Aus der Geschichte lernen, um die Pflege zu verstehen

(C) Karl Schuhmann (Mehr Infos zum Bild siehe Bildbeschreibung)

Vor dem Hintergrund einer nahezu geschichtslosen Bildungsarbeit in der Pflege wird die These entwickelt, dass ohne die Zuwendung zur historischen Genese der deutschen Pflege ein Verständnis von Pflege in der Gegenwart sowie eine notwendige Identitätsbildung in Zukunft  erschwert sind. Der Beitrag zeigt eine mögliche Bildungsform, die Vergangenheit und Gegenwart verschränkt. Am Beispiel des am Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim/AUT entwickelten Begleit- und Vertiefungsprogramms BerufsbildMenschenbild  wird eine pädagogische Variante  vorgestellt, um Pflegende für derzeitige Herausforderungen des Pflegealltags mithilfe der Geschichte der eigenen Berufsgruppe zu sensibilisieren. BerufsbildMenschenbild gibt Lehrpersonen und Lernenden die Möglichkeit, einen Besuch des Lern- und Gedenkorts nach Führung durch Gedenkstätte und Ausstellung „Wert des Lebens“ pflegespezifisch zu vertiefen.

Hinführung zum Thema
Die Frage nach der Identität in den Pflege- und Gesundheitsberufen ist eine drängende. Einerseits sehen sich die beruflich Pflegenden durch die zunehmende Ausdifferenzierung der Tätigkeits- und Handlungsfelder, der Ökonomisierungslogiken des Gesundheitswesens sowie komplexer werdender Pflegeproblematiken der PatientInnen, KlientInnen und BewohnerInnen immer häufiger mit kritischen und herausfordernden Situationen konfrontiert. Für die Pflegenden treten demzufolge vermehrt Dilemma-Situationen auf, die nicht zuletzt in eine Rationierung von Pflegehandlungen münden können. Das Dilemma heißt konkret, die eigenen beruflich professionellen Wertansprüche in ein angemessenes Verhältnis zu beschnittenen Ressourcen (Zeit, Personalnot, Handlungsdruck und Best Practice – Gedanke) zu bringen (Vgl. Zauner-Leitner und Bossle 2015).

Andererseits wird das Postulat der Interdisziplinarität als synergetischer Lösungsansatz für komplexe Herausforderungen und Versorgungsfragen durch ExpertInnen und Sachverständige gefordert und auch in der Pflegewissenschaft diskutiert (Vgl. u.a. Bossle 2012, 2015).

Der hier vorliegende Beitrag versucht darzustellen, dass die benannte Ausdifferenzierung und interdisziplinäres Handeln nur unter einer stabilen disziplinären Perspektive sowohl für die Pflegewissenschaft als auch der beruflichen Pflege gelingen kann. Für die professionell Pflegenden bedeutet das, dass die Findung und Bestimmung einer spezifisch stabilen Identität und Rollenfindung dringend notwendiger und relevanter wird.

Die Entwicklung einer zeitgemäßen beruflichen Identität ist allerdings nur möglich, wenn man sich auch der Herkunft seiner Profession zuwendet. Die Beschäftigung mit der Geschichte, besonders mit der problematischen und kritischen Geschichte der Neuzeit hilft Pflegenden Analogien und Muster im Zeitenlauf der beruflichen Pflege zu erkennen und zu reflektieren.

Das Pflegebildungsprogramm BerufsbildMenschenbild geht seit 2010 auf diese Fragestellungen ein und nimmt an einem historischen Ort der Krankentötungen des damaligen sogenannten 3. Reichs, die Verschränkung zwischen historischer Erkenntnis und gegenwartsbezogener Reflexion vor.

Dieses Angebot zielt explizit auf Schulen und Hochschulen mit pflegespezifischer Ausrichtung und deren Akteure ab. Das Angebot wurde in den Jahren 2009-2010 unter Zuhilfenahme pflegewissenschaftlicher und pflegepädagogischer Kompetenz des Autors am Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim in Oberösterreich, nahe Linz, entwickelt.

Historischer Hintergrund
Schloss Hartheim in Oberösterreich war eine der sechs NS-Euthanasieanstalten des Deutschen Reiches. Zwischen 1940 und 1944 wurden allein in Hartheim rund 30.000 Menschen als so genanntes „lebensunwertes“ Leben ermordet. Einer ersten Phase („Aktion T4“) von Mai 1940 bis August 1941 fielen rund 18.000 geistig und körperlich behinderte, sowie psychisch kranke Personen zum Opfer. Diese stammten größtenteils aus Einrichtungen der ehemaligen „Ostmark“ und aus dem bayerischen Raum.

