17 Jahre „Familienorientierte und gemeindenahe Pflege am Department für Pflegewissenschaft: lessons learned“

(C) Witten/Herdecke
Prof. Wilfried Schnepp

17 Jahre sind keine 20 Jahre, kein rundes Datum oder gar ein Jubiläum, aber die Anfrage nach einem Beitrag über meine Arbeit gibt mir die Gelegenheit Rückschau zu halten und einen Blick in die Zukunft zu werfen.

Der Anfang: auf der Suche nach dem Rahmen

Als ich vor 17 Jahren die Leitung des Lehrstuhls für Familienorientierte und Gemeindenahe Pflege am damaligen Institut für Pflegewissenschaft an der Universität Witten/Herdecke übernommen habe, sind aus heutiger Sicht einige Dinge erstaunlich: 1. dass zu dem Zeitpunkt überhaupt ein Lehrstuhl der familienorientierten Pflege gewidmet wurde und dass 2. ich diesen Lehrstuhl tatsächlich übernommen habe. Zu 1. ist zu sagen, dass bis heute Professuren und Lehrstühle in Sachen Pflege in der Regel nicht spezifisch denominiert werden, sondern allgemein der Pflegewissenschaft gewidmet sind. In der Medizin wäre es undenkbar, Professuren in einer medizinischen Fakultät als „Medizin“ zu bezeichnen, tatsächlich bilden die Denominationen den inhaltlichen Schwerpunkt ab, der dann zu Recht auch erwartet werden kann. Ein Lehrstuhl Kardiologie wird sich mit kardiologischen Themen in Praxis, Forschung und Lehre befassen, nicht mit anderen medizinischen Teilbereichen, es sei denn, sie berühren kardiologische Themen.

2001 bestand zwar ein Konsens dazu, Pflegewissenschaft an deutschen Hochschulen und Universitäten zu etablieren, es war aber keinesfalls klar, womit sich die Professuren beschäftigen sollen. Insbesondere die Fachhochschulen haben bis heute das Problem, „alles“ anbieten zu müssen. In Witten war dies anders. Hier wurden von Anfang an pflegewissenschaftliche Professuren spezifisch denominiert, so auch der Lehrstuhl für „Familienorientierte und Gemeindenahe Pflege.“ Das Interesse an solch einem Lehrstuhl hat Gründe. Seit der 90ger Jahre wurden „ Pflegende Angehörige“ immer mehr zum Thema, dies zu Recht, wenngleich der Diskurs in dieser Zeit häufig durch Polemik gekennzeichnet war und die Absicht eher politisch war. Es war die Zeit der Pflegeversicherung, Familien, die einen Angehörigen pflegten, wurden zu „pflegenden Angehörigen.“ Diese Zeit um die Jahrtausendwende war eine überaus kreative Zeit und größere  Forschungen zu pflegenden Angehörigen stammen aus dieser Zeit.

Dem Thema der Angehörigenpflege wird am Lehrstuhl bis heute ungebrochene Aufmerksamkeit gewidmet, gleichzeitig war es mir stets ein Anliegen, den Fokus der Angehörigenpflege auszuweiten. Tatsächlich haben wir uns sehr rasch auf „Family Nursing“ als Rahmen für Forschung, Lehre und Praxis konzentriert. Zwar spielt Angehörigenpflege eine wichtige Rolle, aber die Orientierung auf Family Nursing erlaubt uns Auseinandersetzungen anderer Art. Es muss nicht immer Angehörigenpflege sein. Family Nursing erlaubt systematisch komplexen Fragen zu „Family as a Unit“ nachzugehen und nicht alleine „Family as a Context“ in den Blick zu nehmen, wie es bei der Angehörigenpflege der Fall ist. Es ist sehr wichtig, die eigenen Perspektiven in Frage zu stellen, wenn man nicht zu dem Bild beitragen möchte, dass alle pflegenden Angehörigen immer belastet sind, dass Angehörigenpflege immer weiblich ist und dass ausschließlich gerontologische Themen untersucht werden. Wichtig ist es die gesamte Lebensspanne und Entwicklungsaufgaben von Familien in den Blick zu nehmen.

