Bevor man merkt was Sie nicht können, sind Sie eingearbeitet!

Autor des Buches Make the Fake – Warum Erfolg die Täuschung braucht

(C) Ulianna19970

Können Sie sich noch an die Fernsehbilder erinnern, als 1993 und 1994 in Berlin eine riesige bunte Fassadenbildinstallation errichtet wurde – exakt an der Stelle, an der das im Krieg zerstörte und 1950 vollends abgerissene Berliner Stadtschloss gestanden hatte und nun wiederrichtet wird? In originalgetreuem Maßstab sollte die Fassadenbildinstallation den Berliner Bürgerinnen und Bürgern und allen Touristen das Projekt vorstellen und dessen Wirkung anschaulich machen. Also vor allem: den Steuerzahlern den Mund wässrig machen, dass die riesige Investition sich lohnt. Die Installation war letztlich eine Werbung für den Wiederaufbau. 2015 fand das Richtfest am neuen alten Stadtschloss statt, und 2019 soll der Bau fertiggestellt sein. Worum es mir hier geht, ist die Fassadenbildinstallation. Sie ist ein wunderbares Sinnbild für den Fake wie ich in verstehe.

„Fake it until you make it“: Dieser Satz wird oft den Hochstaplern zugeschrieben und meint doch etwas ganz anderes. Der Hochstapler will absahnen; der Faker hat eine Mission. Ohne Fake würde unsere Informationsgesellschaft nicht funktionieren. Jede Karriere beginnt auf diese Weise – jeder Experte beginnt einmal, eine Rolle einzunehmen, ohne Erfahrung zu besitzen. Angesichts einer immer weiter fortschreitenden Spezialisierung gewinnt der Faker das Vertrauen des Marktes, indem er zunächst vortäuscht, was er dann tatsächlich lernt und irgendwann beherrscht. Hochstapler dagegen, haben kein Interesse an Leistung. Sie wollen aus Geltungsdrang mehr scheinen als sein. Sind sie entlarvt, endet ihr Spiel. Der Faker hingegen spielt nicht; er hat existenzielle Absichten.

Ich glaube fest daran: Der Fake ist eine unerlässliche Kulturtechnik. Er ist es schon immer gewesen, und ist es heute noch mehr als früher:

Lesen, Schreiben, Rechnen, Faken!

Der Unterschied ist, dass wir zwar alle über unsere Bildungswege sprechen, über das Faken, die heimliche Kernkompetenz der Erfolgreichen aber schweigen. Für alle, die in einer sich immer schneller wandelnden Arbeitswelt erfolgreich oder überhaupt produktiv sein wollen, ist der Fake die Eintrittskarte ins Establishment. In jeder professionellen Umgebung. Angesichts einer immer weiter fortschreitenden Arbeitsteilung und Spezialisierung gewinnt der Faker das Vertrauen des Marktes, indem er zunächst vortäuscht, was er dann tatsächlich lernt und irgendwann beherrscht.

Der Fake ist also zweierlei – ein Versprechen an sich selbst und an den Markt: Ich kann, was ihr von mir erwartet, obwohl ich das noch nie bewiesen habe. Der Faker ist kein Hochstapler oder Betrüger, sondern versteht sich aufs Überleben im System. Gesellschaft und Markt verlangen den Fake, weil sie sich dann besser orientieren können. Fake ist keine negative Strategie der Kompetenzaneignung, sondern eine positive Strategie der Selbstbehauptung. Er ist ein notwendiger Schritt auf dem Weg zum Profi – erst Schein, dann Sein. Niemand faked zum Spaß, sondern weil es notwendig ist. Zu faken ist ein Zeichen, dass wir etwas wirklich können wollen. Dass wir sein wollen, was wir zu sein scheinen.

Zurück zum Berliner Stadtschloss: Auch der Faker stellt eine Fassade aus, auf der das zu sehen ist, was er zu werden verspricht – während er hinter der Fassade eifrig an der Fertigstellung oder Erweiterung seines Wissens arbeitet. Und genau darauf vertraut der Markt: Dass der Faker hinter der Fassade auch tatsächlich arbeitet, dass wirklich etwas passiert. Dass er nicht einfach eine Fassade aufstellt und sich dann von hinten bequem dranlehnt: Hurra, nun habe ich das Vertrauen gewonnen, jetzt kann ich mich ja locker machen. Die Welt vertraut darauf, dass sich hinter der Fassade Betriebsamkeit entwickelt. Dass der Faker sich bemüht, dass er sich einsetzt. Das Gelingen ist damit natürlich nicht garantiert. Aber das ist dem Markt auch bewusst. Wie bei einer Crowdfunding-Kampagne: Alle wissen, dass es schiefgehen kann und immer mal wieder auch wirklich schiefgeht. Doch die Investoren verlassen sich darauf, dass der Gründer sich reinhängt. Und was, bitte, ist ein Gründer denn, wenn kein Faker? Er gibt ein Versprechen für die Zukunft und setzt alles daran, es erfüllen zu können. Er gibt alles, damit sein Unternehmen – und er – genauso erfolgreich werden, wie er es anstrebt und dem Markt in Aussicht stellt. Start-up-Gründer, vor allem wenn sie es zum ersten Mal tun, sind moderne Power-Faker. Und die Welt liebt sie.

