Die stationäre Versorgung alter Menschen von 1945 bis 1975 im südlichen Niedersachsen

(C) Archiv Altersheim Magdalenenhof, Hildesheim: Flüchtlingsaltersheim St. Joseph, Schloss Derneburg: Graue Schwester, Heimbewohnerin und Besucher, o. D. (zwischen 1946-1976).

Ziel und Methode
Innerhalb der historischen Pflegeforschung stellt die stationäre Altenpflege ein Forschungsdesiderat dar. Die Versorgung alter, d. h. über 65-jähriger Menschen wurde bisher überwiegend im Rahmen der allgemeinen Pflegegeschichte oder in Veröffentlichungen zu bestimmten Institutionen behandelt. Die Lebenssituation der alten Menschen sowie auch des Pflegepersonals fand hingegen kaum Beachtung (zu den Ausnahmen zählt u. a.: Irmak 2002). In meiner Anfang des Jahres eingereichten Dissertation habe ich versucht, diese Forschungslücke – zumindest in Ansätzen – zu schließen, wobei eine Beschränkung auf das südliche Niedersachsen und den Raum Hannover erfolgte. Das Ziel der Arbeit ist die Darstellung der stationären Altersversorgung, d. h. der pflegerischen, medizinischen und sozialen Betreuung über 65 Jähriger im Zeitraum von 1945 bis zum Erlass des ersten Heimgesetztes im Jahr 1974. Im Fokus stehen sowohl die institutionellen Rahmenbedingungen als auch die pflegerische, medizinische und soziale Betreuung. Weitere Schwerpunkte bilden die Arbeitssituation des – überwiegend konfessionell gebundenen – Pflegepersonals sowie die beginnende Professionalisierung der Altenpflege.

Um Informationen zur stationären Altersversorgung in der Nachkriegszeit zu gewinnen, konnte auf umfangreiches Aktenmaterial der freien Wohlfahrtsverbände und der staatlichen Behörden zurückgegriffen werden. Diese Quellen geben Auskünfte über die Heimausstattung, die Heimordnungen, die Verpflegung und die pflegerisch-medizinische Betreuung. Auf diese Weise offenbaren sich z. B. die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den verschiedenen Heimträgern. Einblicke in den Alltag des Personals gewähren v. a. die Korrespondenz von Diakonissen mit ihren Mutterhäusern und einzelne Interviews mit in der Altersversorgung tätigen Zeitzeugen. Um die fachliche Diskussion nachvollziehen zu können, wurden darüber hinaus Fachzeitschriften analysiert. Komplett gesichtet wurde die 1962 gegründete Zeitschrift „Das Altenheim – Zeitschrift für die Leitungen der öffentlichen und privaten Altersheime“.

Die Situation nach Kriegsende Nach Ende des Zweiten Weltkriegs musste die Versorgung zahlreicher obdach- und mittelloser alter Menschen sichergestellt werden, unter denen sich zahlreiche Flüchtlinge befanden. Folglich kam es auch im Untersuchungsgebiet zu einer zusätzlichen Verschlechterung der ohnehin von der allgemeinen Nachkriegsnot betroffenen Altersversorgung. Aufgrund des eklatanten Mangels an Heimplätzen entstanden provisorische Notunterkünfte, in denen eine angemessene Betreuung der Bewohner kaum möglich war. Letztlich führte die defizitäre Lage jedoch dazu, dass sich die Wohlfahrtspflege erstmals intensiv mit der sog. „Altersnot“ auseinandersetzte. Wichtige theoretische Grundlagen für den in den folgenden Jahrzehnten erfolgten Ausbau der Altersversorgung wurden demzufolge bereits in den 1950er Jahren gelegt. Bedingt durch die schlechte wirtschaftliche Lage, den Personalmangel oder das mangelnde Interesse vieler Heimträger, fand der Großteil der Ideen und Konzepte aber erst in den 1960er Jahren eine praktische Umsetzung.

