Bedürfnisorientierte Betreuungsstrukturen für ältere Menschen und mit Demenzerkrankung

  1. Einleitung

Der Anteil älterer Menschen nimmt signifikant zu. Damit verbunden ist auch eine Veränderung der Bevölkerungsstrukturen. Altern ist dabei aber nicht mehr ein rein biologisches Geschehen. Vielmehr spielen psychologische, soziale und Umweltfaktoren eine immer größere Rolle. Durch den Anstieg der Lebenserwartung kommt es aber auch zu einem vermehrten Anteil von Menschen mit dementiellen Symptomen. Derzeit leben in Österreich etwa 130.000 Menschen mit Demenz, wobei die Krankheit mit dem Alter signifikant zunimmt. Abbildung 1 zeigt einen Überblick über die Häufigkeit der Erkrankung in verschiedenen Lebensaltern und in Abhängigkeit vom Geschlecht (Quelle: Demenz-Report, 2011).

Altersgruppe Männer Frauen
30-59 0.16 0.09
60-64 1.58 0,47
65-69 2.17 1.10
70-74 4.61 3.86
75-79 5.04 6.67
80-84 12.12 13.50
85-89 18.45 22.78
90-94 32.10 32.25
95-99 31.58 36.0

Die Betreuung und Therapie von Menschen mit Demenzerkrankung fußt dabei auf 4 Pfeilern (vgl. Gatterer, 2009) und zwar auf biologischen (Medizinische Maßnahmen, Pflege, Therapie), psychologisch/psychotherapeutischen und sozialen Maßnahmen sowie der Veränderung bzw. Anpassung der Umgebungsbedingungen. Ziel ist einerseits ein möglichst langes Erhalten bleiben bzw. eine Verbesserung der kognitiven Leistungsfähigkeit und Selbstständigkeit, aber auch eine Verbesserung des Wohlbefindens, der Lebensqualität und sozialen Integration. Im Vordergrund steht dabei natürlich die Behandlung mit modernen Antidementiva, kognitivem Training, der Schulung der Angehörigen und im weiter fortgeschrittenem Stadium pflegerischen Maßnahmen.

In letzter Zeit werden auch vermehrt Konzepte der Inklusion von Menschen mit Demenzerkrankung diskutiert, die auf den Grundbedürfnissen von Menschen aufbauen. Damit verbunden ergibt sich jedoch, vor allem bei Menschen mit fortgeschrittener Demenzerkrankung oft die Problematik der Zieldefinition und der Adäquatheit der Maßnahme. Das führt häufig zur Diskussion hinsichtlich subtiler und verdeckter „Gewalt“, vor allem bei der Behandlung von „Verhaltensstörungen“ bzw. zur Reflexion von „auffälligem“ Verhalten, das jedoch weder selbst- noch fremdgefährdend ist, aber stört. Oft stecken dahinter unerfüllte Bedürfnisse des Menschen mit Demenz, die gerade jetzt im Rahmen der Erkrankung durch einen Wegfall gelernter Hemmungen (Frontallappen) gelebt werden können. Das trifft z.B. für die Bereiche vermehrtes Essen, Sexualität, Bedürfnis nach Nähe und Freiheitsdrang zu. Dadurch ergeben sich daraus jedoch auch häufiger Probleme zwischen den Normen der Familie, der Betreuer und den Bedürfnissen des Betroffenen (vgl. Gatterer, 2012; http://www.pflegenetz.at/index.php?id=82&tx_ttnews%5Btt_news%5D=391).

  1. Grundkonzepte bedürfnisorientierter Betreuung

Bedürfnisse stellen im Leben von Menschen einen wesentlich Faktor für Wohlbefinden dar. Sie definieren oft auch unser Verhalten, bzw. kollidieren  mit den Bedürfnissen und den Verhaltensweisen anderer Menschen. Bedürfnisse definieren sich über verschiedene Konzepte. Ein wesentlicher Faktor ist aber das Verspüren eines Defizits oder Mangels, mit dem Wunsch diese zu beheben oder zu beseitigen (https://portal.hogrefe.com/dorsch/beduerfnis/).

Betrachtet man die Bedürfnisse von Menschen so können diese im Hinblick auf den Alterungsprozess unter folgenden Gesichtspunkten gesehen werden (Gatterer, 2007):

Kalendarischer Aspekt (Alter in Jahren): Die Menschen wollen immer älter werden.

