Das Mutterkraut – „Österreichs Arzneipflanze des Jahres 2017“

Tanacetum parthenium

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Am 15. Februar 2017 wurde erstmals die Arzneipflanze des Jahres in Österreich durch die Herbal Medicinal Products Platform Austria (HMPPA) ausgesprochen: Das Mutterkraut (Tanacetum parthenium). Das manchmal mit der Kamille zu verwechselnde Kraut, fand bereits im Altertum eine vielfältige Anwendung. Der Gattungsname „parthénium“ ist griechisch und bedeutet „Jungfrau“ woraus sich die Anwendungsbereiche ableiten lassen. Als bekanntes Frauenkraut hat es Dioskurides ebenso angewandt, wie Hildegard von Bingen bei sämtlichen Frauenleiden, in der Geburtsheilkunde und bei Verdauungsbeschwerden, Kopfschmerzen, Rheuma. Fast in Vergessenheit geraten, interessierte sich die Forschung in den 1970er für das Kraut und begann mit der Untersuchung der Inhaltsstoffe und Wirkungsweise. Bestätigt wirkt es aufgrund ihrer Inhaltsstoffe unter anderem als entkrampfende (auf die glatte Muskulatur), entzündungshemmende Migräneprophylaxe.

Das Mutterkraut (Tanacetum parthenium) gehört zur Familie der Asteraceae (Korbblütler) und ist eine 30-80cm hohe, mehrjährige, krautige Pflanze. Der Stiel aufrecht unverzweigt, am Ende verästelt wird von wechselständig angeordneten, breit eiförmig, fiederschnittigen gelbgrünen Blättern bestückt. Die 1,2-2,2cm großen, weißen Blütenköpfe sind von Juni bis August, in wärmeren Gegenden bis September und erinnern an eine Kamille oder Margerite. Die Früchte sind 1,2-1,5 mm lange, kreisförmige, 5 10rippige Achänen mit Pappus. Das Mutterkraut wächst in Gärten, an Zäunen, auf Schuttplätzen und kommt ursprünglich aus Südosteuropa, ist jedoch schon seit Langem in Australien, Europa, Nordamerika anzutreffen. In Spanien, England und Mitteleuropa wird das Mutterkraut in Kulturen angebaut und bevorzugt ammoniakalische, lehmige Böden. Das Mutterkraut riecht kampferartig, an Kamille erinnernd und schmeckt stark bitter und scharf.

Historisches
Tanacetum, die griechische Bezeichnung für Reinfarn, parthenium aus dem Griechischen bedeutet „Jungfrau, jungfräuliche Göttin“. Vor der Einstufung durch die binäre Nomenklatur von Carl von Linné (1707-1778) hieß das Mutterkraut noch Matricaria parthenium / vulgare, was den Vulgärnamen „Mutterkraut“ erklärt. Zu dieser Zeit bezog sich der Name „Tanacétum“ ausschließlich auf den Rainfarn, auch Wucherblume genannt. ¹ Bei den Vulgärnamen gibt es ebenfalls einige Bezeichnungen, wie Fieberkraut, Jungfernkraut, Mägdeblume, Matram, Mutterkamille, Falsche Kamille, Sonnenauge, die im deutschsprachigen Raum gängig sind. Es ist synonym auch unter Chrysanthemum parthenium zu finden, was zusätzlich die Zuordnung historischer Schriften erschwert. Jedoch finden sich allerlei Hinweise für die Verwendung von Mutterkraut in der Geschichte. In der griechischen Antike wurde sie bereits für die Erleichterung der Geburt, was die entspannende Wirkung von Sequiterpenen auf die glatte Muskulatur bestätigt. Zur karolingischen Zeit, mit Ausbreitung des Benediktinerordens gelangte die Pflanze unter dem Namen „matrona“ und „febrafugia“ nach Mittel- und Nordeuropa. Nach rascher Verbreitung, wurde das Mutterkraut hochgeschätzt. Selbst Karl der Große führte das Mutterkraut in der Landgüterverordnung („Capitulare de villis“ (812 n. Chr.)) an. Hildegard von Bingen (1098-1179) empfahl das Mutterkraut ebenfalls in ihren Schriften:

„Die metre („Mutterkraut“), lateinisch „febrefugia“, ist warm und hat einen milden Saft; dieser ist für schmerzende Eingeweide wie eine sanfte Salbe. Denn wer in den Eingeweiden Schmerzen hat, der koche metram mit Wasser und Fett oder Öl, gebe feines Weizenmehl dazu und bereits so ein sůffen („Brühe“). Dies esse er, und es heilt seine Eingeweide. Wenn Frauen die Monatsregel haben, sollen sie dieses sůffen, wie oben beschrieben, zubereiten und essen. Es führt den Schleim und den inneren Unrat schmerzlos und leicht ab und bewirkt, dass die Monatsregel schmerzlos abgeht. Ein Mensch, der stecheden („Stechen“) hat, nehme den Saft des Mutterkrauts sowie Kuhbutter, mische das zusammen und reibe sich an den schmerzenden Stellen ein; er wird geheilt werden.“ ²