Institutionelle Rahmenbedingungen
Die meisten Heime zur Versorgung alter Menschen befanden sich bis in die 1960er Jahre in Trägerschaft der beiden christlichen Wohlfahrtsverbände. Im protestantisch geprägten Untersuchungsgebiet dominierten die Innere Mission sowie auch das konfessionell unabhängige Deutsche Rote Kreuz. Mit zunehmendem Wirtschaftsaufschwung wurden sowohl Umbauten und Renovierungen vorgenommen, als auch neue Heimbauten errichtet. . Seit Anfang der 1960er Jahre stieg ebenfalls der Anteil öffentlicher und privater Einrichtungen. Letztere entwickelten sich schnell zu einem Wirtschaftsmodell, das hohe Gewinne versprach und vor dem Hintergrund der zunehmenden Auflösung traditioneller christlicher Pflegekonzepte, bereits in den 1970er Jahren den Großteil der niedersächsischen Heime ausmachte. Die stärkere Beachtung des Themas „Alter“ in der Sozialpolitik der 1960er Jahre hing eng mit dem 1961 verabschiedeten Bundessozialhilfegesetz zusammen, das u.a. die finanzielle Unterstützung stationärer Einrichtungen aus öffentlichen Mitteln förderte (vgl. Wehlitz; Ronge 1964, Föcking 2003, S. 331).

Auf diese Weise wurde auch die Einrichtung dringend benötigter spezialisierter Pflegeheime und –stationen erleichtert. Der sich in diesem Zusammenhang herausbildende „Pflegeheimdiskurs“ hatte eine Medikalisierung der Altenpflege zur Folge. Beispielsweise orientierten sich insbesondere die Pflegeheime immer mehr an den zeitgenössischen, funktionell ausgestatteten Krankenhäusern. Parallel dazu setzte sich für den noch rüstigen Teil der über 65-Jährigen das Altenwohnheim durch. Für die Versorgung schwerer Pflegefälle standen einzelne Alterskrankenhäuser zur Verfügung, die in der Tradition der traditionellen „Siechenhäuser“ standen und bis in die späten 1960er Jahre am Konzept der „bewahrenden“ Pflege festhielten (vgl. Rustemeyer 2009, S. 7-10). Der Bau geriatrischer Kliniken, die sich an den neuesten medizinischen Erkenntnissen orientierten, fand erst ab Ende der 1960er Jahre Umsetzung (Buchan 1966, S. 10, Niedersächsischer Sozialminister 1974, S. 113). Bis in die 1960er Jahre befand sich ein großer Teil der Heime in christlicher Trägerschaft. Häufig besaßen aber auch die kommunalen Häuser eine christliche Orientierung. Innerhalb des Untersuchungszeitraums herrschten zwischen den verschiedenen Städten und Landkreisen nur selten vergleichbare Bedingungen. So existierten bereits in den 1950er Jahren sowohl Einrichtungen mit Mehrbettzimmern, Arbeitsverpflichtung für die Bewohner, wenig Komfort und ohne pflegerische Leistungen, als auch kleinere Häuser mit Einzelzimmern, umfassenden pflegerischen Leistungen, in denen die alten Menschen keine Arbeiten im Heimhaushalt übernehmen mussten.

Die Lebenssituation der Heimbewohner
In den ersten Nachkriegsjahren besaß ein Heimaufenthalt mit Komplettversorgung auch für nicht pflegebedürftige über 65-Jährige Attraktivität. Folglich waren die Heime überfüllt und es existierten sehr lange Wartezeiten. Ab den 1960er Jahren erhöhte sich besonders die Nachfrage für Pflegeplätze, da immer mehr Menschen – auch aufgrund des größeren Angebots ambulanter Hilfen – erst in einem gebrechlichen Zustand eine stationäre Versorgung wünschten. Insgesamt betrachtet fiel der Anteil stationär versorgter alter Menschen aber innerhalb des gesamten Untersuchungszeitraums gering aus und
lag in den 1950er Jahren bei etwa zwei und noch in den 1970er Jahren nur bei höchstens sechs Prozent. Viele Einrichtungen wiesen strenge Aufnahmekriterien auf, die sich u. a. auf die Religion, das Geschlecht oder den Wohnsitz der Heimanwärter bezogen. Der sozialen Schichtzugehörigkeit wurde oft sogar eine größere Bedeutung beigemessen als der finanziellen Situation. Für die alten Menschen verband sich der Heimeinzug mit einer erheblichen Umstellung ihrer bisherigen Lebensgewohnheiten, v. a. einem Verlust der Selbstständigkeit. Das enge Zusammenleben mit fremden Menschen und der Verzicht auf Privatsphäre führten in nahezu alle Einrichtungen zu Konflikten (vgl. Stengel 1962, S. 14). Eine tragende Rolle für das Wohlbefinden der Heimbewohner spielte die Atmosphäre des Hauses, die sowohl von der Heimleitung, dem Personal, den Räumlichkeiten und der konfessionellen Prägung des Heimträgers, als auch den einzelnen Heimbewohnern und dessen Persönlichkeit und sozialer Schichtzugehörigkeit abhing.

