Der Mythos Wechseljahre

Wechseljahre - (C) Stockwerk

Die Definition von Mythos laut Duden:
Sage und Dichtung von Göttern, Helden und Geistern; legendäre glorifizierte Person oder Sache.

Beim Begriff Wechseljahre kann von einer legendär-glorifizierten Sache nicht die Rede sein, zumindest nicht im westlichen Kulturkreis.

Die Wechseljahre, auch unter den Begriffen Menopause und Klimakterium bekannt, verursachen hierzulande bei Frauen eher unangenehme Gefühle und das Gute an der Sache lässt sich oft nur schwer erkennen. Die große Angst der Frauen vor den Wechseljahren hat meines Erachtens drei Gründe:

  1. als Frau abgewertet zu werden mit klischeehaften Aussagen wie selber schuld, soll sie halt Hormone nehmen oder da ist eh nichts dabei, frau soll sich nicht so hineinsteigern oder das sind alles hysterische Weiber oder auch die hat wohl ein Problem mit dem Frau-sein
  2. die große Sorge, an weiblicher Attraktivität zu verlieren, wo doch scheinbar das Maß aller Dinge die Jugendlichkeit ist und Wechseljahre unverkennbar mit dem Alter(n) zu tun haben

Zitat Coco Chanel: „Was eine Frau wirklich alt aussehen lässt, ist der verzweifelte Versuch, jung auszusehen. Außerdem ist es sinnlos …“

  1. die Angst vor Wechseljahr-Beschwerden wie Hitzewallungen, Schlafstörungen, Stimmungslabilität, Schwitzen-ohne-Ende, Inkontinenz, Gewichtszunahme, Gelenksschmerzen, Gedächtnisstörungen, Herz-Kreislaufprobleme und andere mehr.

Irrungen und Verwirrungen sind allerorts festzustellen. Das gesellschaftliche Bild, das eigene, oftmals viel zu kritische Frauenbild gepaart mit möglichen Wechseljahr-Beschwerden, machen das Leben schwer. Mangelnde Informationen, nicht genau Bescheid zu wissen, was genau im Wechsel passieren kann, sorgt für Beunruhigung bis hin zu Angst und Ablehnung.

Frauen gehen sehr unterschiedlich mit den eigenen Wechseljahren um. Manch eine denkt sich: Augen zu und durch! Hilft manchmal aber nicht immer, denn mit geschlossenen Augen lässt sich nicht so viel erkennen wie „sehenden Auges“.

Auch die Vogel-Strauß-Politik, den Kopf in den Sand zu stecken, ist wenig empfehlenswert, da die Wechseljahre zehn bis fünfzehn Jahre dauern können.

Die Wechseljahre sind eine natürliche und notwendige Lebensphase und in unserem Kulturkreis mit so vielen Vorurteilen, Kontrollversuchen bis hin zur Pathologisierung behaftet, wie kaum eine Lebensphase zuvor. Das macht es für Frauen, die unter diesen natürlichen Veränderungen mit Wechseljahrbeschwerden reagieren und belastet sind, ziemlich schwer, offen und ehrlich darüber zu reden. Die Wechseljahre haben derzeit ein eher schlechtes Image, was sich aber auch wieder ändern kann, wenn Frauen die nötige Selbstsicherheit und Selbstbestimmtheit an den Tag legen, wenn Gesundheit statt Krankheit im Fokus steht und Gender-Medicine selbstverständlich wird. Niemand käme auf die Idee, die Pubertät zu pathologisieren, obwohl auch diese Übergangsphase von hormonellen Veränderungen samt Auswirkungen geprägt ist.

Statistisch betrachtet wird davon ausgegangen, dass cirka ein Drittel der Frauen im Klimakterium beschwerdefrei ist, ein Drittel der Frauen gibt mäßige, gelegentlich auftretende Beschwerden an und ein Drittel leidet unter massiven Beschwerden, die sowohl im privaten wie auch beruflichen Umfeld größere Probleme nach sich ziehen.

Wechsel weltweit

In manchen Ländern und Kontinenten sind Frauen über die Wechseljahre hoch erfreut, bedeuten sie doch, dass sie nun als regellose Frauen nicht nur etwas zu sagen haben, sondern auch gehört werden. In vielen Kulturen wird das Alter hoch geschätzt. Nehmen mit den Jahren die körperlichen Kräfte ab, so kommt es zu einem Anstieg der geistigen Kräfte, dies gilt nicht nur für Männer, sondern auch für Frauen, selbst in patriachal stark ausgeprägten Gebieten. Gerade in Gebieten, wo Frauen vor der Menopause sehr untergeordnet leben, ist die Freude über diesen Reifungsprozess, den die Wechseljahre darstellen, besonders groß. Frauen nach der Menopause werden den Männern gleichgestellt.