1772 empfahl der englische Apotheker John Hill Mutterkraut: „Beim Schlimmsten Kopfschmerz übersteigt dieses Kraut alles was man sonst kennt…“ Lange Zeit geriet das Mutterkraut in Vergessenheit. In keinen bekannten Büchern der Jahrhundertwende wird das Mutterkraut mehr genannt und fristet ein unbeachtetes Nebendasein in vielen Gärten.

1973 gelang das Mutterkraut aufgrund eines britischen Artikels, es habe eine Frau aus Wales von Migräneattacken nach 10-monatiger Einnahme befreit. Ein Grund für die Wissenschaft sich dem Kraut zu widmen und die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken.

Wissenschaftliche Bestätigung
Das Mutterkraut hat durch die jahrelange Erforschung eine positive Monographie von sowohl der EMA (European Medicines Agency), als auch der ESCOP (European Scientific Cooperative on Phytotherapy) erhalten, was eine anerkannte Wirkungsweise und Anwendung und somit einen jahrhundertealten Erfahrungsschatz bestätigt.

Folgende Wirkungsweise wird bestätigt:
• hemmt überschießende Serotoninfreisetzung Sesquiterpenlactone
• normalisiert die Vasomotorik
o Sesquiterpene hemmen die durch Acetylcholin, Serotonin, CGRP, Histamin, Prostaglandin E2 und Bradykininausgelöste Vasodilatation) ³
o Parthenolid hemmt spannungsabhängige Ionenkanäle (u.a. TRPA1 Kanäle) in glatten Muskelzellen ⁴
• reduziert die Freisetzung von Entzündungsmediatoren
o Sesquiterpenlaktone besitzen entzündungshemmende und analgetische Eigenschaften
o Flavonoide wirken antioxidativ und entzündungshemmend ⁵

Es finden aktuell zusätzlich Studien in der Krebstherapie statt, nachdem Untersuchungen ergeben haben, dass Parthenolid das Wachstum der Nervenzellen beschleunigt.

Volksheilkunde
Anwendung findet sich seit jeher bei Frauenbeschwerden, vor allem jene, die krampfartig bestehen, wieder. Regulierend auf die Monatsblutung bei unregelmäßigen Zyklen, wird das Mutterkraut über einen längeren Zeitraum verabreicht. Zur Behandlung von Allergien wird Mutterkraut ebenfalls herangezogen, da die Sesquiterpene eine histaminbedingte Erweiterung der Blutgefäße hemmt. Eine Besserung soll das Kraut bei rheumatische Beschwerden und Arthitis aufgrund des Parthenolids hervorrufen. Es wirkt gut bei Begleitsymptomen einer Migräne, wie Übelkeit, Erbrechen und Schwindel und als Prophylaxe gegen Migräneanfälle.

Sammeln & Nutzen
Die Kräuter sollten in der Regel kurz vor der Blüte am späten Vormittag von Juni – August, junge Blätter auch im Frühjahr nach einem trockenen Tag, geerntet werden. Bei der Ernte ist Vorsicht geboten, da es bei empfindlichen Menschen oder bei bestehen einer Korbblütlerallergie zu Hautreizungen führen („Wiesendermatitis“) kann. Die Trocknung findet entweder auf Trockenrahmen oder büschelweise verkehrt aufgehängt an einem trockenen, kühlen Ort statt. Wenn die Kräuter hörbar rascheln, sind sie bereit für die Lagerung, die in Gläsern oder Papierbehältern (Säcke, Schachteln, Boxen, …) zu bevorzugen ist.

Verwendet wird das Mutterkraut oftmals in Form eines alkoholischen Auszuges, der sogenannten Tinktur, oder als Tee, auch Aufguss genannt. Dosierungsempfehlungen lt. ESCOP-Monographie liegt bei 0,2-0,6mg Parthenolide.

Tee: ca. 150mg vom Kraut als Teeaufguss
• bei Menstruationsbeschwerden morgens auf nüchternen Magen,
• als Migräneprophylaxe 2-3 Tassen über den Tag verteilt).