Dieser Fokus auf Familien mündete in sehr erfolgreiche „Young Carers“ Projekte und schließlich in ein kooperatives Forschungskolleg, das wir gemeinsam mit der Hochschule Osnabrück betreiben. In diesem Kolleg haben 24 Kollegiatinnen und 4 Postdocs die Gelegenheit, zu Familien im Zusammenhang mit Krankheitsbewältigung und Gesundheitsförderung zu forschen, zu promovieren und die wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen. Betreut werden sie von drei Professorinnen und zwei Professoren. Auf die Ergebnisse des Kollegs sind wir alle sehr gespannt. Was wird der Beitrag über die einzelnen Projekte hinaus sein? Welche Antworten werden wir geben, werden wir die theoretischen Grundlagen zu Family Nursing weiter entwickeln können?

Die Suche nach Heimat

Ebenfalls erstaunlich ist, dass ich überhaupt diesen Lehrstuhl angetreten habe. Insgesamt sieben Jahre wissenschaftlicher Tätigkeit an verschiedenen Hochschulen im UK, den Niederlanden und schließlich meine Zeit an der Universität von Utrecht haben mich nachhaltig geprägt. Ich lernte Pflegewissenschaft in einem Umfeld, wo sie nicht so unter Druck stand wie in Deutschland. Wir mussten nicht diskutieren, warum es wichtig ist, dass auch die Pflege forscht, sondern lernten forschen, wie alle anderen Disziplinen auch. Die Selbstverständlichkeit mit der in diesen Ländern Pflegewissenschaft betrieben wurde, ist ein guter Boden, sich schnell heimisch zu fühlen. Ich hatte das große Glück, von Prof. Dr. Mieke Grydonck betreut zu werden und sie hat mich, wie auch Prof. Dr. (mult) Ruth Schröck in meinem Wissenschaftsverständnis am stärksten geprägt. Diese verehrten Lehrerinnen haben beide bis heute eine klare Vorstellung dazu, was die Aufgabe der Pflege ist. Im Mittelpunkt stehen kranke und pflegebedürftige Menschen. Ihre subjektive Sicht und ihr Erleben ist Ausgangspunkt für unsere Forschung und die Entwicklung von Interventionen bis hin zu Theorien.

In Deutschland bestanden durchaus andere Auffassungen dazu, was Pflegewissenschaft ist oder zu sein hat. Es ging weniger um die direkte Patientenversorgung, sondern eher um wissenschaftstheoretische und berufssoziologische Fragen. Zu Anfang bestand in Deutschland zum Beispiel ein eher unkritischer Umgang mit Pflegetheorien und Instrumenten der beruflichen Pflege, wie etwa dem „Pflegeprozeß“. Von Mieke Grypdonck hatte ich einen sehr kritischen Umgang mit Pflegetheorien gelernt. Insbesondere Orems Theorie lernten wir nach allen Regeln der Kunst zu zerlegen. Wir waren überzeugt, dass wir „andere Theorien“ benötigten: die Theorien sollten empirisch verankert sein und eine geringere Reichweite haben. Mieke Grypdonck startete in dieser Zeit ihre Theorie zu chronisch krank sein zu entwickeln, ein Prozess, den sie bis heute verfolgt. In Deutschland dachte man indessen über die „12 ATL’s“ nach. Tatsächlich ist es mir gelungen, die Arbeiten aus den Niederlanden von Mieke Grypdonck und auch von Corry Bosch bekannt zu machen. Wer heute in Deutschland und Österreich zu chronisch Kranken forscht, kommt an Mieke Grypdonck nicht vorbei. In Deutschland sind es insbesondere Doris Schaeffer und Martin Moers, die die Arbeiten von Mieke Grypdonck aufgegriffen haben und in Österreich war es Elisabeth Seidl.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind in gewisser Weise „Nomaden“. Sie sind nicht geografisch an Orte gebunden, sondern sie haben ihre Heimat da, wo sie ihre Ideen zu Wissenschaft, Forschung und ihre Schwerpunkte umsetzen können, das ist ihre Heimat. So verwundert es auch nicht, dass ich über Kooperationen in verschiedenen Ländern verfüge, wo ich mich sehr heimisch fühle, wie etwa in Wien, Gent, Ostrava und Haifa. Diese Kooperationen tun gut. Sie helfen dabei, den Blick offen zu halten und über den „Tellerrand“ zu schauen.

