Fördernde Prozesspflege – Eine Chance für personenzentrierte Professionalität?

(C) Hogrefe

Sehr geehrte, liebe Kolleginnen und Kollegen aus der Pflege, sehr geehrte Damen und Herren.

Ich freue mich, dass ich heute zu Ihnen zum Thema Fördernde Prozesspflege sprechen darf.

Bevor wir uns intensiver mit  diesem Thema befassen können, möchte  ich  kurz   auf  drei Fragen eingehen, die mir  zur Fördernden Prozesspflege immer wieder  gestellt werden:

  1. Worum geht es bei der fördernden Prozesspflege und was ist das zentrale Interesse?
  2. Wo und wie wurde fördernde Prozesspflege gefördert und entwickelt?
  3. Wir sprechen vom Pflegemodell, sie sprechen vom Pflegesystem. Worum geht es dabei und was gehört dazu?

Lassen Sie mich mit dem zentralen  Interesse beginnen:

Es geht um Fragen,  wie  pflegebedürftige Personen aber auch ihre mit- betroffenen  Bezugspersonen   im Pflegeprozess fördernd unterstützt, angeleitet, beraten und begleitet werden können,  bei ihrem Bestreben,  ihre Fähigkeiten bzw. ihre Restfähigkeiten  zu erhalten, zu erlangen- oder wiederzuerlangen. Hierbei geht es jeweils um solche Fähigkeiten und Restfähigkeiten, die  ihnen helfen (ohne oder auch mit Unterstützung Anderer) ihre Bedürfnisse zu befriedigen und mit  ihren Einschränkungen in ihren Aktivitäten-, ihren Beziehungen und  ihren Existentiellen Erfahrungen zurechtzukommen (verkürzt ABEDL genannt).

Und, es geht natürlich darum, wie insbesondere Pflegefachpersonen in der Begegnung und beim pflegerischen Handeln hierbei Unabhängigkeit und Wohlbefinden dieser Personen fördern können; und dies nicht nur – wie traditionell eher üblich – im Tun, sondern auch im Denken, im Wollen und Entscheiden   und im Ausdruck  von Gefühlen; und zwar so, wie dies für die diese Person möglich und von Bedeutung ist.

Fördernde Prozesspflege liefert hierzu konzeptuelle und empirische Grundlagen.

Sie sind das Ergebnis eines ständigen Austausches und einer aktiven Wechselbeziehung zwischen theoretischen Erkenntnissen und pflegepraktischen Erfahrungen, die beide wiederum mittels Forschung überprüft worden sind. Die  Forschungs-und Entwicklungsarbeiten  (zur Fördernden Prozesspflege) haben sich   über einen  Zeitraum von insgesamt  30 Jahren erstreckt (1982 -2012). Die Forschungs- und Entwicklungsprojekte sind zunächst in Akutkrankenhäusern (in  England und  Deutschland)  durchgeführt worden; danach in stationären Langzeiteinrichtungen (vor allem der Altenhilfe) sowie in ambulanten Pflegezusammenhängen. Die Entwicklungsprozesse wurden jeweils mit Mitteln der Interventionsforschung und Methoden des reflektierenden Erfahrungslernens begleitet. In den Forschungsprozessen  und den damit zusammenhängenden Basis- und Postinterventionserhebungen wurden vor allem Verfahren und Methoden der  „Grounded Theory“  (in empirischen Daten gegründete Theorieentwicklung) angewandt.  Quantitative  Methoden wurden dort, wo sie die Validität und Reliabilität stützten, komplementär mit qualitativen Verfahren verknüpft. Die Vorgehensweisen und Schritte in diesen Prozessen haben sich (ähnlich wie von Corbin und Strauss  2004 beschrieben) nicht linerar  vollzogen, sondern sie überschnitten sich gegenseitig, oft gleichzeitig und manche bedingten sich auch gegenseitig. Jedes Stadium in diesen sich wechselseitig beeinflussenden Prozessen und jede neue Erkenntnis hat zur Überprüfung, Modifizierung und Substantiierung  der Inhalte  des  sich daraus entwickelnden konzeptuellen Systems  und des Handlungssystems  Fördernder Prozesspflege geführt.

Das konzeptuelle System und das Handlungssystem sind eng miteinander verknüpft. Sie bilden eine Einheit und beeinflussen sich gegenseitig.

