Die sprechende Pflege

(C) Miriam Dörr

Unter diesem Motto fand im Herbst 2015 die Abschlusstagung meiner beruflichen Laufbahn statt. Der Titel lag mir am Herzen, weil dieser Teil der Pflegearbeit, das Sprechen mit Patienten/Bewohnern, Angehörigen und anderen Beteiligten, für mich der wichtigste Aspekt professioneller Pflege war und ist.

Pflegeübernahme braucht Kommunikation

„Pflege geben“ heißt stellvertretendes Handeln für Menschen, die im Moment ihre Alltagsfähigkeiten nicht erfüllen können. Sie sind durch Krankheiten beeinträchtigt und bedürfen wegen verschiedener Beschwerden zusätzlicher Aufmerksamkeit und therapeutischer Maßnahmen – dazu ist jede Menge pflegerisches Wissen erforderlich. Es wird erst allmählich wissenschaftlich fundiert. Daneben werden Kenntnisse über spezielle pathophysiologische Vorgänge und pharmakologische Abläufe gebraucht, ganz zu schweigen von psychologischen Gegebenheiten, soziologischen Tatsachen, Fakten der (sozialen) Versorgung, der Gesetzgebung usw.

Normalerweise leben wir autonom, selbstständig und höchst individuell – das Angewiesensein auf Hilfe ist für erwachsene Menschen unerträglich. Diese Situation zu erleichtern ist auch eine Aufgabe in der Pflege.  Zu allen Aspekten der Pflege gehört das Kommunizieren; Pflegende müssen mit dem Hilfesuchenden sprechen, um in seinem Sinne vorzugehen. Sie müssen den Menschen kennenlernen, Pflege mit ihm aushandeln (evtl. auch mit den Angehörigen). Neben dem Sammeln und Geben von Informationen kann die „sprechende Pflege“  vielerlei bewirken: Menschen trösten, ablenken, erinnern, wieder lächeln lassen, miteinander in Kontakt bringen. Beruflich Pflegende sind die „Hauptkommunikatoren“ für kranke Menschen, sie sind am dichtesten dran und 24 Stunden zuständig.

Da mehrere Personen Pflege leisten, ist auch eine Verständigung untereinander notwendig, zusätzlich müssen Gespräche mit anderen Berufsgruppen stattfinden.

Pflegeübernahme bedarf immer einer Beziehungsaufnahme; ich muss erkennen, welche Hilfe dieser Mensch braucht, welche Unterstützung er akzeptieren kann.

Sprechende Pflege wird gekürzt

All dies ist eigentlich klar, umso erstaunlicher, dass dieser Teil von Pflegearbeit beliebig ausgeführt und ständig weiter gekürzt wird. Pflegende selbst reklamieren die Interaktionsarbeit nicht, bei Engpässen geben sie Gespräche auf, erledigen alles „Handliche“ im Laufschritt. Da sich kaum Protest erhebt, wird die Bedeutung der sprechenden Pflege auch nach außen nicht sichtbar, Politik und Kostenträger verordnen Pflege  in Minutenwerten, Sprachkompetenz der Pflegenden scheint unwichtig. Die Idee „Pflegen kann jeder“ zeigt ja deutlich die Orientierung an Routinemaßnahmen.

Genau dieses Wegfallen der Interaktionsarbeit führt berufliche Pflege zu einem sinnentleerten Akkord; die Personen werden nicht adressiert, schon kurze Gespräche lösen bei Pflegenden ein „schlechtes Gewissen“ aus – weil andere Arbeit liegen bleibt. Kein Wunder, dass Pflegende unzufrieden und ausgebrannt sind, junge Menschen das Weite suchen.

Zwar sind in den Ausbildungsvorschriften die Felder der Kommunikation immer mehr ausgeweitet worden, auch in den Studiengängen wird hier mehr angeboten. Schaut man in die gängigen Lehrbücher, stellt man fest, dass die Kapitel zum Thema nur wenig Raum unter vielen Facetten einnehmen – innerhalb der Fachthemen werden sie kaum aufgegriffen.