Dass die zeitgenössischen Heimideale nicht immer mit der Realität übereinstimmten, spiegelt sich in der Kritik der Heimbewohner wider. Beschwerden bezogen sich v. a. auf die Verpflegung, die Mitbewohner und das Personal. Während sich die regionalen Zeitungen in ihrer Kritik vorwiegend auf einzelne Einrichtungen fokussierten, problematisierte die überregionale Presse der 1960er und 1970er Jahre überwiegend die „Institution Altersheim“. Dass die öffentlichen Medien immer häufiger über Missstände in der stationären, insbesondere der privaten Altersversorgung berichteten, führte 1968 in Form der sog. „Heimverordnung“ schließlich zu ersten gesetzlich festgelegten Mindestanforderungen. Deren Gültigkeit beschränkte sich jedoch nur auf die privaten Einrichtungen. Die über eine sehr viel größere Lobby verfügenden gemeinnützigen Träger unterlagen erst ab 1974 dem sog. „Heimgesetz“, das für alle Heimträger verbindlich war.

Die Versorgung der Heimbewohner
Der Großteil der stationär betreuten alten Menschen litt unter chronischen Erkrankungen und wies einen hohen Medikamentenkonsum auf, der sich ab den 1960er Jahren u. a. durch die vermehrte Anwendung von Psychopharmaka erhöhte. Da sich die Altenpflege spätestens in den 1960er Jahren immer häufiger mit demenziell veränderten Heimbewohnern konfrontiert fühlte, erfolgte in der gerontologisch orientierten Fachliteratur erstmals die intensive Beschäftigung mit diesem Krankheitsbild. Ebenfalls kam psychologischen, medizinischen und sozialen Aspekten sowie auch rehabilitativen Maßnahmen eine größere Bedeutung zu. Der Wandel im Heimwesen zeigte sich sowohl „äußerlich“ in der Konzeption neuer Heimbauten, als auch in Form einer zunehmenden Professionalisierung und Medikalisierung der Altenpflege. Noch in den 1970er Jahren bestand aber zwischen den theoretisch geführten Fachdiskursen und der Alltagsrealität eine erhebliche Diskrepanz. So existierte nur in den wenigsten psychiatrischen Kliniken und Heimen eine angemessene Betreuung Demenzkranker, zumal die meisten Einrichtungen entweder die Aufnahme psychisch auffälliger Personen vermieden oder auf Fixierungsmaßnahmen und eine medikamentöse Sedierung zurückgriffen.

Das Personal in der Altenpflege
Bis zum Aufbau einer speziellen Altenpflegeausbildung in den 1960er Jahren rekrutierte sich das fast ausschließlich weibliche Pflegepersonal aus Krankenschwestern und kaum geschulten Hilfskräften. Ältere Frauen wurden aufgrund ihrer geistigen Reife bevorzugt. Folglich lag der Altersdurchschnitt des Pflegepersonals in vielen Heimen bei über 50 Jahren. Bis Ende der 1950er Jahren galten für die Pflege
alter Menschen v. a. die traditionell weiblich konnotierten Charaktereigenschaften, wie Geduld, Einfühlungsvermögen und „Mütterlichkeit“ als ausreichende Qualifikation (André 1993, S. 202, Buchberger 1963, S. 2, Klose 1952, S. 92). Einer umfassenden pflegerischen Ausbildung wurde hingegen weniger Bedeutung beigemessen. Aufgrund negativer Altersbilder, der angeblichen Entfremdung zwischen den Generationen und der Darstellung der Altenpflege als eine besonders kraftzehrende Arbeit, besaß das Altenpflegepersonal kein hohes Sozialprestige (O. N. 1969, S. 186).