Zum konzeptuellen System gehören handlungsleitend

  • die Konzepte mit ihren konzeptverbindenden Aussagen zu Person und Umgebung, zu Unabhängigkeit und Wohlbefinden, zu Aktivitäten, sozialen Beziehungen und Existentiellen Erfahrungen des Lebens überdies
  • die Prinzipien Fördernder Prozesspflege:

 Dynamische Ganzheitlichkeit
    – Offenheit, Wechselwirksamkeit und  Synergie;

                Personenzentriertheit und Beziehungsbezogenheit,

– Entwicklungs- und Lebensprozessbezogenheit,

– Fähigkeits-und Förderungsorientiertheit,

– Sinn- und Kontextbezogenheit,

– Prioritätsorientiertheit.
Ich erwähne die Prinzipien, weil das Verstehen dieser Prinzipien von grundsätzlicher  Bedeutung ist  für das  Verstehen und Anwenden der  Schwerpunkte  und Inhalte des konzeptuellen des Systems und des Handlungssystems. 

Im Handlungssystem Fördernder Prozesspflege werden

  • Modelle, Verfahren, Methoden und Instrumente in ihrer Anwendung im Pflegeprozess, im  Management  und  in der  Qualitätsentwicklung beschrieben;
  • sowie Indikatoren und Muster defizitärer versus personenzentrierter-und fähigkeitsfördernder Pflegeprozesse. Diese sind entsprechenden Qualitätskategorien zugeordnet und dort erklärt.

Das  Rahmenmodell ist das wichtigste Modell Fördernder Prozesspflege.

Es verbindet das konzeptuelle System mit dem Handlungssystem. Das dort definierte primäre pflegerische Interesse sowie die primären Ziele und Handlungsschwerpunkte sind dort begründet und erklärt. Sie finden sich in allen anderen Modellen wieder.

–   Soweit der Überblick –  

 In meinen heutigen Ausführungen  kann ich nur  wenige  Elemente der Fördernden Prozesspflege  herausgreifen und  diese  auch nur  in  einigen Teilen beleuchten.

 Dies möchte ich tun im Zusammenhang mit

  • einigen Erkenntnissen zum Pflegeprozess
  • einigen Erkenntnissen zu Aktivitäten Beziehungen, existentiellen Erfahrungen  des Lebens und ihrer Anwendung  im Pflegeprozess
  • einigen Indikatoren und Mustern defizitärer Pflegeprozesse versus personenzentriert- und fähigkeitsfördernder Pflegeprozesse. Hierbei werde ich besonders die Kategorien Unsichtbarkeit versus Sichtbarkeit und Diskontinuität versus Kontinuität beleuchten.
  • Und, ich möchte  Sie auf einen kleinen Exkurs  zu tätigkeitsorientierten versus personenzentrierten Anwendung  von  Pflegemaßnahmen und  Methoden einladen.

Lassen Sie mich mit einigen Erkenntnissen zum  Pflegeprozess beginnen.

 Der Pflegeprozess wurde in  drei Prozessebenen untersucht

I dem direkten Pflegeprozess, II der Dokumentation, und III  der Pflegeorganisation

Pflegeorganisation mit  ihren  Ressourcen    sowie Pflegedokumentation sind    darauf hin untersucht worden, inwieweit diese Kontinuität und Qualität  im direkten Pflegeprozess  fördern oder behindern.

Hierbei  wurden die jeweils  vorhanden, personellen-, zeitlichen-, materiellen-  und strukturellen  Ressourcen mit-erfasst. Und es wurde erfasst, wie diese qualitativ und quantitativ zugeordnet wurden.   Dies hat dazu geführt,   dass im Zuge der Entwicklung hin zur Fördernden Prozesspflege in beinahe allen Einrichtungen  die Organisation und die Zuordnung – vor allem der vorhandenen personellen Ressourcen – entsprechend angepasst wurden, damit  erforderliche Veränderungen im direkten Pflegeprozess und  in der Dokumentation  wirksam werden konnten. Priorität hatte und hat  bei der Erforschung, Entwicklung  und Anwendung der Fördernden  Prozesspflege  aber der Pflegeprozess  im direkten Pflegebereich, d. h. dort, wo Pflege passiert; denn  nur hier können pflegebedürftige Personen und ihre mit-betroffenen Bezugspersonen  Pflege in ihren Wirkungen   erfahren; nur hier  kann  auch der Pflegebedarf, sowie die Wirkungen    pflegerischen Handelns  unmittelbar überprüft werden.