Biologischer Aspekt (Körper/Gesundheit): Der Erhalt des Körpers, Aussehen und Gesundheit spielen eine immer größere Rolle.

Psychologischer Aspekt (Subjektive Sicht): Bedürfnisse älterer Menschen werden immer individueller mit neuen Werten, Normen, Rollen und Einstellungen zum Leben. Der ältere Mensch sieht sich auch immer mehr als Kunde im Gesundheitswesen.

Sozialer Aspekt (Gesellschaftliche Sicht): Auch die Gesellschaft definiert die Rolle des älteren Menschen neu. Damit verbunden sind auch andere Bedürfnisse und Rollenbilder. Der ältere Mensch wird auch hier vermehrt einerseits mehr als Kunde gesehen, andererseits nehmen auch Menschen mit Demenzerkrankungen zu, sodass hier auch eine vermehrte „PatientInnensicht“ gegeben ist.

Kontextueller Aspekt/ökologische Sicht: Umweltfaktoren spielen beim Alterungsprozess eine immer wichtigere Rolle. Der ältere Mensch gestaltet sie hierbei oft selbst bzw. fordert er auch kontextuelle Veränderungen (z.B. Barrierefreiheit) ein.

Systemischer Aspekt: Hierunter versteht man das Zusammenspiel aller Faktoren um Bedürfnisbefriedigung zu erhalten. Hierbei kann z.B. ein Faktor Probleme in einem anderen Bereich ausgleichen und wieder zu Bedürfnisbefriedigung und Lebensqualität führen.

Insofern müssen bedürfnisorientierte Modelle auch immer mehr Einzug im Gesundheitswesen finden und die obigen Faktoren berücksichtigen. Um dies Umzusetzen müssen jedoch weitere Überlegungen hinsichtlich der Grundbedürfnisse von Menschen getroffen werden. Hier können Theorien im Hinblick auf die Bedürfnisse von Menschen hilfreich sein. Diese reichen vom Konzept Maslows mit seiner Bedürfnispyramide (http://www.social-psychology.de/sp/pt/maslow?pg=2. ) bis zu psychotherapeutisch orientierten Ansätzen.

  • Bedürfnistheorien
  • Maslow hat ein Stufenmodell der Motivation (Bedürfnispyramide) entwickelt, welches sich in fünf Stufen unterteilt. Die physiologischen Bedürfnisse (Nahrung, Sexualität, Schlafen etc.) sind die Basis. Auf diesen bauen das Bedürfnis nach Sicherheit („Sicherheit; Stabilität; Geborgenheit; Schutz; Angstfreiheit; Bedürfnis nach Struktur, Ordnung, Gesetz, Grenzen; Schutz), soziale Bedürfnisse (Liebe, Zuneigung und Zugehörigkeit),  das Bedürfnisse nach Achtung und Anerkennung und nach Selbstverwirklichung auf. Grundbedürfnisse sind nach seiner Theorie zum Überleben wichtig, auf denen die anderen aufbauen. Die Bedürfnisse können auch nach Defizitbedürfnissen (niedrigen Bedürfnissen) und Wachstumsbedürfnissen (höheren Bedürfnissen) unterschieden werden. Defizitbedürfnisse (z.B. Hunger) müssen erfüllt sein, damit Zufriedenheit entstehen kann. Die zusätzliche Erfüllung der Wachstumsbedürfnisse bedeutet über Zufriedenheit hinausführendes Glück. Bei der Umsetzung von bedürfnisorientierten Modellen im Gesundheitssystem ergibt sich hier oft das Problem, wie die Bedürfnisse von älteren Menschen mit Gebrechen mit denen der Betreuungspersonen oder Angehörigen vereinbar sind. Dadurch können sich leicht Konflikte ergeben wenn sie nicht kompatibel sind. Und wer definiert, welches Bedürfnis das Wichtigere ist? Dies ist auch oft unter der Problematik der „Normalität“ von Bedürfnissen bei kranken Menschen z.B. solchen mit einer Demenzerkrankung zu sehen (Gatterer, 2012). Sind hier Bedürfnisse wie Essen und Trinken oder Sexualität auch Bedürfnisse wenn sie für die BetreuerInnen nicht nachvollziehbar sind und nicht deren Kriterien der „Normalität“  entsprechen?  Diese Problematik ist in Abbildung 1 dargestellt.
Abbildung 1: Bedürfnisse von älteren Menschen und deren Angehörigen bzw. BetreuerInnen (mod. Gatterer).
Abbildung 1: Bedürfnisse von älteren Menschen und deren Angehörigen bzw. BetreuerInnen (mod. Gatterer).

