DE: Cockpit Notruf – Blickwinkel auf den Deutschen Pflegetag 2017

von h(ot)_steppe

(VRD)

„Sagen Sie mal….“ sagt meine Nachbarin im ‚Cockpit Pflege’ einem Slot beim Deutschen Pflegetag , „den Moderator kenn ich doch irgendwo her….?“

Ich antworte: „Ja, sicher, das ist Hans Meiser“.

Der wirft derweilen die Moderationskarten zum dritten Mal runter.

‚Ach, Hans…’, denk ich noch mitfühlend vor mich hin, als ich schon in gewohnt gekonnter Manier Erwin sprechen höre. Erwin Rüddel. Er kommt immer wieder, denk ich. Der Unvermeidliche. Klar. Gewählt. In den Bundestag. Ein CDU Abgeordneter. Spricht über Pflege. Er lobt sich und die Bundesregierung. Einlullend, unverdächtig und durchaus vertrauenserweckend. Ja, Herrn Rüddel könnte man auch die Heizdecke abkaufen im Face to Face Gespräch auf der Fähre nach Helgoland. Ich spüre ein klein wenig Mitleid mitschwingen…

„Hören Sie mal…“ flüstert die Frau neben mir, „wie hieß denn eigentlich die Sendung mit Hans Meiser?“

Ich antworte prompt: „Notruf!“

„Jaaaa!! Genau!“ ruft sie und alle schauen sie jetzt an.

Aber nur kurz. Denn Erwin Rüddel sagt gerade, er sei gar nicht gegen die Generalistik. Alle Köpfe drehen sich verwundert zu Erwin. Die Erleuchtung? Und wir alle live dabei???

“Herr Rüddel“, spricht daraufhin eine Pflegende ins Mikrofon „wie kommt es eigentlich, dass ich heute morgen noch auf Ihrer Homepage lese, dass sie sowohl gegen die Kammer als auch gegen die Generalistik seien?“

Erwin Rüddel entgegnet darauf, dass er gar ja gar nicht gegen die Generalistik sei aber er könne auch nicht dafür sein, denn eigentlich sei ja alles gar nicht so einfach. Wegen der Altenpflege. Niemand darf ausgeschlossen sein. Er redet dahin und Mechthild Rawert von der SPD meldet sich derweilen zu Wort.

Hans Meiser sucht schon wieder seine Moderationskarten.

„Ja, Frau Rawert“ sagt Hans Meiser im Bücken „sagen Sie ruhig auch mal was“ und bringt irgendwie seine Kärtchen in Ordnung.

Frau Rawert teilt jetzt aus. Erwin blockiere das Gesetz.

„Wissen wir!“ ruft einer aus dem Publikum.

„Erwin wird heut sicher nicht mehr glücklich“, raunt mir jemand ins Genick.

‚Ach’, denk ich so vor mich hin, ‚der sieht eigentlich ganz ruhig und zufrieden aus’. Hans Meiser greift nochmal tief in die Klischeekiste und fragt sich, wie Erwin Rüddel wohl in weißen Pflegerhosen und Kasack aussähe.  Erwin Rüddel ist offensichtlich irritiert und will es sich scheinbar selbst nicht vorstellen, aber Meiser lässt nicht locker, ob er denn auch schon mal den Allerwertesten von pflegebedürftigen Menschen abgewischt habe….

„Wir verbieten uns diese Sprache“ sagt eine Pflegende jetzt im Publikum ins Mikro und bereits nach 10 Minuten ist das Niveau – ohne das man irgendwas über eine Stellungnahme irgendeiner Partei am Podium erfahren hätte – am Tiefpunkt angekommen. Aber das ist mitnichten der Nachfragerin geschuldet, sondern den Rüddels und den Meisers.

Ach ja, es war ja auch noch Frau Scharfenberg von DEN GRÜNEN da. Sie freue sich auf die Altenpflegemesse sagt sie, da sind sie wieder mehr gegen die Generalistik und Hans Meiser nimmt dankbar den Ball auf und wechselt gleich das Thema. Zur Prostitution nämlich und meint wohl Sexualassistenz damit. Denn Frau Scharfenberg muss, wenn sie schon methodisch anfällige Umfragen in der Öffentlichkeit aufwirft, wenigstens ein „Pflegethema“ vertreten.

Die Frau von DEN LINKEN sagt auch was: „Mein Zug fährt jetzt. Danke dass ich hier sein durfte!“

Dann steht auch die Frau neben mir auf und geht.  Dankbar gehe ich mit.