Die Untersuchungen im direkten Pflegeprozess fokussierten

  • pflegebedürftige Personen und ihre mit-betroffenen persönlichen Bezugspersonen mit ihren Sichtweisen, ihren Fähigkeiten, Einschränkungen und Ressourcen und ihren Prioritäten, d. h. das, was für sie wichtig war;
  • sowie  Pflegefachpersonen und Pflegehilfspersonen mit ihren Sichtweisen, ihrem Wissen und Können, ihren Prioritäten und wie diese in ihren Handlungen und Interaktionen bei den pflegebedürftigen Personen und ihren mit-betroffenen Bezugspersonen  sichtbar wurden.

Bevor ich darauf  weiter eingehe, lassen Sie uns einige Erkenntnisse  zu  Aktivitäten, Beziehungen und existentiellen Erfahrungen  des Lebens  und  zu ihrer Anwendung betrachten. Dies möchte ich auch im Zusammenhang tun mit den Kategorien Unsichtbarkeit versus Sichtbarkeit und den Kategorien Diskontinuität versus Kontinuität.

Zunächst ein kurzer Rückblick:

Sowohl in meiner Forschung in England (1982-1984) als auch in der 1993 erstmals veröffentlichten Studie  (zum Pflegeprozess  Beispiel an Apoplexie- erkrankter Menschen)  in Deutschland habe ich mich  zunächst an die Aktivitäten des Lebens  nach Roper et.al. (1980) angelehnt, da in beiden Krankenhäusern mit diesen Strukturierungen gearbeitet wurde.

Bereits meine 1984 in England abgeschlossene Studie zeigt aber:

  • dass die ausschließliche Orientierung an den Aktivitäten des Lebens im Pflegeprozess  dazu führen kann, dass existentielle Erfahrungen, welche  Menschen im Zusammenhang mit ihren Lebensaktivitäten machen unsichtbar bleiben, ebenso, wie die Bedeutung von Beziehung.
  • Und es hat sich gezeigt: „Wenn im  Pflegeprozess  vorrangig nur Probleme fokussiert werden, bleiben Fähigkeiten, Restfähigkeiten, Bedürfnisse  und Gewohnheiten der pflegebedürftigen Personen (und ihrer mit-betroffen Bezugspersonen) ebenfalls weitgehend unsichtbar.“

Unsichtbarkeit ist eine Kategorie defizitärer Pflegeprozesse.

Darunter ist alles zugeordnet,  was  nicht oder nur oberflächlich, d. h. vage erkannt und berücksichtigt  wird.

  • Dies betrifft auch das Beachten von Aktivitäten des Lebens, Beziehungen und  existentiellen Erfahrungen  betroffener– und mit-betroffener Menschen.

Dabei hat sich gezeigt:

Die bloße Benennung der sogenannten ABEDLs  reicht nicht aus.

Um diese sichtbar und  im  Pflegeprozess anwendbar zu machen, mussten die ABEDLs in weiteren Forschungsprozessen  konkretisiert und  inhaltlich substantiiert werden.

Die damit zusammenhängenden Einzelfall -Erhebungen und Gesamtfallanalysen  haben schließlich  zu  einer  solchen   Klärung und  Substantiierung der ABEDL bezogenen  Konzepte, Kategorien und  ihrer Inhalte geführt.

ABEDL bezogene Konzepte und Kategorien

Die zentrale Aussage zu diesen Konzepten und Konzeptverbindungen ist:

Der Mensch  benötigt eigene Fähigkeiten und er benötigt Ressourcen aus seiner  Umgebung, um  als Person

I  seine Aktivitäten des Lebens realisieren
und dabei mit existentiellen  Erfahrungen umgehen zu können;
II seine sozialen Beziehungen sichern und gestalten zu können und dabei mit existentiellen Erfahrungen umgehen zu können;
III  mit existentiellen Erfahrungen des Lebens umgehen und sich dabei entwickeln zu  können;
IV Seine sozialen Bereiche sichern und gestalten zu können und  dabei mit existentiellen Erfahrungen umgehen zu können.>

 