In den Bergregionen Georgiens gibt es gleich zweimal Wechseljahre. Der Übergang von der Kindheit zur Jugend sowie der Übergang ins Alter tragen denselben Begriff. Eine nicht mehr menstruierende Frau ist rein; sie kann rituelle Aufgaben übernehmen, Gebetsplätze verwalten und ist sehr angesehen.
In Neuseeland steigt das Ansehen der Frauen mit ihrem Alter. «Die ältesten sind die Hüterinnen der Weisheit, des Wissens, der Tradition. Die Frau, die Kinder kriegt und nährt, ist zuständig für die körperliche Nahrung, aber die Frau nach der Fruchtbarkeitsphase ist zuständig für die geistige Nahrung.»
Bei den Maori-Frauen gibt es einen Ehrentitel: Kuia – weise Alte oder Kaumatua – die angesehene Älteste bei Versammlungen. Der dritte Lebensabschnitt ist gekennzeichnet vielen vielfältigen, neuen Tätigkeitsfeldern, gesellschaftspolitischen Tätigkeitsfeldern: Zeremonienmeisterin oder auf Stammesebene politische Aktivitäten übernehmen. (Quelle: Godula Kosak, Regellose Frauen2002)

Vieles im Leben und zwar weltweit, ist geprägt und beeinflusst von Einstellung und Haltung.

Wechsel-Spuren

Ob nun mit oder ohne Beschwerden: an keiner Frau geht der Wechsel spurlos vorüber! Männer bleiben übrigens auch nicht davon verschont. Dennoch ist die Andropause mit der Menopause nicht vergleichbar, wie grundsätzlich Männer und Frauen nicht miteinander verglichen werden sollten.

Die Produktion der männlichen Hormone, der Androgene, geht langsam zurück, ein Hormontief beim Mann entwickelt sich langsam. Wie bei Frauen gibt es ebenfalls individuelle Unterschiede, ob und wie stark ein Mann von den Auswirkungen der hormonellen Veränderungen betroffen ist.

Betroffene Männer leiden möglicherweise an Lustlosigkeit, Müdigkeit, Antriebslosigkeit, haben Hitzewallungen und Schweißausbrüche, Konzentrations-und Gedächtnisschwäche, die Muskelkraft und die Erektionsfähigkeit nimmt ab und der Bauchumfang zu. Die meisten Männer, aber auch MedizinerInnen nehmen diese Beschwerden nicht ernst oder stellen gar keine Verbindung zu Wechseljahren her. Gender Medicine macht Sinn!

Als Menschen sind wir eingebunden in die Zyklen des Lebens:
Geburt, Kindheit, Pubertät, Erwachsensein, Wechseljahre, Alter und Tod. Bewusste Wahrnehmung und Auseinandersetzung damit schafft ein psychosoziales Gleichgewicht und das betrifft Frauen und Männer gleichermaßen.

Die Wechseljahre werden für viele zu einer Zeit der Reflexion, des Loslassens, des Bereinigen, des Überprüfens, der Neuorientierung bis hin zum Neuanfang. Das geht nicht von heute auf morgen und darin liegt auch die große Chance der Wechseljahre, den Übergang gut zu meistern um in den reifen Jahren ein selbstbestimmtes, gutes Leben führen zu können. Die bewusste Auseinandersetzung mit dem Älterwerden bringt letztlich große Vorteile. Das Alter verliert seinen Schrecken.

Bedeutsame Fragen treten auf, wie:

  • Habe ich mir mein Leben so vorgestellt?
  • Soll das jetzt schon alles gewesen sein?
  • Was habe ich noch für Ziele, Wünsche und Pläne?
  • Wie will ich weiterleben?

Die Wechseljahre bieten Gelegenheit mit der Vergangenheit Frieden zu schließen, sich der eigenen Erfolge bewusst werden, auch der Misserfolge und sich selbst und anderen zu verzeihen.

Wann beginnt der Wechsel und wann hört er wieder auf?

Nach Einschätzung vieler Frauen beginnt der Wechsel zu früh und dauert zu lange. Das Alter und ein eventuelles Beschwerdebild geben weit mehr Aufschluss als beispielsweise ein Hormonstatus. Ein veränderter Hormonstatus ist lediglich die Bestätigung, dass frau im Wechsel ist oder auch schon postmenopausal.