 

  • Im Gegensatz zu Maslow definieren Petzold und Kitwood eher psychotherapeutisch orientierte Ansätze. Die fünf Säulen der Identität nach Hilarion G. Petzold bilden nach dieser Theorie die Basis eines jeden Lebens. Unter dem Begriff „Identität“ (lat. „identitas“) wird die Einzigartigkeit eines jeden Menschen verstanden. (vgl. Wirsing et al. 2007, S. 43). Petzold definiert die Bereiche Arbeit und Leistung, materielle Sicherheit, soziale Netze, Leiblichkeit und Werte/Sinn als wesentliche Grundbedürfnisse des Menschen, auf denen sich Identität aufbaut. Fallen eine bzw. mehrere Säulen weg, so kann es zu einer Identitätskrise kommen.
  • Der personen-zentrierte Ansatz nach Tom Kitwood (1980) fokussiert das PERSON sein, die Einzigartigkeit eines jeden Menschen, unabhängig von Erkrankungen und Alter (vgl. Kitwood, 2005, S. 8). Kitwood hat sein Modell für die Betreuung für Menschen mit Demenz konzipiert. Als wesentliche Bereiche sieht Kitwood hierbei die Bedürfnisse nach Trost, primärer Bindung, Einbeziehung, Beschäftigung und Identität. Kitwood spricht deshalb auch vom MENSCHEN mit Demenz und nicht von Patienten. Damit wird eine Rolle der Inklusion und Mitbestimmung definiert.
  • Ähnliche Modelle für Menschen mit psychischen Krankheiten und älteren Menschen mit „Verwirrtheit“ stellen das Pflegekonzept von Böhm und die Validation von Naomi Feil dar (Gatterer, 2007). Auch hier stehen das „Mensch sein“ mit seiner Individualität und „das dort abholen, wo jemand steht“ „sich in die Mokassins des Betreffenden stellen“ (Feil, 2002) im Vordergrund.
  • Ein Konzept, welches zwar primär für jüngere Menschen entwickelt wurde, aber ebenfalls einen Zugang zur den Bedürfnissen von älteren Menschen und solchen mit Demenz ermöglicht, ist die Schema-Therapie (Young, 2008, vgl. Roediger, http://www.schematherapie-roediger.de/down/Bewaeltigungsversuche.pdf). Die Grundbedürfnisse eines Menschen nach Bindung, Kontrolle, Selbstwert sowie Lust und Freude werden durch Beziehungserfahrungen (Eltern) geprägt und in biologischen (neuronalen) Grundstrukturen des Verhaltens (Schemata) gespeichert und beeinflussen das Verhalten. Die Theorie meint, dass nicht erfüllte Grundbedürfnisse (z.B. Verlassenheitsgefühl infolge fehlender Bindung) zu individuellen Copingstrategien, je nach den Charakter führen können (z.B. sich ständig verlassen fühlen, klammern oder auch Aggression). Diese Reaktionen sind dann ebenfalls sehr automatisiert und bis ins hohe Lebensalter, aber auch vor allem bei Menschen mit Demenzerkrankung, die weniger kognitive Kontrolle haben, stabil und dominant.

Solange Menschen ihre Bedürfnisse direkt artikulieren können ist es auch einfacher, diese mehr oder weniger zu befriedigen. Man braucht prinzipiell nur miteinander reden und den anderen auch verstehen wollen.  Schwieriger wird dies bei Menschen mit fortgeschrittener Demenzerkrankung und fehlender Kommunikation. Betreuer können hier nur versuchen, diese Bedürfnisse über die Biografie oder das Verhalten zu erfassen, wobei hier jedoch auch sehr stark eigenen Erwartungen und die eigenen Bedürfnisse eine Rolle spielen.