Im gesamten Reich wurden in diesem Zeitraum im Zuge dieser Aktion über 70.000 Menschen ermordet. Von August 1941 bis Dezember 1944 wurden im Zuge der „Sonderbehandlung 14f13“ zudem rund 12.000 Häftlinge aus den Konzentrationslagern Mauthausen und Dachau, sowie ZwangsarbeiterInnen mittels Kohlenmonoxid in Hartheim ermordet.

In der Tötungsanstalt Hartheim arbeiteten im Durchschnitt 60-70 Personen; ein Großteil von ihnen waren – neben dem administrativen Personal – Pflegerinnen und Pfleger, die auch den meisten Kontakt mit den Pfleglingen hatten und diese zumeist bereits in den Bussen begleiteten.

2003 wurde an diesem historischen Ort der Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim mit der Gedenkstätte für die Opfer der NS-Euthanasie und der Ausstellung „Wert des Lebens“ eröffnet: zentral stehen heute historische Faktenvermittlung und gedenkendes Erinnern, aber ebenso eine aus der Geschichte resultierende Wertevermittlung und das Aufwerfen gegenwärtiger Fragestellungen und Lebensweltbezügen. Es ist ein Versuch, eine „zukunftsorientierte Reflexion der Geschichte und ihrer Nachwirkungen einem gesellschaftlichen Verantwortungsbewusstsein“ zuzuführen (Eberle 2008: 15). Es sollen Handlungsmuster reflektiert und eine ethisch-moralische Werteerziehung geleistet werden (Zauner-Leitner und Bossle 2015).

BerufsbildMenschenbild
BerufsbildMenschenbild möchte über ein Mindestmaß hinaus dazu beitragen, dass Pflege als reflektierende und analysierende Disziplin wahrgenommen werden kann (Dornheim et al. 1999). Dieser Anspruch muss für alle Aus- und Weiterbildungsbildungsgänge gelten, um eine verantwortungsbewusste Pflege sicher zu stellen.

Die Struktur des didaktischen Materials ergibt sich aus einer phänomenologischen Denkweise über den Menschen. Die Phänomenologie möchte den Menschen in seiner Lebenswelt begreifen. Sie will Kontextfaktoren, wie biografische Besonderheiten oder lebenslageabhängige Faktoren in ihre Arbeit und den Forschungsprozess mit einbeziehen (= verstehender Ansatz).

Insgesamt werden fünf Module – angehlehnt an Phänomenen – zur Auswahl gestellt: Modul 1: Scham, Modul 2: Nähe/Distanz, Modul 3: Macht/Ohnmacht, Modul 4: Sprache; Modul 5: Verantwortung (Zauner-Leitner und Bossle 2015).

Methodik/Didaktik: erfahrungsorientiert Lehren und Lernen
Methodisch- didaktisch ist das Lernprogramm am selbst organisierten, forschenden und assoziativen Lernen orientiert. Historisch-fachlich bieten die vorangehenden Führungen durch Gedenkstätte und Ausstellung „Wert des Lebens“ eine fundierte und kompetente Grundlage. Soziale Bezüge werden durch Gruppenübungen oder Übungen im Lerntandem berücksichtigt.

Kompetenzerwerb personaler Art wird durch eine Ermöglichungsdidaktik, im Sinne gezielten Aufsuchens eigener Interessensschwerpunkte und Anknüpfungspunkte der SchülerInnen gewährleistet. Diskussionen in Gruppen oder die persönliche Auseinandersetzung mit Themenschwerpunkten zielen auf die Reflexionsfähigkeit und die Selbstwahrnehmung der Lernenden ab.

Die Rolle der Lehrperson ist im Sinne eines Beraters, Begleiters und Moderators innerhalb der einzelnen Sequenzen des gewählten Moduls zu verstehen (Zauner-Leitner und Bossle 2015).