Wechseljahr-Beschwerden auch Klimakterisches Syndrom genannt, können durchaus bei völlig unauffälligem Hormonstatus auftreten und tun es auch. Der Wechsel beginnt nicht erst mit dem Ausbleiben der monatlichen Menstruation und wird auch nicht sichtbar gemacht durch einen Hormonstatus, auch wenn dies fallweise dienliche Hinweise sind.

Die Empfindungen und Wahrnehmungen von frau sind ausschlaggebend, ob es sich um die Wechseljahre handelt oder hinter dem Beschwerdebild eine Krankheit steckt, letzteres ist durch entsprechende diagnostische Maßnahmen leicht abzuklären.

Frauen ab 40 haben möglicherweise noch viele Jahre einen regelmäßigen Menstruationszyklus und dennoch spüren sie den beginnenden Wechsel.  Meist spüren sie ein unspezifischen Unbehagen, Müdigkeit trotz ausreichender Erholungsphasen, Stimmungslabilität ohne erkennbare Ursache, erhöhte Empfindsamkeit, Körperfettzunahme um die Leibesmitte, die Cholesterinwerte steigen und der Blutdruck wird instabil. Die Monatsblutung schwankt ein wenig im Rhythmus, in der Qualität und in der Dauer.

Befindlichkeitsstörungen und das Alter der Frau sind richtungsweisend für eine Wechseljahre-Beraterin im Beratungsprozess.

Stadien der Wechseljahre
Prämenopause, Perimenopause, Menopause, Postmenopause.
Klimakterium praecox wird als vorzeitiger Wechsel (vor dem 40. Lebensjahr) bezeichnet.
Klimakterium virile oder Andropause  ist die Bezeichnung der männlichen Wechseljahre.

Hormonelle Veränderungen
Frauen haben nicht nur unterschiedliche Hormonwerte, sondern reagieren auch ganz unterschiedlich auf gleiche Hormonkonzentrationen.
Es ist anzunehmen, dass Schwankungen der Geschlechtshormone (Östrogen, Progesteron, Testosteron), der Botenstoffe sowie eine veränderte Schilddrüsen- und Nebennierenhormon-ausschüttung den Hypothalamus und das vegetative Nervensystem aus dem Gleichgewicht bringen. Der Hypothalamus reguliert nicht nur die Produktion der Geschlechtshormone, sondern auch die Körperwärme, Blutdruck, Stoffwechsel, Atmung und Schweißabsonderung. Die Verarbeitung von Gefühlen im Gehirn beeinflusst ebenfalls die Funktion des Hypothalamus und damit das Auftreten und die Stärke von Beschwerden (FFGZ 2009).

Der Wechsel ist keine Krankheit, auch wenn er sich so anfühlen kann.

Krankheiten sind diagnostisch nachzuweisen, um aber dem Wechsel auf die Spur zu kommen ist aufmerksames Zuhören und das Wissen um ganzheitliche Zusammenhänge nötig.

Nicht nur Hitzewallungen können ein Wechsel-Hinweis sein, es kann auch zum Wechsel gehören, wenn Gelenksschmerzen („Wanderschmerz“), Schlafstörungen, depressive Verstimmungen, Verdauungsbeschwerden und Lustlosigkeit auftreten.

Das muss aber nicht sein!

Medizin und Natur bieten Unterstützungsmöglichkeiten, aber vor allem kommt es auf eine gute Einstellung zu den Wechseljahren und zum eigenen Frauenbild an.

Die bewusste Auseinandersetzung mit dem Wechsel schafft beste Voraussetzungen für einen guten Übergang, vom Wichtigen zum Wichtigeren.

Hinter den Wechseljahren liegt eine große Freiheit. Das Wichtige zeigt sich klar und bleibt, ist aber nicht starr.

Hormontherapie

Hormontherapie ist eine medizinische Maßnahme für Frauen im Wechsel, ganz selten für Männer, bei der Hormone als Medikament verordnet werden, um das Klimakterische Syndrom zu minimieren und im optimalsten Fall zu beseitigen. Hilft manchmal, aber nicht immer.

Erfolgversprechend bei starken Hitzewallungen, Schweißausbrüchen und Beschwerden im Urogenitaltrakt (als lokale Hormonanwendung).

Vielleicht hilfreich, aber nicht sicher bei Schlaflosigkeit, Schwindel, Stimmungslabilität, Kopfschmerzen, Gelenkschmerzen, Haarausfall, Libidoverlust, Vergesslichkeit, chronischer Müdigkeit und noch anderen Wechselbeschwerden.