  1. Konsequenzen für die bedürfnisorientierte Betreuung von älteren Menschen und solchen mit Demenzerkrankung

Versucht man bedürfnisorientierte Konzepte in die Betreuung von älteren Menschen und solchen mit Demenzerkrankung einzubauen, so ergeben sich leicht Probleme mit bestehenden Modellen, die auf dem „Normalitätsprinzip“ aufgebaut sind und versuchen, einen Menschen so lange als möglich in seiner bisherigen Identität zu belassen. Dahinter steht das Konzept, dass dies seinem Grundbedürfnis entspricht. Wehrt sich die erkrankte Person dagegen, so wird das leicht als „Verhaltensstörung“ im Rahmen einer Demenz charakterisiert. Bedürfnisorientierte Modelle versuchen hierbei dieses „anders sein“ zu akzeptieren und in die Betreuung einzubauen. Nicht „Normalität“ steht nunmehr im Vordergrund, sondern Lebensqualität, Lebenszufriedenheit und Bedürfnisbefriedigung. Insofern muss das Konzept „Normalität“ und „Anpassung an diese“ neu überdacht werden.

Nach Gatterer(2012) wird Normalität über folgende Bereiche definiert

  • Medizinische Norm (biologische Funktionalität/Gesundheit/Symptome/Syndrome/ Diagnosen)
  • Statistische Norm (Verteilung in der Gesellschaft). Normal ist „der Durchschnitt“
  • Gesellschaftliche Norm (Kultur/gesellschaftliche Vereinbarungen des Zusammenlebens/Gesetze)
  • Individuelle Norm (wird von jedem für sich bzw. in Gruppen und Systemen individuell definiert und an die Situation so angepasst, dass es dort passt und Abläufe erleichtert. z.B. Krankenhaus oder Pflegeheim)

Diese müssen jedoch hinsichtlich der Bedürfnisse älterer Menschen und solcher mit Demenzerkrankung reflektiert und wenn notwendig verändert werden. Sonst ist es leicht möglich, dass ein Bedürfnis infolge einer „nicht adäquat“ wahrgenommenen Pathologisierung nicht erfüllt wird und zu weiteren Problemen und auch Nachteilen für den betroffenen ältere Menschen führt. Schon das Lebensalter selbst kann ein solcher Faktor zu Pathologisierung eines Bedürfnisses sein, aber auch bei Krankheiten werden leicht medizinische Normen über Grundbedürfnisse gestellt.

Als Beispiel sei an dieser Stelle ein übergewichtiger, insulinpflichtiger Mensch mit weit fortgeschrittener Demenz vom Alzheimertyp angeführt. Dieser hat noch immer Hunger, obwohl er schon gegessen hat. Dies wird aufgrund seiner beiden Erkrankungen (Alzheimer und Diabetes) als Zeichen seiner Krankheit gesehen und deshalb versucht, ihm weniger zu essen zu geben, da er auch schon sehr dick sei und die Gefahr von mehr Pflegebedürftigkeit droht. Er selbst aber sucht Essen und nimmt dieses anderen BewohnerInnen des Heimes weg. Also wird er als „Dieb“ wahrgenommen und „überwacht“. Das führt zu vermehrter Aggressivität von seiner Seite und „Stationsflüchtigkeit“. Da er vermehrt gefährdet ist wird er medikamentös behandelt um seine „Verhaltensstörung“ zu behandeln. Nunmehr ist er immobiler aber weniger „störend“. Hunger hat er aber weiterhin.

  1. Beispiele für moderne, bedürfnisorientierte Modelle

Im folgenden Abschnitt sollen deshalb einige Überlegungen und bereits erprobte Modelle für bedürfnisorientierte Konzepte dargestellt werden. Diese können in Modelle, die primär biologische Bedürfnisse abdecken, solche die die Person in den Mittelpunkt stellen (psychologische/psychotherapeutische Ansätze), jene mit primär sozialem Charakter (soziale Integration, Inklusion, langer Verbleib zuhause) und Umweltgestaltungsmaßnahmen eingeteilt werden. Natürlich gibt es auch Kombinationen, jedoch steht meist ein Aspekt im Vordergrund.