Dazu trugen ebenso die langen Arbeitszeiten sowie die geringe Bezahlung bei, von der nicht nur die
lediglich über ein Taschengeld verfügenden mutterhausgebundenen Schwestern, sondern gleichfalls
deren „freie“ Kolleginnen betroffen waren. Anders als ihre Mitschwestern im Krankenhaus besaßen die Altenpflegerinnen jedoch eine größere Selbständigkeit, da die alltägliche Organisation und die Pflege fast ausschließlich in ihren Händen lag. Innerhalb des gesamten Untersuchungszeitraums herrschte ein eklatanter Personalmangel. Verstärkt wurde dieser durch den steigen Rückgang von Neueintritten in die Mutterhäuser. Folglich mussten selbst die christlichen Einrichtungen immer häufiger „freie“ Schwestern einstellen. Der Personalmangel führte nicht selten zu einer 80-Stunden-Woche und den Verzicht auf Urlaub. Letztlich führte die hohe Arbeitsbelastung beim Großteil der Mitarbeiter zu körperlichen und seelischen Erkrankungen. Mehr Freizeit erhielt das Personal, u. a. aufgrund des sich etablierenden Schichtdienstes, erst Ende der 1960er Jahre. Bessere medizinische und psychologische Kenntnisse wurden vom Pflegepersonal seit Ende der 1950er Jahre gefordert. Demzufolge galt eine fachlich spezialisierte Altenpflegeausbildung als unabdingbar. Entscheidende Impulse für die neue Ausbildung lieferten neben der theoretischen Fachdiskussion auch die in der Altersversorgung tätigen Institutionen. Die ersten Altenpflegeschulen, die vorwiegend von über 30-jährigen Frauen besucht wurden, entstanden zu Beginn der 1960er Jahre. Am Ende des Jahrzehnts verzeichneten die Schulen nicht nur jüngere, sondern auch erste männliche Bewerber.

Innerhalb des Untersuchungszeitraums unterlag die stationäre Altersversorgung einer zunehmenden Medikalisierung, Professionalisierung und Privatisierung. Dass sie sich durch eine große Heterogenität auszeichnete und z. B. nicht nur zwischen den verschiedenen Kommunen, sondern ebenfalls zwischen den verschiedenen Einrichtungen große Unterschiede bestanden, ist eines der Hauptergebnisse der Untersuchung. Des Weiteren schlugen sich die im Heimdiskurs deutlich erkennbaren Wandlungsprozesse oft erst nach und nach und keineswegs zeitlich parallel oder flächendeckend in der praktischen Heimbetreuung nieder. Obwohl die neuen Entwicklungen zusammen mit der Professionalisierung der Altenpflege und der vermehrten wissenschaftlichen Diskussion zum Alter als Fortschritte in der Altersversorgung zu bewerten sind, hatten sie zugleich eine Standardisierung pflegerischer Abläufe zur Folge. Insbesondere die zu Patienten mutierten Pflegefälle nahmen die passive Rolle medikalisierter „Objekte“ ein.

Autor: Nina Grabe, MA
Titel: Die stationäre Versorgung alter Menschen von 1945 bis 1975 im südlichen Niedersachsen
Ausgabe: Pflege Professionell 02/2015
Link: Zur kompletten Ausgabe

Literatur:
André, Günther: Die Professionalisierung in der öffentlichen Sozial- und Altenfürsorge zwischen 1933 und 1989 [Mikrofiche]. 1993.

Buchan, Lucie: Altenheime – Altenwohnheime. Düsseldorf 1966.

Buchberger, Elisabeth: Altenpflege – Dienst am Lebendigen. In: Das Altenheim, Jhg. 2/1963, Heft 5, S. 1-2.

Föcking, Friederike: Fürsorge im Wirtschaftsboom. Die Entstehung des Bundessozialhilfegesetztes von 1961. München 2003.

Irmak, Kenan H.: Der Sieche. Köln 2002.

Klose, Ruth: Vom Ethos der Gemeindeschwester. In: Kiepert, Max (Hrsg.): Leitfaden für den Dienst der Gemeindeschwester. Hannover 1952, S. 92.

Niedersächsischer Sozialminister: Altenhilfe in Niedersachsen. Eine Bestandsaufnahme. Hannover 1974.

O. N.: Pflegekräfte für Altenheime gesucht! Interview mit Oberin Ruth Elster. In: Das Altenheim, Jhg. 8/1969, Heft 6, S. 185-188.

Rustemeyer, Joachim: Die Anfänge der klinischen Geriatrie in Deutschland aus der Sicht eines Geriaters der ersten Stunde. In: European Journal of Geriatrics, Jhg. 11/2009, Heft 1, S. 7-10.

Stengel, Franziska: Verhaltensweisen von Frauen im Altersheim. In: Das Altersheim, Jhg. 1/1962, Heft 2, S. 14-16.

Wehlitz, Kurt; Ronge, Hans-Gerd: Die Altenhilfe nach dem Bundessozialhilfegesetz. Frankfurt a. M. 1964.

Abbildungen
Archiv Altersheim Magdalenenhof, Hildesheim: Flüchtlingsaltersheim St. Joseph, Schloss Derneburg: Graue Schwester, Heimbewohnerin und Besucher, o. D. (zwischen 1946-1976).

Über Nina Grabe 1 Artikel
Studium der Pädagogik, der Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie & Geschichte Ethik der Medizin

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