Tinktur: 2x tgl. 5-10 Tropfen

Da sich die Wirkung lange aufbaut, wird eine Einnahme von mind. 3 Monaten empfohlen. Die besten Ergebnisse wurden nach einer Einnahme von 6 Monaten erzielt. NICHT empfohlen wird die Einnahme während der Schwangerschaft oder zur Stillzeit. Um einen „Rebound-Effekt“ zu verhindern, wird von einer abrupten Beendigung der Einnahme abgeraten. Heißt, dass die Symptome sonst wieder auftreten und das oftmals verstärkt und intensiver als zuvor. Nebenwirkungen können leichte Magendarm-Beschwerden, Mundschleimhautreizungen beim Kauen der Blätter, Durchfall bei hoher Dosierung sein.

Grundrezept
1/3 zerkleinertes Kraut, 2/3 Alkohol (mind. 40%ig) in ein verschließbares Gefäß geben; mind. 6 Wochen an einem sonnigen Platz ziehen lassen und mehrmals täglich gut schütteln. Eine Tinktur ist ein alkoholischer Auszug aus getrockneten Kräutern. Die Urtinktur hingegen wird mit frischen Kräutern angesetzt. Nachdem die Tinktur lange genug gezogen hat, gut gefiltert in kleine Fläschchen abfüllen. Haltbarkeit: mind. 1 Jahr

Die Arzneipflanze des Jahres 2017
„Die Wissenschaft gewinnt nicht nur ständig neue Erkenntnisse über die Wirkung der traditionellen Arzneipflanzen, auch neue Pflanzenwirkstoffe halten Einzug in die Medizin. Aus diesem Grund wählen deutsche Wissenschaftler der Universität Würzburg seit 1999 alljährlich die Arzneipflanze des Jahres. Nach diesem Vorbild hat sich die Herbal Medicinal Products Platform Austria (HMPPA) – bestehend aus Experten der pharmazeutischen Institute der Universitäten Graz, Innsbruck und Wien – ebenso zur Aufgabe gemacht, die Wahl der Arzneipflanze des Jahres in Österreich zu etablieren. Die Arzneipflanze des Jahres 2017 wurde unter Berücksichtigung folgender Kriterien gewählt:

• Bezug zu Österreich
• wissenschaftlich aktuell interessant: neue Studien, Forschungsthema eines Instituts, Stimulation von Forschung, Würdigung von vorliegenden Ergebnissen
• Bedeutung in der Medizin und Pharmazie
• wirtschaftliche Bedeutung
• neue Indikationsgebiete
• Aktuelles zu Qualität oder Anbau
• ausgeschlossen werden in Deutschland ausgerufene Arzneipflanzen des Jahres der letzten Jahre wie Saathafer, Kümmel, Johanniskraut, Spitzwegerich, Kapuzinerkresse, Süßholz, Passionsblume und Efeu.“ ⁶

Hauptinhaltsstoffe
• Sesquiterpenlactone (0,5-2%) (Pathenolid (Leitsubstanz)),
• äth. Öl (0,5-0,9%, Kampfer, Chrysanthenylacetat),
• Flavonoide, Lipophile Flavone und Flavonole,
• Sterole

Fußnoten
1. Etymologisches Wörterbuch der botanischen Pflanzennamen von Helmut Genaust | Nikol (ISBN: 978-3-86820-149-9), 2012
2. Hildegard von Bingen – Das Buch von den Pflanzen | Otto Müller Verlag, 2007 (ISBN: 978-3-7013-1130-9), Kapitel CXVI
3. Hay AJ, Hamburger M, Hostettmann K, Hoult JR (1994) Inhibition of smooth musclecontractilitybyplant-derivedsesquiterpenescausedbytheirchemicallyreactivealpha-methylenebutyrolactonefunctions. BrJ Pharmacol112 (1):9-12.
4. MaterazziS et al (2013) Parthenolide inhibits nociception and neurogenic vasodilatation in the trigeminovascular system by targeting the TRPA1 channel. Pain154(12):2750-2758
5. Porträt der Arzneipflanze des Jahres 2017: Mutterkraut (Tanacetum parthenium) Univ.-Prof. Dr. Rudolf Bauer, Institut für pharmazeutische Wissenschaften Karl-Franzens-Universität Graz, Wien HMPPA Mutterkraut 2017.pdf, 2017
6. Presseinformation „Arzneipflanze 2017 – Pharmazeutische Nutzung und ihre Bedeutung in der Medizin“, Pressemappe_Arzneipflanze_2017.pdf, 17.02.2017

Quellen
Heilpflanzen – Praxis heute: – Band 1 Arzneipflanzenportraits von Siegfried Bäumler | Urban & Fischer (ISBN: 978-3437572722), 2. Auflage, 2012, S. 435ff

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