Alle  Kompetenzmodelle und Pflegetheorien weisen auf Kommunikation als zentralen Bereich hin – die Pflege-Praxis „tickt“ jedoch anders. Irgendwie überleben, „re“-agieren statt mitzureden ist die Devise. Im Augenblick scheint es, als hätte es nie übergreifende theoretische Aussagen  über Pflege gegeben. Überall wird an Notmodellen gebastelt.

Ich wünsche mir sehr, dass die „sprechende Pflege“ verdeutlicht und aufgewertet wird, dass Pflegende um diesen Anteil kämpfen. Erst dadurch würde der Beruf die ihm zustehende Aufwertung erfahren.

Wissenschaftliche Bearbeitung steht noch aus

Während die Arzt-Patienten-Kommunikation gut erforscht ist (öffentlich finanzierte Sonderforschungsbereiche), bleibt dieses Thema in der Pflege marginal. Nur wenige Linguistinnen, meistens selbst mit Pflegevergangenheit, haben sich in Abschlussarbeiten der Gesprächsforschung in der Pflege gewidmet. Einige Bachelor-und Masterarbeiten aus meinem Umfeld beschäftigen sich mit Gesprächen in der Pflege. Im Laufe der zwanzig Jahre an der Universität habe ich mehrmals Forschungsanträge zur „sprechenden“ Pflege auf den Weg gebracht, auch zusammen mit Linguisten.

Überall stießen wir auf großes Unverständnis, „dass die Schwestern überhaupt mit den Patienten sprechen“ (?!). Zudem wurde darauf hingewiesen, dass es bisher kaum Forschungsergebnisse gibt, auf denen aufgebaut werden könne.

In einem studentischen Projekt (unveröffentlicht) im Department für Pflegewissenschaft der Universität Witten/Herdecke wurden Gespräche zwischen Patienten und Pflegenden auf einer chirurgischen Klinikstation über zwei Tage aufgezeichnet und ausgewertet. Das Projekt wurde linguistisch begleitet. Es zeigte sich, dass Pflegearbeit insgesamt von vielen kurzen Interaktionen flankiert ist und deutlich Anfragen von Patienten ausgehen; die Reaktionen der Pflegenden waren sehr unterschiedlich – häufig wurden Tätigkeiten schweigend „verrichtet“. Offenbar hat dieser unsägliche Begriff aus der Pflegeversicherung überall Wirklichkeiten geschaffen. Leider kommt es auch immer wieder vor, dass  sich Pflegende im Beisein der Kranken miteinander austauschen, auch über Privates, und den Patienten ignorieren. Eine „sprechende Pflege“ – falsch verstanden.

Jede Sprechgelegenheit nutzen

Zu fordern ist, dass jede Pflegesituation mit Interaktionen „aufgewertet“ wird, etwa beim Verbandwechsel immer ein (Befindlichkeits-) Gespräch erfolgt, die Körperpflege mit Mut machen verbunden wird, die Medikamentenausgabe mit Informationen usw. Auch sollte in den Pflegeteams über diese Gespräche berichtet und  eine gemeinsame Zielsetzung erarbeitet werden. Dass die Gesprächsarbeit auch dokumentiert werden muss, ist selbstverständlich.

In einem anderen studentischen Projekt wurde auf einer Krankenstation versucht, Hilfen für die Dokumentation von Gesprächen zu geben – bis dato wurden Interaktionen überhaupt nicht festgehalten. Es ergab sich das Problem, dass überhaupt zu viele Formulare bedient werden mussten, das (kurze) Aufschreiben von Gesprächsinhalten erschien überflüssig. Zwei Erkenntnisse begleiteten das Projekt: Den Pflegenden fehlten Begriffe, um Gespräche kurz und prägnant festzuhalten – dazu wurden Vorschläge erarbeitet. Weiter zeigte sich, dass Gespräche durchaus viel Zeit in Anspruch nehmen, insbesondere, wenn konflikthafte Situationen nicht gelöst werden und mehrere  Akteure beteiligt sind. So gab es bei einer Patientin über Tage zahlreiche Interaktionen mit uneinigen Familienmitgliedern, ob eine häusliche Versorgung in der palliativen  Lage möglich sei. In der Pflegeakte fanden sich jedoch dazu keinerlei Hinweise.