Das vierte Konzept ist von besonderer Relevanz für soziale Dienste. Die ersten drei Konzepte  mit ihren jeweils zugeordneten Kategorien und Inhalten sind von unmittelbarer Bedeutung für den Pflegeprozess. Die  in den Gesamtfallanalysen  ermittelten Phänomene sind hierbei  den  jeweiligen Kategorien der Konzepte zugeordnet worden. So enthält zum Beispiel  die Kategorie <Als Person kommunizieren können>  spezifische Inhalte zum Erfassen von Fähigkeiten, Einschränkungen und  Restfähigkeiten im Zusammenhang mit

  • Bewusstsein
  • Denken, Wollen, Entscheiden und verantworten können
  •  Gefühle zum Ausdruck bringen können
  • sich konzentrieren können
  •  sich orientieren
  •  wirklichkeitsbezogen wahrnehmen können
  • sein Körperbild und Körperchema wahrnehmen
  • Sehen und erkennen (einschließlich Gesichtsfeld)
  • Hören und verstehen
  • Lesen und verstehen
  • Riechen und schmecken
  • Tasten und fühlen
  • sich mitteilen und sich verständlich machen können (verbal und nonverbal durch Gestik und Mimik
  • Sich durch Berührung  selbst wahrnehmen und mit anderen kommunizieren können (sich selbst berühren können, andere berühren, von anderen berührt werden können).

Diese ABEDL –  Kategorie mit ihren spezifischen Inhalten ist – wie alle anderen  Kategorien  mit ihren  Inhalten  – wohl von grundsätzlicher Bedeutung im Lebensprozess von uns Menschen. Sie sind aber selbstverständlich nicht bei allen pflegebedürftigen Personen und  auch nicht in jeder Pflegesituation relevant. Dennoch es hat sich gezeigt, sie  können den Blick weiten und  Orientierung geben.

Dabei kann das entsprechend entwickelte Assessment-und Diagnoseinstrument in den   Händen kompetenter Pflegefachpersonen ein reliables Hilfsmittel sein für  personenzentrierte und an die jeweilige Situation angepasste Assessment- und Diagnoseprozesse;

 Assessment und Diagnosen sind die Grundlage für die Effektivität des  gesamten Pflegeprozesses.

 < Wenn Assessment und Diagnosen fehlen, unzutreffend oder oberflächlich, d. h. vage sind, ist nicht mehr zu beurteilen, ob Maßnahmen und Ziele dem Bedarf der betroffenen (ihrer mit-betroffenen Person) entsprechen; Maßnahmen und Ziele können dann nur zufällig richtig oder falsch sein. Darüber hinaus können solche Maßnahmen die betroffene Person  unter Umständen sogar gefährden> (Krohwinkel 1993, 2007/2008, 2013).

 

Eine weitere Erkenntnis erscheint  mir  in diesem Zusammenhang wichtig:

Diese betrifft die ABEDL – Kategorien mit ihren Inhalten   „Kommunizieren, sich bewegen und vitale Funktionen aufrecht erhalten“. Diese beeinflussen sich nicht nur wechselseitig, sondern  Fähigkeiten und Einschränkungen beim Kommunizieren beim Bewegen  oder den vitalen Funktionen wirken   sich signifikant häufig  (verursachend oder mit-verursachend) aus, auf Fähigkeiten und Einschränkungen in anderen Aktivitäten des Lebens.

Darüber hinaus können sie Einfluss nehmen auf soziale Kontakte und Beziehungen und Einschränkungen  in diesen ABEDLs gehen häufig einher mit existentiell belastenden Erfahrungen.

Welche Relevanz hat dies für Assessment und Diagnostik im Pflegeprozess?

Dies bedeutet: Wenn in diesen  ABEDL – Kategorien,  Einschränkungen (mit ihren Ursachen und Einflussfaktoren, z. B. Erkrankungen) erkannt – und diesen Einschränkungen konkret Restfähigkeiten zugeordnet werden, können  hieraus    plausibel (schlüssig)  auch Fähigkeiten und Einschränkungen in  anderen (für die jeweils betroffene  Person) relevanten ABEDLs abgeleitet werden.

Lassen sie uns  zurückkommen zu den Kategorien Unsichtbarkeit versus Sichtbarkeit und Diskontinuität versus Kontinuität:

 Bei den Entwicklungen zur Fördernden Prozesspflege ging  und geht es immer darum, von der Unsichtbarkeit hin zu mehr Sichtbarkeit; und von der Diskontinuität zu mehr Kontinuität im Pflegeprozess zu kommen.

Neben  Unsichtbarkeit  ist Diskontinuität  eine  weitere Kategorie defizitärer Pflege.