Bei der Recherche zum meinem neuen Buch „Make the Fake“, bin ich auf ein ganz bezauberndes Beispiel aus dem Gesundheitswesen gestoßen: Gefunden habe ich es im Buch „Die Welt von gestern“, der Autobiografie, des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig. Ein Werk, das einen literarisch eindringlichen, fesselnden und persönlichen Blick auf die Kultur des alten Europas wirft. Stefan Zweig schrieb dieses Buch in den Jahren 1939–1941 im brasilianischen Exil:

„Wer das Unglück hatte, besonders jung auszusehen, hatte überall Misstrauen zu überwinden. So geschah das heute fast Unbegreifliche, dass Jugend zur Hemmung der Karriere wurde und nur Alter zum Vorzug. Während heute in unserer vollkommen veränderten Zeit Vierzigjährige alles tun, um wie Dreißigjährige auszusehen und Sechzigjährige wie Vierzigjährige. Während heute Jugendlichkeit Energie, Tatkraft und Selbstvertrauen fördert und empfiehlt, musste in jenem Zeitalter der Sicherheit jeder, der vorwärts wollte, alle denkbare Maskierung versuchen, um älter zu erscheinen. Die Zeitungen empfahlen Mittel, um den Bartwuchs zu beschleunigen. Vierundzwanzig- oder fünfundzwanzigjährige junge Ärzte, die eben das medizinische Examen absolviert hatten, trugen mächtige Bärte und setzten sich, auch wenn es ihre Augen gar nicht nötig hatten, goldene Brillen auf. Nur damit sie bei ihren ersten Patienten den Eindruck der Erfahrenheit erwecken könnten. Man legte sich lange schwarze Gehröcke zu und einen gemächlichen Gang und wenn möglich ein leichtes Embonpoint [Körperfülle, dicker Bauch, d. A.], um diese erstrebenswerte Gesetztheit zu verkörpern. Und wer ehrgeizig war, mühte sich, dem der Unsolidität verdächtigen Zeitalter der Jugend wenigstens äußerlich Absage zu leisten. Schon in der sechsten und siebenten Klasse weigerten wir uns, Schultaschen zu tragen, um nicht mehr als Gymnasiasten erkenntlich zu sein. Und benützten stattdessen Aktenmappen.“

Anfang des 20. Jahrhunderts war es unter den jungen Wiener Ärzten also üblich, sich Vollbärte wachsen zu lassen und goldene Brillen zu tragen, obwohl sie gar nicht schlecht sahen. Mit diesen „Masken“ wollten die jungen Ärzte erreichen, dass sie älter, erfahrener und weiser aussahen – um gegenüber den Patienten mehr Autorität ausstrahlen zu können und von ihnen ernst genommen zu werden. Kurz um sich das Vertrauen der Patienten zu erwerben.

Neben dem Wissen, ist Vertrauen der Werkstoff der Informationsgesellschaft. Fehlt dieses Vertrauen können Systeme auch scheitern. Erinnern wir uns an den Sozialismus in seiner Ausprägung vor 1989. Es ist hinter der Fassade deutlich zu wenig passiert. Der Markt, die Menschen vertrauten jedoch darauf – und wurden enttäuscht. „Wenn die so tun, als würden sie uns bezahlen, dann tun wir so, als ob wir arbeiten!“ Das Erfolgsrezept einer modernen Dienstleistungsgesellschaft sieht jedoch anders aus. Dort herrscht Erfolgsdruck. Eine „Wir tun so, als ob“-Haltung ohne echten Antrieb kann sich in einer freien Marktwirtschaft kaum jemand erlauben. Unsere Prozesse und Mechanismen sehen das nicht vor. Und genau deshalb vertraut auch der Markt darauf, dass wir nicht nur so tun, als ob wir arbeiten, sondern tatsächlich knüppeln. Dass die Leinwand mit der Fassadenbildinstallation irgendwann fällt und dahinter tatsächlich das entstanden ist, was das große Zielbild versprochen hat.

Faker oder Hochstapler? Ich will es mal so formulieren: Der Faker will wirklich werden, was er vorgibt zu sein. Der Hochstapler will nur gewinnen. Bilden Sie sich ihre eigene Meinung!

Über Christoph Zulehner 6 Artikel
Speaker und Strategieberater, Autor mehrerer Managementfachbücher, promovierter Wirtschafts- und Sozialwissenschafter, Diplomkaufmann für Betriebswirtschaftslehre in Gesundheitsunternehmen, Gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Management von Gesundheitseinrichtungen, Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger
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