Wichtig: nach Ausschluss von Risikofaktoren, Hormone so kurz wie möglich und so niedrig dosiert wie nötig einsetzen (lt. FFGZ 6 Monate bis max. 2 Jahre).

Anwendungsformen: Tablette, Gel, Creme, Zäpfchen, Pflaster, Injektion, Kristall unter der Haut.

Risiken: Leber-und Galleerkrankungen, Thrombosen, Schlaganfall, Brustkrebs, Herzinfarkt, kognitive Beeinträchtigungen und Demenz.

Eine Hormontherapie ist keine starre Therapie, sowohl bei der Dosierung wie bei der Anwendung darf frau mit Unterstützung ihrer VertrauensärztIn ausprobieren.

Das Wichtigste ist, dass Frauen sich nichts einreden lassen, im Sinne von Hormone sorgen dafür, dass es dir gut geht oder Hormone sind schuld, wenn du Krebs bekommst.

Neben der Hormontherapie gibt es auch erfolgversprechende Behandlungen mit naturidenten Hormonen, mit pflanzlichen Hormonen und  andere Methoden, wie TCM, Ayurveda, Aromatherapie, Schüsslersalze, Hildegard von Bingen oder Traditionell Europäische Medizin.

Naturheilkunde im Wechsel
Rotklee
Traubensilberkerze
Frauenmantel
Schafgarbe
Salbei
Damiana
Yamswurzel
Süßholz
Ginseng
Passionsblume
Hopfen
Fenchel
Mönchspfeffer
Dong Quai
Lavendel
Melisse
Nachtkerze
Johanniskraut
Granatapfel
Soja
Leinsamen
Vit. B-Komplex
Omega3-Fettsäuren
Zink
Selen

Jede Frau trägt intuitiv das Wissen in sich, was ihr gut tut, doch fachkundige Unterstützung durch ausgebildete Wechseljahre-Beraterinnen oder andere ProfessionistInnen erleichtert die Spurensuche und führt schneller zu Wohlbefinden.

Die Säulen der Gesundheit sind auch in den Wechseljahren, Ernährung – Bewegung – Entspannung. Fachkundige BeraterInnen besitzen das erweiterte Wissen um eine wechselfreundliche Ernährung / Bewegung und Entspannung. Jede Zeit hat ihre Spezifika, so auch die Wechseljahre, in denen allgemein Gültiges nicht unbedingt anwendbar ist.

Für die Wechseljahre gibt es keine allgemein gültige Regel!

Erfolg hängt von der Complaince, vom Dranbleiben, von der Geduld, dem Lebensstil und vom Interesse für das eigene Wohlbefinden ab. Nicht immer leicht, aber es lohnt sich!

Vielen Frauen in dieser Zeit gelingt es besser als je zuvor „Ganz-Ich-zu-sein“. Wenn die Turbulenzen sich legen, der Tanz der Hormone seinen harmonischen Rhythmus findet, dann ist wieder Balance hergestellt und die Lust am Leben besser als zuvor.

Als erwiesen gilt, dass Frauen, die ein erfülltes, zufriedenes Leben führen, die sowohl am Arbeitsplatz wie auch im Privaten mit Wertschätzung und Respekt behandelt werden, keine bis geringe Beschwerlichkeiten haben.

Empathie, Respekt und Liebe sind wesentlichen Zutaten für „…ein prima Klimakterium“ (M.Sägebrecht).

 

Literaturempfehlungen:

Marianne Sägebrecht (2.Auflage 2012): Auf ein prima Klimakterium, Meine Ratschläge und Geschichten für das reife Weibsbild von heute, 2012 nymphenburger in der F.A.Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München

Dr.med. Christiane Northrup (2. Auflage 2003):  Wechseljahre, Selbstheilung, Veränderung und Neuanfang in der zweiten Lebenshälfte, Verlag Zabert Sandmann, München

Anda Dinhopl: Frauenkräuter, Das Handbuch für Frauen, Milena Verlag 1999

Julia Onken (294.-314. Tausend.2006): Feuerzeichenfrau – ein Bericht über die Wechseljahre, Verlag C.H.Beck oHG, München 1988

Sabine Asgodom (11.Auflage 2010): Lebe wild und unersättlich, 10 Freiheiten für Frauen, die mehr vom Leben wollen, 2007 Kösel-Verlag, München

 

Autorin: Karin Grössing
Titel: Der Mythos Wechseljahre
Ausgabe: Pflege Professionell 01/2015
Link: Zur kompletten Ausgabe

Über Karin Grössing 6 Artikel

Diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester, Wechseljahreberaterin, Kontinenz- und Stomaberaterin

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