Bleibt die Zukunft der Arbeit menschlich?

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Am Ende des vergangenen Jahres hat das McKinsey Global Institute in einer Studie dargelegt, dass bis zum Jahr 2030 weltweit zwischen 75 und 375 Millionen Arbeitnehmer ihren Job aufgrund der Automatisierung wechseln müssen. Die Autoren der Studie heben die Chancen dieser Entwicklung hervor und verweisen unter anderem auf die Potentiale künstlicher Intelligenz. Eines ist dabei sicher: Die Arbeit wird nicht ausgehen, sie wird nur anders sein. Es geht nicht darum, dass Maschinen und intelligente Systeme die Arbeitnehmer ersetzen. Sie sollen sie unterstützen und mit ihnen zusammenarbeiten.

Durch digitale Technologien kann das Leben von vielen Menschen verbessert werden.

Inwieweit diese Potentiale genutzt werden, hängt maßgeblich von den gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ab. Es ist eine Gestaltungsaufgabe von Menschen für Menschen. Der Mensch muss dabei im Mittelpunkt der digitalen Transformation stehen. Dies soll am Beispiel der Pflege gezeigt werden. Dort stellen Pflegeroboter das sichtbarste Zeichen der digitalen Transformation dar. Sie sollen die Pflegekräfte in ihrer alltäglichen Arbeit unterstützen und sie bei zahlreichen Tätigkeiten entlasten. Die Roboter haben das Potential, nicht nur einfache motorische Aufgaben zu übernehmen, sondern auch Zuwendung zu schenken. Für die arte-Wissenschaftsdokumentation „Roboter zum Kuscheln – heilsam für Demenzkranke?“ wurde in einem Bremer Pflegeheim die Roboterrobe “Paro“ im Umgang mit Alzheimerpatienten erprobt. Die Ergebnisse sind überwiegend positiv ausgefallen und haben gleichzeitig zu einem größeren Diskurs in der Altenpflege geführt. Kritiker befürchten, dass menschliche Zuwendung durch emotionale Robotik ersetzt wird. An dieser Stelle sind zwei Aspekte wichtig. Zum einen können solche Roboter nie menschliche Zuwendung ersetzen, sondern sie nur unterstützen. Dabei können sie aber eine wichtige Ergänzung beziehungsweise Entlastung sein.

Die Journalistin Annette Wagner fand “Paro“ anfangs aus ethischer Sicht fragwürdig, weil demenzkranke Menschen nicht immer erkennen, dass sie kein echtes Tier, sondern eine Maschine im Arm halten. Sie initiierte deshalb die Erprobung und filmische Beobachtung des digitalen Pflegehelfers in Bremen. Diese Einstellung änderte sich jedoch im Laufe ihres dreijährigen Projektes www.squeezeme.de.  In einem Interview äußerte sie sich hierzu wie folgt: „Dieser Roboter ist nicht entwürdigend, er gibt Würde zurück, indem er rundum betreuten, hilflosen Menschen ein kleines Fenster aufmacht, in dem sie selbst Zuwendung geben können.“ Annette Wagner beschäftigt sich als Filmautorin seit Jahrzenten mit dem Thema Demenz. Sie hat sich dabei intensiv mit dem Einsatz von Technik bei der Behandlung demenzkranker Menschen auseinandergesetzt. Aufgrund ihrer langjährigen Expertise wird sie – wie im Weblog des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend – häufig zu Sinn und Unsinn von Technologien in der Pflege befragt: „Letztendlich kommt es darauf an, ob es den Betroffenen gut tut.“ Diese Haltung verdeutlicht mögliche Ansatzpunkte beim praktischen Einsatz von Assistenzrobotern in der Pflege und der Betreuung. Zu diesem Themenkomplex hatten die Hochschulen Fulda und Bonn-Rhein-Sieg das Forschungsprojekt „EmoRobot – Emotionen stimulierende Assistenzroboter in der Pflege und Betreuung dementiell erkrankter Menschen in der stationären Langzeitpflege“ aufgelegt.

Mit ihrem Abschlussbericht leisten sie einen wichtigen Debattenbeitrag für den Umgang mit Robotern in der Pflege:

  • Reziprozitätsfähigkeit und Begegnung auf „Augenhöhe“ sind zentrale Anforderungen an robotische Systeme für den Umgang mit demenzkranken Menschen
  • Das Projekt liefert keine Hinweise dafür, dass robotische Assistenzsysteme in Zukunft professionelle Pflegekräfte ersetzen
  • Die Autoren regen eine kritische Diskussion darüber an, ob man Personen mit Demenz den Zugang zu technischen Innovationen verweigern darf

Diese Punkte unterstreichen die Wichtigkeit einer zentralen gesellschaftlichen Debatte. Hierbei müssen die Verknüpfungen von ethischen, technologischen und medizinischen Aspekten behandelt werden. Wir müssen uns von Denkverboten lösen und offen für Innovationen sein. Wir brauchen noch mehr Forschung in diesem – gerade für Deutschland – elementaren Bereich. Außerdem muss immer wieder die Rückkoppelung mit der Praxis erfolgen.

(Aus-)Bildung muss neu gedacht werden         

Automatisierung und Digitalisierung werden in den kommenden Jahren Berufsfelder wie den Bereich der Pflege transformieren. Dabei werden vor allem Routineaufgaben entfallen, die durch intelligente Systeme und Algorithmen zu ersetzen sind. Darüber hinaus wird vor allem die Mensch-Maschine-Interaktion an Bedeutung gewinnen. In diesem Kontext lautet die Kernfrage: Ist unser Bildungs- und Ausbildungssystem auf diese Veränderungen vorbereitet? Die Antwort lautet: nein. Es scheint fast, als ob die Digitalisierung an diesem Bereich völlig vorbeigegangen ist – zumindest in Deutschland.

Die Bildungs- und Ausbildungscurricula sind nicht an die Bedarfe einer digitalen Arbeitswelt angepasst. Zahlreiche Experten sprechen von der Wichtigkeit digitaler Kompetenzen wie zum Beispiel Programmieren, Umgang mit sozialen Medien oder Kreativität. All diese Komponenten finden sich jedoch leider nirgendwo in der Praxis wider. Im Klartext bedeutet dies, dass Schüler, Auszubildende und Studenten hierzulande bisher relativ unvorbereitet in eine digitale Arbeitswelt eintreten. Dieser Umstand muss dringend behoben werden und dafür braucht es grundlegende Reformen. Ein radikales Prinzip ist hierbei umzusetzen: Es sollten primär Kompetenzen und Fertigkeiten vermittelt werden, zu denen Maschine nicht im Stande sind. Auf diesem Wege bleibt die Zukunft der Arbeit menschlich.

 

 

Adrian Sonder
Über Adrian Sonder 1 Artikel
Adrian Sonder ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag. Er verfasst regelmäßig Beiträge auf Huffington Post und anderen Blogs – speziell zu arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Themen. Er interessiert sich hierbei insbesondere für die Digitalisierung der Arbeitswelt sowie die Bekämpfung von Langzeitarbeitslosigkeit. Er hat Politik- und Sozialwissenschaften sowie Wirtschaftsgeschichte am Institut d’Études Politiques de Paris, am Trinity College Dublin und an der Lunds Universität studiert. Zwischen 2016 und 2018 absolvierte er das Executive Master of Public Administration Programm an der Hertie School of Governance mit einem Fokus auf Leadership und Management.

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