Die meisten Konzepte fokussieren auf den Bereichen Ernährung, Erhalt körperlicher Funktionen, Schmerzfreiheit und der Therapie der Grunderkrankung. Oft zeigen sich im Rahmen von Demenzerkrankungen Probleme mit dem Appetit und der Menge der zu sich genommenen Nahrung, die zu groß oder zu gering ist. Bei zu geringem Hunger können Genusstraining, Essen optisch und olfaktorisch besser dargeboten; mitarbeiten bei der Essensvorbereitung, eine entspannte und wohlige Essatmosphäre, „Fingerfood“ sowie eine Art „Buffet“ hilfreich sein. Hier wäre etwa „Sonnwaid (“http://sonnweid.ch/) als gutes Beispiel zu nennen.

Für den Erhalt der körperlichen Mobilität und der kognitiven Leistungsfähigkeit werden oft motivierende Aktivitäten (z.B.MotoGeragogik; http://www.motogeragogik.at/) angeboten. Diese bauen auf natürlichen Bewegungsabläufen auf und entsprechen dadurch leichter dem Grundbedürfnis nach Bewegung als reines üben. Auch soziale Interaktion (Kinder, Tiere), ein Garten und Haushaltstätigkeiten können bedürfnisorientiert genutzt werden.

Identitätserhalt: Hier sind alle biografieorientierten Ansätze und deren Erweiterung zu nennen. Dazu gehören das Pflegemodell nach Böhm, die Validation, der personenzentrierte Ansatz nach Kitwood, die Mäeutik und psychotherapeutische Ansätze. Diese sind bereits bekannt, insofern sollen sie an dieser Stelle nur erwähnt werden.

Auch die Schematherapie kann hier hilfreich eingesetzt werden. Young definiert 18 verschiedene Schemata, die sich in den Verhaltensweisen der Betroffenen äußern können. Zwar können Menschen mit weit fortgeschrittener Demenz keinen Schemafragebogen mehr ausfüllen, jedoch kann vom Verhalten auf die darunter liegenden Schemata und Grundbedürfnisse geschlossen werden. So kann etwa Unruhe beim Weggehen einer Betreuungsperson durch ein starkes Verlassenheitsschema ausgelöst werden, während etwa dauerndes Suchen einer hohen Angst vor Versagen bei Leistungserbringung entsprechen könnte. Abgeleitete Maßnahmen wären etwa der Aufbau von Sicherheit und Geborgenheit durch Personen oder Umweltmaßnahmen, bzw. im zweiten Fall das Anbieten von identitätsfördernden und erfolgreich durchzuführenden Aktivitäten.

Bedürfnis nach Nähe: Ist dieses Bedürfnis vorhanden, so ist es gerade im Bereich der stationären Betreuung oft schwer zu erfüllen. Erkennbar ist es, dass eine Person ständig „Kuscheln“ will oder jemanden bei sich braucht.  Das ist jedoch im Rahmen der professionellen Betreuung und bei Menschen mit Demenzerkrankung nicht so üblich und sprengt auch den Rahmen. Hilfe bietet hier z.B. Tiertherapie bzw. auch die Therapierobbe „Paro“ (http://www.alzheimer-forschung.de/alzheimer-krankheit/aktuelles.htm?showid=3288). Auch eine Puppe oder ein Kuscheltier kann hier therapeutisch eingesetzt werden. Bei dem zusätzlichen Bedürfnis nach Sexualität (z.B. Mann belästigt Mitbewohnerinnen) kann auch eine Sexualassistentin beigezogen werden, bzw. ist auch der Besuch bei einer Prostituierten nicht ausgeschlossen. Oft muss hierbei jedoch auf das Grundbedürfnis nach Nähe mehr eingegangen werden als die reine Sexualität wie Nina de Vries betont (http://www.spiegel.de/spiegelwissen/a-680226.html).

Oft geht die Identität als Mann und Frau im Rahmen der Demenzerkrankung verloren. Hier können „Wohlfühlaktivitäten“, z.B. Friseur, sich schminken, entsprechende Kleidung, aber auch identitätsstiftende Aktivitäten (Frauengruppe, Männergruppe)hilfreich sein.