Säen und ernten

Zu den Aufgaben von Professorinnen und Professoren gehört es, den wissenschaftlichen Nachwuchs zu fördern. Dies gilt insbesondere für Doktoranden. Hier ist das Department für Pflegewissenschaft der Universität Witten/Herdecke richtungsweisend mit dem Doktorandenkolleg, das seit 1996 betrieben wird. Insgesamt haben 83 Kolleginnen und Kollegen ihren Doktorgrad erhalten, 35 davon sind Professorinnen und Professoren geworden. Das ist ein enormer Erfolg. Ich leite das Doktorandenkolleg und gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen betreuen wir Doktorandinnen und Doktoranden und unterstützen sie.

Insbesondere freue ich mich, wenn Mitarbeiterinnen am Lehrstuhl und ehemalige Studierende promovieren und selbst Professorinnen und Professoren werden. Hierzu zählen etwa Sabine Metzing, Andreas Büscher, Andre Fringer, Jörg große Schlarmann, Inge Eberl, Anne Meissner, Margareta Halek und all die vielen ehemaligen Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Doktorandenkollegs, die ich als Mentor und Erstbetreuer begleiten durfte. Die Liste ließe sich problemlos ausweiten.

Es geht aber nicht nur um die Anzahl von Professorinnen, die ich begleiten durfte, sondern auch um thematische Ausrichtungen. Sabine Metzing promovierte beispielsweise in meinen Forschungsprojekten zu „Young Carers“, dies führte zur Berufung als Juniorprofessorin und schließlich als Universitätsprofessorin für Pflegewissenschaft mit dem Schwerpunkt Kinder und Jugendliche. Andreas Büscher war mein erster wissenschaftlicher Mitarbeiter und beschäftigte sich mit „Pflegeversicherung“. Heute ist er als Professor eine Autorität in Sachen Pflegeversicherung und Langzeitpflege. Andre Fringer beschäftigte sich als Mitarbeiter am Lehrstuhl mit Ehrenamt, Unterstützung von Familien und dies mündete in sein Interesse zu Palliative Care. Als Professor ist er heute ein Experte auf diesem Gebiet geworden. Wer sich heute mit der Frage beschäftigt, wieviel „Young Carers“ es gibt, stößt unweigerlich auf Martin Nagl-Cupal, den ich als Doktorand in Witten betreuen durfte. Das war nicht folgenlos und wenn meine verehrte Kollegin Hanna Mayer die Meinung vertritt, dass Family Nursing in Österreich „eingeschneppt“ wurde, so war Martin Nagl-Cupal daran nicht ganz unschuldig. Ich muss nicht mehr Vorlesungen zu Family Nursing in Österreich machen. Der Experte auf diesem Gebiet in Österreich heißt Martin Nagl-Cupal.

Zum Schluss

Die 17 Jahre „Familienorientierte und Gemeindenahe Pflege“ waren gute Jahre. Sich wissenschaftlichen Herausforderungen zu stellen, gleichzeitig nicht auf jeden Zug springen, kritisch bleiben, weiterentwickeln und Menschen zu fördern, ist der Kern der Tätigkeit. Aber noch etwas habe ich gelernt, was ganz banal ist und was Menschen nicht gut können: 1. alles unterliegt dem Gesetz der Veränderung, sie kann nicht aufgehalten werden und 2. man sollte sich selbst nicht zu wichtig nehmen, denn dann werden andere wichtig, über deren Entwicklung man sich aufrichtig freuen kann.

Wilfried Schnepp
Über Wilfried Schnepp 1 Artikel
Prof. Dr. Dipl.-Pflegepäd. Schnepp, Wilfried, MSc Univ.-Prof. Dr. Wilfried Schnepp, Dipl.-Pflegepäd., MSc (Nursing), Fachkrankenpfleger in der Intensiv¬pflege leitet seit 2001 an der Universität Witten/Herdecke den Lehrstuhl für familienorientierte und gemeindenahe Pflege. Prof. Dr. Schnepp lehrt familienorientierte Pflege in verschiedenen europäi¬schen Ländern. An der Universität Witten/Herdecke leitet er außerdem das PhD-/ Promotionspro¬gramm, ist stellvertretender Vorsitzender der Promotionskommissionen Dr. med., Dr. rer.medic., Dr. phil. und ist Sprecher des kooperativen Forschungskollegs „FamiLe – Familiengesundheit im Le¬bensverlauf“, Standort Witten, das in Kooperation mit der Hochschule Osnabrück durchgeführt wird. Prof. Dr. Schnepp verfügt über aktuelle berufspraktische Erfahrungen in der Palliativpflege und Gesundheitsversorgung von Flüchtlingen.

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