstützung, Entlastung) dominiert. Dieses Phänomen hat dazu geführt, dass kritische Geister auch von einer Entwicklung „from picks to bricks to nix“ sprechen. Trotzdem: Beeindruckend ist es schon, dass ein Dreiviertel der Arbeitnehmer dafür bezahlt werden, Intangibles, also praktisch „nix“, zu erzeugen. Noch beeindruckender stellt sich diese Entwicklung im Lichte unseres hohen Lebensstandards und unseres Wohlstands dar. Was bedeutet dies aber für die Zukunft? Der Produktionsfaktor der Dienstleistungsgesellschaft ist Wissen. Und Wissen ist von einem einzigartigen Phänomen gekennzeichnet: Dem exponentiellen Wachstum. Anders formuliert: Wissen verdoppelt sich alle drei bis fünf Jahre. Es explodiert förmlich und mit ihm die Wissensträger, die so genannten Experten. Wir haben es seit geraumer Zeit mit einer förmlichen Expertenflut zu tun. Diese Entwicklung bedarf hinkünftig bisher nie gekannter Bewältigungsstrategien.

Das Netzwerk des Wissens

Was sind die Bewältigungsstrategien? Die wohl wesentlichste ist bereits deutlich am Dienstleistungsmarkt erlebbar: Die Spezialisierung. Eigentlich die Subspezialisierung. Diese Subspezialisierung, also der kontinuierliche Rückzug der Experten auf ein immer kleineres Fachgebiet stellt das gesamt System vor große Herausforderungen. Denn damit einhergehend wächst die Informations-Asymmetrie. Anders formuliert: Mit zunehmender Fokussierung wird gleichzeitig jener Teil immer größer, von dem ich als Experte nichts verstehe. Es wächst also das Nichtwissen. Dieses Phänomen der Informations-Asymmetrie war über viele Jahre ausnahmslos auf das Verhältnis zwischen Experten und Laien (Spezialist und Nachfrager) beschränkt. Mehr und mehr wird es ein Phänomen zwischen den Experten selbst. Was die eine Leuchte weiß, entzieht sich dem Wissen der anderen. Deshalb braucht es hinkünftig ganz neue Formen des Zusammenwirkens. Denn: Je tiefer das Wissen, umso unentbehrlicher das Netzwerk. Diese neue Form des Zusammenwirkens nenne ich Ko-Kompetenz. Wobei es drei verschiedene Bereiche sind, die es dabei zu berücksichtigen gilt: Die Expertise selbst, ihre Organisation und die Struktur. Das heißt: Expertise braucht zum einen die richtige Form der Organisation also das richtige Handeln und Verhalten der Experten zueinander. Sie braucht aber auch die richtigen Strukturen. Neben Medien und Ausstattung ist dies allem voran das richtige Netzwerk.

  • Informationen beschaffen
  • Informationen austauschen
  • Entscheidungen treffen
  • ko-kompetentes Zusammenwirken
Die Charakteristik ko-kompetenter Systeme

Bei der Ko-Kompetenz organisieren sich die Kollaborierenden selber. Sie bilden ein aufgabenspezifisches System um auf schnellem und unkonventionellem Weg zu den gewünschten Ergebnissen zu kommen. Wir finden solche Systeme deshalb immer öfter, weil sie in unserer Expertenwelt eine unabdingbare Notwendigkeit sind. Auf den ersten Blick ist uns oft gar nicht bewusst, dass es sich um ko-kompetente Systeme handelt. Was auffällt ist, dass sie uns begeistern und bei uns den Eindruck hinterlassen, als würden sie sich blind verstehen. Ein aktuelles Beispiel ist die Aufdeckung der Panama-Papers. 400 investigative Journalisten arbeiten innerhalb eines Jahres 2,6 Terabyte Material auf und publizieren die Ergebnisse am 3. April in 109 Medien in 76 Ländern. Ein Meisterstück ko-kompetenten Zusammenwirkens.

Wagen Sie eine Charakterisierung ihrer eigenen Organisation. Folgende sechs Fragen führen zu einer guten Einschätzung, ob Ihr System Ko-Kompetenz braucht:

  1. Ist die Anzahl der notwendigen Experten hoch?
  2. Ist die Unterschiedlichkeit der Expertisen groß?
  3. Ist die zu erledigende Aufgabe komplex?
  4. Ist die Vorhersehbarkeit des Ausgangs gering?
  5. Ist der Synchronisationsbedarf beim Ablauf hoch?
  6. Ist die Standardisierbarkeit des Ablaufes gering?

Fangen Sie an und bereiten Sie sich vor auf die Welt der Experten.

Über Christoph Zulehner 6 Artikel
Speaker und Strategieberater, Autor mehrerer Managementfachbücher, promovierter Wirtschafts- und Sozialwissenschafter, Diplomkaufmann für Betriebswirtschaftslehre in Gesundheitsunternehmen, Gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Management von Gesundheitseinrichtungen, Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger
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