Pflege ist immer eine personale Begegnung

Im Grunde ist jede Pflegesituation eine personale Begegnung – mindestens zwei Menschen müssen sich aktuell vereinbaren. Wenn dieses Bewusstsein weiter verbreitet wäre, könnte Pflege nicht zu einer standardisierbaren Routinehandlung herabgewürdigt werden. Es gibt keine durchweg „einfachen“ Tätigkeiten, z.B. kann das Essen eingeben je nach Pflegebedarf eine hochkomplexe Angelegenheit sein – in anderen Fällen aber delegierbar. Patientenferne Tätigkeiten sollten von Assistenzpersonen übernommen werden.

Nicht immer sind Gespräche nötig, auch Berührungen, ein Nicken oder Lächeln können vieles bewirken. Die Hirnforschung zeigt in den letzten zehn Jahren, wie eng Denken, Fühlen und Handeln beieinander liegen, wie wichtig Gespräche sind – unser Handeln hängt ab von Überzeugungen, Emotionen. Eine selbstständigkeitsfördernde Pflege sollte sich diese Grundlagen zu eigen machen – wir brauchen dazu mehr Wissen, aber auch Handlungsmöglichkeiten. Diese überzeugenden Forschungsergebnisse finden kaum Eingang in die Praxis, auch nicht im Bereich der Medizin. Allerorten ist die Versorgung am Limit; wenn noch nicht einmal die Umsetzung der Schmerztherapie, die Hygiene, die Mobilitätsförderung oder die Sicherstellung der Ernährung gewährleistet sind – wo soll dann Raum für die sprechende Pflege bleiben? Dabei gibt es viele Hinweise dafür, dass gerade dieser Anteil Pflegende zufriedener in ihrem Beruf macht.

Hinweise gibt es auch, dass eine gute Versorgung in der Akutphase Menschen hilft, mit ihrer chronischen Krankheit besser fertig zu werden. Aus diesem Grund haben viele US-Kliniken ein Primary Nursing System eingeführt, gerade bei kurzen Aufenthaltszeiten – eine individuelle und sprechende Pflege führt zu besseren Ergebnissen. Hierzulande werden Chancen verschenkt, weil der Kontakt zu den Professionellen sich nur in knappen Routineversorgungen  erschöpft. Später müssen Patienten und Familien mühsam versuchen, Informationen und Unterstützung zu erhalten. Ursächlich ist unter anderem die unsinnige Segmentierung unseres Gesundheitswesens; in jedem Bereich entstehen neue Kosten, wirken andere Denkhorizonte und Vorschriften.

Es fehlen Forschungsergebnisse zur sprechenden Pflege  –  infolgedessen fehlt es auch an einer theoretischen Fundierung der umfangreichen Interaktionsarbeit in der Pflege. Bisher wurden einfach verschiedene Modelle aus der Psychotherapie übertragen.

Beispiele zur sprechenden Pflege

Es gibt nicht so viele Beispiele, dass Pflegende an ihrem Arbeitsplatz „nur“ sprechen, vielleicht in Beratungsfunktionen, evtl. auch in der psychiatrischen Pflege – aber auch hier werden eher berufsfremde Konzepte übertragen. Mein Arbeitsschwerpunkt sind daher die Gespräche im ganz normalen Pflegesetting. Im Jahr 2010 hat es in dieser Zeitschrift eine ganze Serie mit Alltagsgesprächen aus der Pflege gegeben – der Psychologe G. Bamberger hat diese Protokolle kommentiert und durchweg eine hohe Kompetenz bestätigt. Herr Bamberger meint, dass gerade die körperliche Pflegetätigkeit auch den Weg zu einem sprechenden Austausch bahnt, weil Vertrautheit herrscht und Barrieren sinken.