Von Diskontinuität sprechen wir, wenn durch Wechsel von Pflegepersonen pflegebedürftige Personen unterschiedliche Pflege erhalten.

Zwar gibt es bei vorherrschender Diskontinuität  in der Regel immer auch einzelne Pflegefachpersonen, die sich bei der Durchführung von Maßnahmen personenzentriert und fördernd verhalten. Positive Auswirkungen  solch fördernder Verhaltensweisen werden aber bei vorherrschender Diskontinuität wieder nivelliert. Zudem beeinträchtigt Diskontinuität den Aufbau pflegerischer Beziehung; denn auch im Pflegeprozess entsteht Beziehung  doch nicht durch häufig wechselnde Kontakte, sondern durch die Qualität und  Kontinuität solcher Kontakte.

 Zudem trägt Diskontinuität erheblich zu existentiell belastenden Erfahrungen bei; belastende Erfahrungen, wie Orientierungslosigkeit und Ungewissheit; denn bei Diskontinuität wissen pflegebedürftige Personen und ihre mit-betroffenen Angehörigen in der Regel zwar, dass jemand kommt, aber nicht wer kommt und wie dann mit ihnen umgegangen wird.

Diskontinuität und Kontinuität haben drei Dimensionen

  • die zeitliche Dimension:

diese Dimension bezieht sich darauf, wann jemand kommt;

  • die personale Dimension:

in dieser Dimension wird erfasst, wer kommt;

  • die inhaltliche Dimension:

diese Dimension beschreibt, wie die pflegenden Personen in vergleichbaren Situationen,  und unveränderten Bedürfnissen, Fähigkeiten und Problemen  der pflegebedürftigen Person handeln.

 Hierbei zeigen die Untersuchungsergebnisse deutliche Zusammenhänge zwischen der  personale und der inhaltlichen Dimension. Dies bedeutet, umso größer das Ausmaß von Kontinuität im direkten Pflegeprozess ist, umso geringer ist die Gefahr, dass betroffene Personen (ihre mit-betroffenen Bezugspersonen) unterschiedliche Pflege erhalten.

Dabei sind Kontinuität, Sichtbarkeit, Qualität und ihre Wirkungen auch wiederum am ehesten im direkten Pflegeprozess beobachtbar, erfahrbar und nachweisbar.

Kontinuität hat sich hierbei als Schlüsselkategorie für eine gezielte Entwicklung hin zur personenzentrierten und situationseinbeziehenden Förderung gezeigt.

Dabei beeinflusst Kontinuität fundamental nicht nur das Ermöglichen pflegerischer Beziehung, sondern auch die Effektivität von  Beobachtung und Handlung, dies auch bei der pflegerischen Mitwirkung  in medizinischen Diagnose-und Therapieprozessen.

Zudem ermöglicht Kontinuität  eine personenzentrierte Abstimmung und Koordination zwischen den pflegenden- und den anderen in die Behandlung und Betreuung einbezogenen Berufsgruppen.

Hierbei hat sich die Einführung des Organisationssystems der Bezugspersonenpflege (eine modifizierte –  und erweiterte Form des‘ Primary-Nursing-Systems)  als  wesentlich für die Entwicklung  von Sichtbarkeit, Kontinuität und Qualität erwiesen (vgl. Krohwinkel, 1993, 1998, 2013).

Lassen  uns abschließend noch einige Erkenntnisse zur Bedeutung tätigkeits- versus personenzentrierter Anwendung    pflegerischer Maßnahmen   und zur berufsspezifischen  Anwendung fördernder Methoden miteinander teilen:

Zusammenhängend mit überlieferten mechanistischen Sichtweisen von beruflicher Pflege, werden Pflegemaßahmen  zum Teil immer noch (bzw. auch wieder neu)  der sogenannten Grundpflege bzw. der sogenannten Behandlungspflege zugeordnet.  Dabei werden die Maßnahmen der sogenannten Grundpflege traditionell als einfache Tätigkeiten angesehen, die   jeder, der in der Pflegepraxis tätig ist, durchführen kann.
Diese Sichtweise  aber hält einer Überprüfung nicht stand;

denn, ob eine Maßnahme und die damit zusammenhängende Tätigkeit einfach oder anspruchsvoll ist, hängt  nicht von der jeweiligen Maßnahme  ab, sondern dies hängt ab von der Komplexität der Bedarfssituation einer pflegebedürftigen Person.

