Danke, es geht allein schwer genug

(C) Lisa F. Young

Pflege und Betreuung sind Herausforderungen der besonderen Art. Wer sie alleine schultern muß, kann rasch an seine Grenzen kommen.

Hard facts: Ca. 450.000 Menschen beziehen Pflegegeld – sie werden zumeist von ihren Angehörigen und Zugehörigen betreut, manchmal auch von mehreren Personen. Dazu kommen noch 42.700 Kinder zwischen 5-18 Jahren, die helfen, so gut sie können. Die Dunkelziffer all jener, die kein Pflegegeld beziehen aber dennoch von ihren Angehörigen betreut werden, kennt niemand…

80 Prozent der zu Pflegenden werden daheim gepflegt, teilweise mit Unterstützung durch mobile Dienste.
80 Prozent der pflegenden Angehörigen und Zugehörigen sind Frauen.
Bis zu 40 Prozent dieser Frauen sind erwerbstätig.

Und plötzlich ist alles anders…
Es kann jeden Tag und jedem von uns geschehen. Was gestern noch unvorstellbar war, ist plötzlich harte Realität. Ein Mensch, der einem nahe steht in welcher Form auch immer braucht sofort Pflege und Betreuung. Ein kleiner Vorgeschmack darauf, wie es sein könnte ist schon ein gebrochenes Bein mit einem Liegegips, das hilfsbedürftig macht. Auch wenn die Zeit bis zur Wiedergenesung absehbar ist, es ist ein erster Eindruck, wie es sein könnte wenn…

Wie es dann tatsächlich ist, wenn Pflege und Betreuung nicht einfach in einigen Wochen wieder in den Normalzustand zurückführen, das erleben Hunderttausende Menschen tagtäglich. Die Welt gerät sehr rasch aus den Fugen. Zumeist sind es Frauen, die diese Sorgearbeit  übernehmen. So als ob es Gottgewollt wäre, und weil es schon immer so war. Die vielzitierte und in der Realität sehr selten vorhanden gewesene Großfamilie hätte angeblich diese Herausforderung gut gemeistert. Dass in Wirklichkeit solche Familienstrukturen zumeist wirtschaftliche Hintergründe hatten und nicht Liebe und Eintracht versprochen haben, schon gar nicht aufopfernde Pflege und Betreuung, scheint in Vergessenheit geraten zu sein. Die Industrialisierung und Technologisierung der letzten 100 Jahre haben Wohn- und Lebensstrukturen entstehen lassen, in denen selbst bei bestem Willen das Zusammenleben mehrere Menschen schon räumlich nicht möglich ist.

Zugleich aber gehen die Tendenzen ganz stark dahin, gerade Pflege und Betreuung in den privaten Bereich auszulagern. Einerseits wird damit sehr häufig der Wunsch erfüllt, daheim bleiben zu können. Andererseits entlastet sich auch das System damit. Wo also ist denn da das Problem?

Wenn aus einer Notsituation ein Dauerzustand wird
Pflegende Angehörige und Zugehörige sind Menschen, die rascher als sie es sich vorgestellt haben, in eine Falle geraten. Die Übernahme dieser Aufgabe schränkt ihre persönliche Freiheit ein und lässt sie gemeinsam mit ihren Pflegebedürftigen aus dem sozialen Umfeld verschwinden. Die eigenen vier Wände werden Pflegestation, werden so gut wie möglich adaptiert dafür, geben einerseits eine Form von Sicherheit und bilden andererseits eine Form von permanenter Abhängigkeit. Umso länger dieser Zustand anhält, umso gefährlicher wird er auch. Liebe und Zuwendung allein reichen nicht aus. Pflege und Betreuung wird sehr oft auch mit persönlichen finanziellen Nachteilen geleistet, wenn die eigene Erwerbstätigkeit eingeschränkt wird. Die Auswirkungen auf das eigene Leben, bis hin zur eigenen Pensionsleistung von pflegenden Angehörigen, ist einer der bekannten Pferdefüße dieser existenziellen Situation.

Gibt es Licht am Horizont?
Dass private Pflege und Betreuung volkswirtschaftlich hohen Nutzen und Stellenwert hat, ist mittlerweile unbestritten. So haben sich im Laufe der letzten Jahre immer mehr Entlastungsangebote entwickelt, die zumindest einen Teil der Belastung kompensieren können. Dass sie sehr oft nicht ankommen wo sie am dringendsten gebraucht werden, ist aber ebenfalls evident. Wer in einer Falle sitzt, hat oft genug zu wenig Möglichkeiten, sich Unterstützung zu organisieren. Dazu kommt, dass in den wenigsten Fällen Menschen sich während der sogenannten gesunden Zeiten mit der Frage auseinandersetzen, wer, wie und wo gepflegt und betreut werden kann. Zu groß sind die Ängste vor der eigenen Verletzlichkeit, die diese Lebenssituation darstellt.

Ein kleines Licht am Horizont sind die mittlerweile langsam entstehenden Plattformen, die relativ einfach über verschiedene Kanäle erreichbar sind. Sie sind auch dann nutzbar, wenn pflegende Angehörige und Zugehörige immer mehr isoliert leben und im Verborgenen bleiben.

Was fehlt, um die  Themen die Pflege und Betreuung, die oft erst mit dem Lebensende des zu pflegenden abgeschlossen ist, zu einem kalkulierbaren und einschätzbaren Zustand zu machen, ist die Enttabuisierung. Wer sich in einem Zusammenleben zumindest ansatzweise der Frage stellt, was machen wir, wenn es geschieht, hat einen ersten Schritt dazu gemacht.

Darüber in guten Zeiten zu reden, die Möglichkeiten nicht auszuklammern sondern einzukalkulieren, ist keine Form der Lieblosigkeit sondern im Gegenteil,  gut gelebte soziale Verantwortung miteinander zu teilen. Weil es schwer ist, im Fall des Falles allein damit zurechtzukommen.

Birgit Meinhard-Schiebel
Präsidentin der Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger
www.ig-pflege.at

 

Der Artikel wurde zuerst in der Ausgabe Pflege Professionell 4/2016 publiziert.

Über Birgit Meinhard-Schiebel 6 Artikel

Schauspielerin, Erwachsenenbildnerin, Werbekonsulentin, Sozialmanagerin, seit 2016 Präsidentin der Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger, seit 2015 Gemeinderätin/Landtagsabgeordnete Wien

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