Vorbereitung des Besuchs
Jedes Modul ist als eigener Modulordner im Begleitmaterial auf einer CD-ROM hinterlegt, die die  Lehrperson bei Kontaktaufnahme im Vorfeld eines Besuches am Lern- und Gedenkort postalisch zugesandt bekommt. Darin finden sich eine Kurzbeschreibung des Moduls, eine detaillierte Ablaufdarstellung und ein Paper zur Moderation, das die einzelnen Verfahren in aller Kürze nacheinander und mit Memos und zentralen Fragestellungen in Tabellenform darstellt. Außerdem ist für jedes  Modul spezifisches Begleitmaterial vorhanden, das in der Durchführung notwendig wird (Kopiervorlagen, Hintergrundbeschreibungen zu Hilfsmitteln, die eingesetzt werden, weiterführende Literatur zur Vor- und Nachbereitung). Zusätzlich werden modulübergreifend eine Anleitung für BerufsbildMenschenbild, eine Bibliografie, ein Glossar mit zentralen Begriffen zum Nationalsozialismus, methodische Hintergrundliteratur sowie Infos zu Ausstellung und Gedenkstätte angeboten (Zauner-Leitner und Bossle 2015).

Exemplarischer Blick in ein Modul: „Macht/Ohnmacht“
Strukturell intendiert das Modul die Stellung der Pflegepersonen im Zeitfenster des Nationalsozialismus näher zu untersuchen. Dabei spielen die Strukturen der NS-Diktatur ebenso eine Rolle, wie die Entwicklung und das Selbstverständnis der Berufsgruppe selbst: Welche Möglichkeiten gab es, mächtig zu sein/werden und welche Bedingungen lagen vor, dass  Pflegende auch von der Gerichtsbarkeit als ohnmächtig angesehen wurden.

Individuell hängt Macht von Bedingungen wie Selbstvertrauen, Zivilcourage, der eigenen beruflichen Haltung persönlichen Überzeugungen oder einer Pflegephilosophie sowie natürlich Mut ab. Welche Überzeugungen und Haltungen waren es, die Pflegende zu Täter machten oder Widerstand zeigen ließen? Welche Merkmale gelten für die Gegenwart, sind wir als Pflegende gefeit vor solchen Entwicklungen?

Jedes Modul beginnt mit einem assoziativen Einstieg der Lernenden. Die subjektiven Perspektiven, spontane Reaktionen und Verknüpfungen der SchülerInnen/Studierenden zum Thema sollen benannt werden. Bei dem Modul „Macht/Ohnmacht“ vervollständigt dafür jede/r TeilnehmerIn den Satz „Mächtig sein heißt für mich…“ und „Ohnmächtig sein heißt für mich…“ und steckt den Zettel in ein Kuvert.

Wie in jedem Modul wird auch bei „Macht/Ohnmacht“ noch einmal die Ausstellung und die Gedenkstätte zum Gegenstand der Betrachtung und Erfahrung. Mit dem Fokus: „Wo treffe ich in Ausstellung und Gedenkstätte auf Macht und Ohnmacht?“  liefern die Lernenden wichtige Beiträge aus Ihrer Beobachtung und leiblich spürbaren Erfahrungsschatz. In Lerntandems führen sie ihre/n PartnerIn, die die Augen verschlossen hat, zu den ausgewählten Orten, wo gezielt die Augen für kurze Zeit geöffnet werden, bevor man zum nächsten Ort geführt wird. Gemeinsam werden im Anschluss die Befindlichkeiten des Führens und Geführt Werdens, sowie die inhaltlichen Überschneidungen und Differenzen in Bezug auf die ausgewählten Orte reflektiert.

Im Plenum wird durch das Suchen von Analogien in der Gegenwart der Transfer auf die berufliche Gegenwart versucht. Die Ergebnisse werden protokolliert und strukturiert. In Kleingruppen folgt schließlich die Beschäftigung mit einzelnen Biographien von Personen, die in der NS-Euthanasieanstalt Hartheim oder in deren Umfeld im Bereich der Pflege tätig waren. Durch das Legen eines Puzzles machen sich die TeilnehmerInnen des Moduls im wahrsten Sinne des Wortes ihr Bild von der ausgewählten Pflegeperson, bevor sie die Möglichkeit haben, nähere biographische Details zu recherchieren. Dabei sollen Handlungsspielräume nachgespürt und Hinweise auf Macht und Ohnmacht in den einzelnen Biographien gefunden werden. Die Ergebnisse werden den KollegInnen präsentiert.

Zum Abschluss formuliert jede/r TeilnehmerIn auf’s Neue zwei Formulierungen zu Macht und Ohnmacht – auch diese werden eingesteckt und zu einem späteren Zeitpunkt individuell wieder gelesen und mit den ersten Assoziationen abgeglichen.

Eine Zitatsammlung kann als Kopie vorbereitet und den Teilnehmern nach Abschluss ausgeteilt werden. Die Zitate zeugen eindrucksvoll von der beruflichen Rolle und der Entwicklung des Berufes in Vergangenheit und Gegenwart (Zauner-Leitner und Bossle 2015).