So können auch Maßnahmen wie die zur Körperpflege zur Mundpflege, zum Essen und Trinken einfach sein, aber  sie können auch so komplex und anspruchsvoll sein, dass sie ausschließlich von  entsprechend  qualifizierten Pflegefachpersonen durchgeführt werden sollten.

Auch bei  solchen  Maßnahmen finden  Konzepte, Theorien,  Methoden und Instrumente aus verschiedenen Wissensbereichen der Pflege, aber auch aus anderen Wissensgebieten  ihre berufsspezifische  Anwendung.

Dies möchte ich an einem Beispiel deutlich machen:

In der bereits erwähnten Studie zur Erfassung und Entwicklung Fördernder Prozesspflege am Beispiel von  an  Apoplexie erkrankter  Menschen arbeiteten  Physiotherapeutinnen, Logopäden und Pflegefachpersonen jeweils bei der Förderung von Unabhängigkeit und Wohlbefinden dieser betroffenen (und ihrer mit-betroffenen) Personen zusammen. Dabei stimmten sie ihr schwerpunktmäßiges Vorgehen eng  miteinander und mit der betroffenen Person ab. Die Logopädinnen und Physiotherapeuten fokussierten dabei berufsspezifisch vorrangig  die Kommunikationsprobleme bzw. die Mobilitätsprobleme der betroffenen Menschen. Die Logopädinnen führten ihre  Maßnahmen in  den Akutkrankenhäusern in der Regel ein bis zweimal wöchentlich durch; die Physiotherapeutinnen taten dies ein bis zweimal täglich pro Patient.

 Die Pflegefachpersonen  förderten bei entsprechenden Bedarfen ebenfalls die Kommunikationsfähigkeiten und Bewegungsfähigkeiten der betroffenen Personen.

Sie taten dies berufsspezifisch, indem sie die entsprechenden Methoden  kontinuierlich in die jeweils erforderlichen  Pflegemaßnahmen der betroffenen Personen integrierten (bei der Körperpflege, der Mundpflege, beim An – und Auskleiden, beim Essen und Trinken beim Ausscheiden, sowie   Bei der damit  verbundenen Mobilisation innerhalb und außerhalb des Bettes. Die Pflegefachpersonen taten dies personenzentriert  durchschnittlich 21mal pro Tag.  Nun wissen wir aus der neurologischen Forschung, dass <umso gezielter und kontinuierlicher solche Förderung geschieht, umso größer ist die Chance neuer nervaler Innervation>.

In der genannten Studie zur Fördernden Prozesspflege konnte somit   – nicht ausschließlich, aber in Deutschland erstmalig – der pflegespezifische Beitrag solch integrativer Förderung und ihre synergetische Wirkung  exemplarisch nachgewiesen werden.

 Ein Phänomen  sei noch erwähnt:
Die  pflegebedürftigen Personen (und ihre mit- betroffenen Bezugspersonen)  nahmen die integrale Dimension der pflegerischen Förderung zunächst nicht wahr. Erst als die Pflegefachpersonen  für sie nachvollziehbar machten, wie sie die fördernden Methoden  zur Kommunikation und Bewegung in die jeweiligen Pflegemaßnahmen integrierten und mit welchem Ziel sie das taten, wurde dies auch den  betroffenen  (mit-betroffenen) Personen bewusst ; das heißt , es wurde für sie sichtbar.

 Ich komme zum Schluss: Das konzeptuell und handlungsorientiert integrierte  System Fördernde Prozesspflege  kann  eine Grundlage zur  Entwicklung personenzentrierter Professionalität sein. Und, es ist ein Fundament, auf  dem  PflegewissenschaftlerInnen  und ihre in der Praxis  tätigen KollegInnen neue Erkenntnisse und Erfahrungen aufbauen, und den Korpus pflegerischen Wissens substantiieren und erweitern können.                                     

Literaturempfehlung:
Monika Krohwinkel Fördernde Prozesspflege mit integrierten ABEDls – Forschung, Theorie und Praxis, Huber/Hogrefe  (2013), Bern

 

Über Monika Krohwinkel 1 Artikel

Prof.(em.) Monika Krohwinkel, Gesundheits-und Krankenpflegerin, Hebamme (Deutschl. u. England)Pflegewissenschaftlerin u.Erziehungswissenschaftlerin.
Arbeitsschwerpunkt: Fördernde Prozesspflege: Forschung, Theorie und Praxis.

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