Beim rausgehen sagt sie zu mir. „Also wenn die Sendung Notruf hieß, wo war dann eigentlich der Knopf?“

„Der Notrufknopf“, frag ich?

Sie lacht. „Ich habe heute Gott sei Dank mal meine Blutdrucktabletten genommen“, meint sie nur, „wissen Sie, ich komme aus Bayern und da hat der Gesundheitsmann Irlsvogel oder wie er heißt von der CSU, der im Bundestag sitzt, gestern dem Pflegepräsidenten öffentlich den Vogel gezeigt. Ich war derart empört und schäme mich heut noch für ihn“.

Tolle Frau denk ich. Humorvoll, überzeugt für und von der Pflege, viel erlebt. Hat sicher schon viele Menschen gepflegt…

Beim Weggehn frag ich sie noch „Wen wählen Sie eigentlich?“

Sie biegt ab zu einer Bekannten, die ihr winkt und ruft nur kurz „Unwählbar, alle!! Aber ich werde in den Evaluationsbogen schreiben, sie sollen ‚Cockpit Pflege’ in ‚Cockpit Notruf’ umbenennen“.

Dann umarmt sie ihre Freundin. Und sie regen sich furchtbar auf und gehen an den Kaffeestand.

Ich schmunzle und denke. Danke, Erwin. Feinstes Kabarett am Pflegetag 2017!  Das wird schwer zu toppen sein nächstes Jahr. Deine Partei dankt es Dir.


Wir haben natürlich einen Experten gefragt, was wir von dem eingesendeten Text halten sollen:

Einwurf von Prof. Dr. Michael Bossle, MScN

Der Deutsche Pflegetag 2017 in Berlin stand unter dem Motto „Die Pflege hat die Wahl“. Für insgesamt 8000 Besucher brachte der Kongress politisch harte Fakten ans Licht:

Bundesgesundheitsminister Gröhe und sein Patientenbeauftragter Laumann stehen klar ein zur Generalistik. Der Gesetzesentwurf steht einzig und allein wegen einzelner (arbeitgebergetriebener) Abgeordneter, die sich offen gegen die professionelle Pflege positionieren, zur Debatte. Neben dem eklatanten Totalausfall eines Abgeordneten Rüddel (CDU) an einem Podium (siehe Bericht h(ot)_steppe) zeigt ein gewählter Volksvertreter der CSU aus einem oberbayerischen Wahlkreis – der überdies im Gesundheitsausschuss sitzt – dem Pflegepräsidenten bei seinem Grußworten öffentlich den „Vogel“. Für die Pflegenden ist dies inzwischen mehr als ein Fauxpas.

Neben dem klaren „Ja!“ der Fachministerien zur Generalistik gibt es aus deren Sicht für Kompromisse eine klare „rote Linie“ (O-Ton Gröhe und Laumann).

Obwohl 15 von 16 Bundesländern dem PflBRefGesetz zustimmen, kann der Berliner „Verve“ einzelner Abgeordneter und die wie auch immer verquickte Interessenvertretung der Arbeitgeber aus der Altenhilfe ihre Impulse setzen.

Was heißt das?

  1. Die Pflege hat die Wahl heißt, dass Pflege auch wählt. Und dass Pflege auf keine Parteiprogramme vertrauen kann, zeigt der unterschiedliche Weg der Parteien im Bund und den Ländern.
  1. Pflegewahlen sind mittlerweile vor allen Dingen Persönlichkeits- und Vertrauenswahlen. Jede/r gewählte/r Volksvertrer/in tut deswegen gut daran sich das Thema Pflege aus der Perspektive der professionellen Pflege zu erschließen. Wer dies nicht tut, fällt durch (siehe Berichterstattung h(ot)_steppe).
  1. Wer der Pflege abspricht sie zum Gegenstand von Wahlprogrammatik zu machen muss sich dringend die Frage stellen, ob er die Regeln der Demokratie verstanden hat oder nicht.
  1. Die Pflege hat die Wahl heißt, dass die Pflege anno 2017 sehr genau hinsieht wer sich für oder gegen eine zeitgemäße und menschenwürdige Pflege stellt oder nicht!

Die Neuordnung des Pflegeberufs und die Positionierung zur echten Selbstbestimmung der Pflege wird zukünftig Pflegewählende dazu treiben wo sie ihr Kreuz bei der nächsten Bundestagswahl setzen!


Beide Texte sind Einsendungen und spiegeln die Meinung der jeweiligen Personen wieder. Die Inhalte, Aussagen, Copyright und Verantwortlichkeit bleibt weiterhin bei den schreibenden Personen

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