Seit etwa 18 Jahren gibt es Patienteninformationszentren (PIZ) hier, überwiegend an Kliniken. Diese Biblio-Mediotheken stehen unter pflegerischer Leitung und bieten Patienten-Familien eine sprechende Hilfe an. Sie sind in einem Verein zusammengeschlossen (www.patientenedukation.de). Es ist überwältigend, die Erfahrung der dort Arbeitenden zu hören – viele existentielle Situationen kennzeichnen die Arbeit.  Einige dieser Beispiele sind im unten genannten Buch wiedergegeben. Gerne werden Studierende oder Auszubildende als Praktikanten in den PIZs eingesetzt – vielfach erleben sie hier einzigartig die Möglichkeiten einer sprechenden Pflege.

Ein ganz anderes Beispiel stellt das Projekt „Die angehörigenfreundliche Intensivstation“ dar. Ich bin stolz, dass wir jetzt die 200.Intensivstation zertifizieren konnten – im Kern geht es dabei um großzügige Besuchszeiten für die Nahestehenden. Es zeigte sich aber auch, dass durch das Dasein der Verwandten mehr gesprochen wird – und: dass auch die Familie in einer Krisensituation ist. In den Re-Zertifizierungen weisen viele Intensivstationen Konzepte für die Angehörigengespräche aus, das ist für mich ein deutliches Zeichen einer Professionalisierung der Intensivpflege.

Bilanz zur sprechenden Pflege

Auf die Tagung am 6. Oktober 2015 möchte in an dieser Stelle nicht weiter eingehen, die Veranstaltung war erfolgreich und für mich sehr erhebend. Fast 200 TeilnehmerInnen erlebten ein großes Spektrum der „sprechenden Pflege“. Die Tagung ist recht gut dokumentiert, die meisten Präsentationen sind abrufbar unter www.uni-wh.de/pflege/Veranstaltungen

Insgesamt ziehe ich eine positive Bilanz zu allen Aktivitäten. Im Bereich der Information haben wir viel gestartet, die Broschürenarbeit salonfähig gemacht, Gesprächsleitfäden entwickelt, das Konzept „Mikroschulung“ auf den Weg gebracht. Unser Beratungsansatz der Wittener Werkzeuge versteht sich als Kommunikationsgefüge mit hohem Selbstpflegeanteil, er erfeut sich zunehmender Bekanntheit und Beliebtheit.

Am Schluss ist mir noch folgendes wichtig: vor etwa 20 Jahren, zu Beginn unserer Entwicklungsarbeiten zur Interaktion in der Pflege, haben wir in einer Gruppe bewusst den Oberbegriff Patientenedukation gewählt. Der Grund dafür war, dass international diese Bezeichnung gut eingeführt ist. Wir verstehen allerdings den Begriff sehr weit, als Schirm für alle psychologischen und pädagogischen Interventionen – ja sogar für die wichtigen Alltagsgespräche, kurze Befindlichkeitsversicherungen und nonverbale  Begleitungen. Daneben stehen die definierten „Säulen“ der Information, Schulung und Beratung. In den letzten Jahren habe ich Projekte zur Stützung pflegender Angehöriger im „Quartier“ geleitet, auch diese subsumiere ich unter „Patientenedukation“, denn es geht um Klärung und Stärkung der Klienten in Pflegezusammenhängen.

Leider wird der Begriff Patientenedukation oft falsch verstanden, als Erziehung oder als verhaltensorientierte Maßnahme. Verhaltensänderung ist eine psychologische und keine pflegerische Kategorie. Deswegen mein Appell: in anderen Bereichen etablierte Konzepte dürfen nicht ohne weiteres in die Pflege übernommen werden, sie sind passend zum Setting zu adaptieren.

Wir stehen vor einigen Reformen in der Pflege, dazu hoffe ich, dass die sprechende Pflege mehr Raum bekommt, sowohl in der Theorie als auch in der Praxis und in der Wissenschaft. Patientenseitig ist dies längst untersucht:  gewünscht werden Beziehung, Ermutigung, Wertschätzung und persönliche Ansprache.

 

Der Artikel wurde zuerst in der Ausgabe Pflege Professionell 4/2016 publiziert.

Über Angelika Zegelin 1 Artikel

Krankenschwester/Pflegewissenschaftlerin i.R., vormals Universität Witten/Herdecke und Mathias Hochschule Rheine,

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