 Zusammenfassung
Die Verbindung der historischen mit der aktuellen Seite von Ausstellung und Gedenkstätte bietet einen Zugang für die Vermittlungsarbeit, der sowohl an den Erfahrungen von SchülerInnen und Studierenden in ihrem aktuellen Lebensumfeld anknüpft, als auch die Verbindung zu den historischen Hintergründen und Ursachen eröffnen kann. Die Fragen dies sich für die eigene Berufsgruppe aufwerfen, lassen sich an gegenwartsbezogenen Anlässen und Problematiken der Pflegepraxis reflektieren. Angesichts dessen, dass für den historischen Zeitraum des Nationalsozialismus die Zeitzeugenschaft immer mehr schwindet, hat sich der Aktualitätsbezug der Ausstellung in Hartheim als geeignete Methode erwiesen, die Geschichte als notwendig zum Begreifen und Verstehen der Gegenwart sehen zu können – gerade für Lehrende und Lernende der Gesundheits- und Krankenpflege bieten sich hier Anknüpfungspunkte, die neben der historischen Faktenvermittlung, auch in verstärktem Maß die Förderung ethischen Handelns (Wertevermittlung) anregen sollen und kritisch-konstruktive Denkprozesse und Reflexion initiieren.

BerufsbildMenschenbild bietet für alle unterschiedlich graduierten Pflegenden Anschlüsse und konkrete Lehr- Lernangebote. Besonders müssen sich zukünftig auch die Assistenz- und Pflegehilfsberufe die Frage nach konkreter geschichtlicher Auseinandersetzung stellen. Aufgrund anstehender neuer Berufegesetzgebungen in Deutschland und Österreich sind derartige Angebote von zunehmender Bedeutung. Die Frage nach beruflicher Identität wird sich demnach auch für die Pflegehilfsberufe stellen. Mit dem kritischen Blick in die Vergangenheit können reflektorische Kompetenzen Grund gelegt werden (Vgl. Bauermann 2015). Mit Programmen wie BerufsbildMenschenbild lassen sich darüber hinaus berufspädagogische Strategien wie der Umgang mit Widersprüchlichkeiten oder auch eine widerständige Pflegepädagogik (Vgl. Kellner 2011) verfolgen.

Nähere Informationen zum didaktischen Vertiefungsprogramm BerufsbildMenschenbild:

Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim
SCHLOSSSTRASSE 1
A-4072 ALKOVEN
www.schloss-hartheim.at
office@schloss-hartheim.at
fax +43 7274 6536 548
tel +43 7274 6536 546

 

Literaturverzeichnis
Bauermann, E. (2015): Pflegehistorische Lehr- und Lerninhalte in der Ausbildung zur/zum Pflegefachhelfer/in in Bayern. Noch unveröffentlichte Bachelorthesis an der TH Deggendorf, Deggendorf

Bossle, M. (2015):  Die Zukunftsorientierung der deutschen Pflegewissenschaft an der Schnittstelle von Alter(n) und Pflege: Ein Plädoyer zur Konturierung pflegewissenschaftlicher Identität. Pflegewissenschaft/ PrInterNet 02/15: 103-115

Bossle, M. (2012): Die Zukunftsorientierung der deutschen Pflegewissenschaft an der Schnittstelle von Alter(n) und Pflege, HPS – Media, Hungen.

Dornheim J. et al. Pflegewissenschaft als Praxiswissenschaft und Handlungswissenschaft. Pflege und Gesellschaft, Zeitschrift für Pflegewissenschaft 1999; 4: 73-79

Eberle A. (2008) Pädagogik und Gedenkkultur. Bildungsarbeit an NS-Gedenkorten zwischen Wissensvermittlung, Opfergedenken und Menschenrechtserziehung. Würzburg, Ergon.

Kellner, A. (2011): Von der Selbstlosigkeit zur Selbstsorge. Eine Genealogie der Pflege. LIT-Verlag, Berlin

Zauner-Leitner, I., Bossle, M. (2015): Lehrende und Lernende der Pflege- und Sozialberufe an einem historischen Ort des Leides: Möglichkeiten der Reflexion und Vertiefung. In: Geschichte der Pflege; Kongressdokumentation Geschichtswelten 2014 (zur Veröffentlichung angenommen in 2/15)

 

Über Michael Bossle 4 Artikel

Pflegewissenschaftler (Univ.), Dipl. Pflegepädagoge (FH), Gesundheits- und Krankenpfleger, Professor für Pflegepädagogik, Deggendorf

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