Ein neues Projekt der bedürfnisorientierten Umweltgestaltung stellt das „Alzheimerdorf-Hogeweyk“ dar (http://alzheimerblog.wordpress.com/2010/09/16/pionierprojekt-ein-alzheimerdorf-in-den-niederlanden/). Hier können Menschen mit weit fortgeschrittener Demenz ihre Grundbedürfnisse soweit als möglich weiter leben. Hier gibt es Straßen und Plätze, ein Einkaufszentrum, Fitnessstudios etc. die „Normalität“ aber auch „Sicherheit“ und „Geborgenheit“ bieten

  1. Zusammenfassung und eigene Forschung

Die Erfassung der Bedürfnisse von Menschen ist nicht immer einfach. Oft stehen eigene Normen, Wünsche, Bedürfnisse, ethische Überlegungen, aber auch gesellschaftliche und organisatorische Faktoren der Erfassung und Umsetzung im Wege.  Im Rahmen eines neuen Forschungsprojektes versuchen wir hier den Betreuern praktische Lösungsansätze zu geben.

Diese bauen auf folgenden Überlegungen auf:

  • Grundbedürfnisse von Menschen lassen sich aus dem Verhalten der Betroffenen ableiten (Verhaltensbeobachtung mittels eines neuen Fragebogens zur Bedürfniserfassung, Gatterer, 2013 in press). Dieser Fragebogen erfasst folgende Grundbedürfnisse: Kommunikation, Sicherheit/Geborgenheit, Freiheit/Autonomie, Soziale Interaktion, Essen, Nähe/Intimität, Trinken, Schlaf / Ruhe, Motorische Bewegung, Beschäftigung, Sexualität, Liebe, Struktur, Ich Identität/individuelle Bedürfnisse und Sauberkeit die aufgrund einer Ratingskala eingestuft werden sollen.
  • Darauf aufbauend erfolgt die Überlegung, inwieweit diese Bedürfnisse von den Betreuern erfüllt werden können? Die Frage ist, warum und wann stören Bedürfnisse?

Dabei auftretende Probleme sollten nach folgendem Prinzip abgehandelt werden:

  • Wie genau sieht Problem aus? Ist es selbst- bzw. fremdgefährdend?
  • Wer hat es? Wer leidet?
  • Woraus ergibt es sich (Sichtweisen, Regeln, Normen, Bedürfnisse,…)?
  • Wer bestimmt, was das Ziel wäre?
  • Wessen Ziel ist es? Welche Bedürfnisse stehen im Vordergrund?
  • Wer soll verändert werden?
  • Wer profitiert?

Mittels solcher Überlegungen kann es gelingen, auch bei Menschen mit Demenzerkrankung bedürfnisorientiert zu betreuen. Das erfordert jedoch oft ein Umdenken vom Prinzip der „Normalität“ zum Prinzip der „Lebensqualität“. Auch Menschen mit Demenz haben Bedürfnisse wie alle anderen Menschen. Sie können sie nur im Stadium der schweren Demenz nicht mehr so äußern und müssen deshalb erschlossen werden. Erfolgreiche bedürfnisorientierte Bereuung ist meist durch eine Reduktion von Konflikten und Frustrationen sowohl bei den erkrankten Menschen aber auch deren Betreuern erkennbar.

  1. Literatur
    Feil, N. (2002) Validation. Ernst-Reinhard, Verlag. München.

    Gatterer, G. (2007) Effizienz spezifischer neuropsychologischer und klinisch-psychologischer Interventionen im Alter. Z Gerontol Geriat 40:1–8

    Gatterer, G. (2014) Bedürfnisorientierte Betreuungsstrukturen für Menschen mit Demenz. Der MedizinerGatterer, G (2007; Hrsg.) Handbuch multiprofessionelle Altenbetreuung. 2. Auflage. Springer, Wien.

    Kitwood, T. (2008): Demenz. Der person-zentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten Menschen. 5., ergänzte Auflage. Bern: Verlag Hans Huber.Maslow, A. H. (1999) Motivation und Persönlichkeit. (dt. Paul Kruntorad). Rowolt, Reinbek bei Hamburg

Autor: Univ. Doz. Dr. Gerald Gatterer
Titel: Bedürfnisorientierte Betreuungsstrukturen für ältere Menschen und mit Demenzerkrankung
Ausgabe: Pflege Professionell 02/2015
Link: Zur kompletten Ausgabe

 

Über Gerald Gatterer 2 Artikel

Klinischer- und Gesundheitspsychologe, Psychotherapeut, akademischer Krankenhausmanager, Stabstelle Vernetzungsmanagement Psychosoziale Rehabilitation am Sozialtherapeutischen Zentrum Ybbs/Donau, Leiter des Instituts für Alternsforschung der Sigmund Freud Privatuniversität Wien

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